Roboter Band
Heavy Metal 2.0
 

We are the Robots

Terminator und RoboCop schaffen es von der Leinwand in die Realität. Nach Computer und Internet sollen Roboter „The Next Big Thing“ sein. Das meinen vor allem Investmentfirmen.

27.02.2014 Online Redaktion

von Jan Fischer

Es ist ein sonniger 21. Dezember in Miami. Schaft steigt aus dem Auto, klettert eine Leiter hoch, öffnet eine schwere Metalltüre und bahnt sich mit einem Schlagbohrer den Weg durch eine Ziegelmauer. Was wie der Einstieg in einen Hollywood-Actionstreifen klingt, ist vielmehr ein Meilenstein in der Robotertechnik: Schaft ist kein Action-Held, sondern ein Roboter, und er hat gerade die hochdotierte Dapra-Robotics-Challenge gewonnen.

Schaft ist so groß wie ein Mensch, geht auf zwei Beinen und hat zwei in alle Richtungen frei bewegliche Arme. In seinem kopflosen Torso stecken Laserscanner, 3D-Kameras, Bewegungssensoren und ein Computer. All das mit einem Ziel: Einfache, alltägliche Handgriffe fehlerfrei auszuführen, die für uns Menschen so selbstverständlich und kinderleicht erscheinen. Genau das war nämlich das Ziel der Dapra-Robotics-Challenge.

Geheimprojekt

Hinter dem Team von Schaft steckt nicht etwa eine Universität oder ein Rüstungsunternehmen, sondern der Internetgigant Google. Schaft ist Teil eines geheimen Robotikprogramms, das Google durch mehrere Firmenübernahmen im vergangenen Jahr stetig mit frischem Know-how versorgt. Neben Schaft Inc. hat sich Google so auch das Robotics-Forschungsunternehmen Boston Dynamics (das derzeit gleich mehrere Projekte für das US-Militär entwickelt) und fünf weitere Roboter-Start-ups gekrallt.

Bei der Dapra-Robotics-Challenge ging es vorerst jedoch noch nicht um die Entwicklung von Kampfrobotern, sondern um den zivilen Katastropheneinsatz. Die Aufgaben drehten sich um all das, was Ersthelfer in einem Katastrophengebiet erwarten kann. So mussten die Roboter mit einem Auto einen Hindernisparcours überwinden, über unwegsames Gelände gehen, Ventile an Gasleitungen schließen, eine Leiter erklimmen oder mehrere Türen öffnen. All das autark, also ohne dass sie von einem Helfer ferngesteuert werden.

Feindliche Umwelt

„Die Welt, in der wir leben, kann man als ausgesprochen roboterfeindlich bezeichnen“, so Schaft-Boss Narito Suzuki. „Schon so etwas einfaches, wie in ein Auto einzusteigen und damit loszufahren, stellt eine immense Herausforderung für die Roboterentwicklung dar.“

Anders als etwa in Fabrikshallen, wo Roboter schon seit langem erfolgreich eingesetzt werden, ist die reale Umwelt nicht auf Roboter eingestellt. Türen, Leitern und eben auch Autos sind ergonomisch an die Bedürfnisse des Menschen angepasst. „Will man einen Roboter bauen, der in der realen Welt zurecht kommt, muss man ihn so menschenähnlich wie möglich bauen“, erklärt Suzuki.

Noch scheitern viele Roboter an den ihnen gestellten Aufgaben. In einer Disziplin sind Roboter jedoch schon jetzt Weltmeister: dem Sichern von Investorengeldern. Allein im vergangenen Jahr soll sich die Summe des Risikokapitals, das in Robotics-Unternehmen investiert wurde, im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt haben. Mehr als 210 Millionen Dollar wurden in den USA 2013 investiert. Zudem haben auch finanzkräftige Schwergewichte aus der IT-Branche das Feld für sich in Beschlag genommen. Neben Googles Multi-Millionen-Dollar Roboterprojekt sorgte vor allem Amazon mit dem Plan für Aufsehen, Paketsendungen in nicht allzu ferner Zukunft über Drohnen ausliefern zu wollen.

Nimmermüde Pfleger

Einer der größten Märkte für Robotertechnik soll nach der Einschätzung vieler Analysten jedoch ein ganz anderes Gebiet werden: die Altenpflege. Weltweit sind fast 50 ernstzunehmende Unternehmen in diesem Bereich aktiv und kommen dem Wunsch nach einem „Personal Robot“ jedes Jahr einen Schritt näher.

