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Schiefe Uhr

Landstraßer Hauptstraße, schiefe Uhr, Blickrichtung Simmering.

20.03.2011 Autorevue Magazin

Samstag, 10 Uhr:
Dort, wo ich viele Wochenenden verbringe, hat die Bäckerei mit den wunderbaren Hand­semmeln zugesperrt, weil gegenüber eine Erlebnis­bäckerei eröffnet hat und jetzt alle dort hinrennen, obwohl es keine Handsemmeln gibt – und das Erlebnis hab’ ich auch noch nicht entdeckt.

Samstag, 11 Uhr:
In nachgerade manischer Manier lese ich Immobilien-Inserate. Ein Immobilien-Inserat hat kaum eine Chance, von mir ungelesen davonzukommen. Eines habe ich unlängst sogar unter „Clubmassagen“ ­entdeckt, muss mich auch immer wieder über „uneinsichtige Grundstücke“ ­wundern. Ich bin also Geheim-Immobilien-Experte mit enormem Wissen, das vollkommen brach liegt. Und so soll es auch bleiben. Die Nutzlosigkeit meines Interesses hält ­selbiges wach – ein per­pe­tuum immobilie. Versuchte ich, daraus Kapital zu schlagen, würde ich eher ein Magengeschwür kriegen als reich werden.

Samstag, 12 Uhr:
In der Freizeit-Beilage des Samstag- „Kurier“ schreibt der großartige Ernst Molden kleine Aufsätze über sein Leben in Wien Mitte. Herrlich, dabei zu sein, wenn jemand die Menschen liebt, seine Stadt und die ganze Welt. Außerdem verbindet uns beide etwas: die Landstraßer Hauptstraße. Ich wohne nämlich am anderen Ende dieses ­Boulevards, der simmeringwärts seinen urbanen Glanz einbüßt und nach der „schiefen Uhr“ in fahlem Grau verschwimmt. Hier weht der messerscharfe Wind von St. Marx. Aber zwischen traurigen Figuren aus dem Anton-Wildgans-Hof und der weithin leuchtenden Hoffnungslosigkeit des Sandler-Altersheims gibt es doch ein paar Neuigkeiten. Jetzt soll auch noch der ORF hierherkommen, sagen die Leut’.

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