Mit dem Roboter PR2 haben sich mehrere Unternehmen, darunter Größen wie Samsung oder Bosch, auf eine einheitliche Hardware-Plattform geeinigt, die als Basis für zukünftige Entwicklungen dienen soll. Schon jetzt kann PR2 bei vielen Dingen im Haushalt helfen. Er öffnet Schranktüren und Schubladen, kann die korrekte Medikation aus Pillen-Fläschchen zusammenstellen und sogar einfache Gerichte kochen.

Für einen Einsatz im Massenmarkt ist sein Preis von derzeit 400.000 Dollar allerdings noch viel zu hoch. „Wir sind heute in der Robotik dort, wo die Computerbranche Anfang der 80er Jahre war“, schätzt Charles Kemp von Healthcare Robotics die aktuelle Situation ein.

„Wir stehen an einer Schwelle zur echten Massentauglichkeit. Dass der Preis für Roboter heute noch so hoch ist, liegt nämlich auch daran, dass fast jedes Exemplar ein Prototyp ist – sobald ein Hersteller hier Serienreife erreicht, wird es einen echten Dammbruch geben.“

Ein deutlich spezialisierteres Einsatzgebiet hat das Robotikunternehmen Kinova im Auge. Der Roboterarm Jaco kann Personen mit körperlicher Behinderung im Alltag zur Seite stehen. Angebracht an einen Rollstuhl erweitert der feinfühlige Roboterarm nicht nur den Aktionsradius seiner Benutzer, sondern macht in vielen Fällen auch externe Hilfe überflüssig. „Dinge, wie ein Getränk aus einer Flasche in ein Glas einschenken und alleine zu trinken – das wäre für mich vor wenigen Monaten nicht ohne Hilfe möglich gewesen“, erinnert sich Richard Foreman, der nach einem Unfall vom Hals abwärts gelähmt ist. „Jaco ersetzt zumindest teilweise eine Vollzeit-Betreuung.“

Auf einem anderen Sektor hat ein intelligenter, lernfähiger Roboter bereits erste kommerziell erfolgreiche Schritte unternommen. Baxter ist der erste elektronische Hilfsarbeiter, der seinen Dienst in Abstimmung mit menschlichen Kollegen verrichten kann. Einfache Arbeitsabläufe lernt der freundlich dreinblickende Roboter von Rethink Robotics dabei durch Zusehen und Nachahmung – so wird für Baxter im Alltagsbetrieb kein Team von hochqualifizierten Mechatronikern benötigt. Sein Preis von rund 22.000 Dollar liegt auf dem Niveau der Jahresgage eines Niedriglohn-Arbeiters in den USA.

Verspielt

Nicht jeder kann sich mit der Idee anfreunden, seinen Arbeitsplatz bald mit einem digitalen Kollegen teilen zu müssen – oder gar von ihm ersetzt zu werden. Weitaus weniger Stirnrunzeln hat da schon das Robo-Business Anki zu befürchten. Sein Metier: Roboter-Spielzeuge mit künstlicher Intelligenz. Nachdem sich das Unternehmen im Juni 2013 ein Rekordinvestment von 50 Millionen Dollar gesichert hatte, kam das erste Produkt zu Weihnachten in die US-Läden.

Anki Drive ist ein Autorennspiel, das die reale Welt und Computerspiel verbindet. Kleine Rennautos fahren autark auf einer Rennstrecke, etwa am Boden im Wohnzimmer. Ohne Eingriff durch die Spieler kurven die Spielzeugautos von selbst, und ohne Crash, um den Rundkurs. Der Spieler übernimmt eine taktische Rolle, via App kann er einen kurzzeitigen Geschwindigkeitsschub auslösen oder dem Auto mitteilen, ob es einen anderen Wagen in der nächsten Kurve innen oder außen überholen soll. Was hier aussieht wie ein unscheinbares Spielzeug, ist in Wahrheit hochkomplexe Robotertechnik.

Dass Roboter nach Computer und Internet die nächste große Technologierevolution einläuten werden, scheint programmiert. Denn aufzuhalten ist die Robo-Invasion nicht mehr. Bis 2020 will Samsung beispielsweise einen Roboter an jeden Haushalt in Südkorea verkaufen.

Die meisten davon werden wohl noch Staub saugen oder den Rasen im Vorgarten mähen. Schon bald könnten sie diese Dienste aber stehend auf zwei Beinen verrichten.

Vielen Dank an die Kollegen von Format.at

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