Sheriff Ed Tom Bell mag eigentlich gar nicht mehr.
 

Roadmovie: No Country For Old Men

Kein Land für alte Männer, kein Film für schwache Nerven: Wer Probleme mit exzessiver Gewalt, langsamer Action, psychopathischen und patscherten Protagonisten oder unbefriedigenden Enden hat, sollte No Country For Old Men nicht anschauen. Alle anderen unbedingt!

22.10.2014 Online Redaktion

Das Land, in dem man nicht alt wird, ist Texas an der Grenze zu Mexiko bzw. vice versa. Der Schweißer LLewelyn Moss (Josh Brolin) stößt im untersten Südwesten der USA bei der Jagd durch Zufall auf die Überbleibsel eines gescheiterten Drogendeals – tote bzw. halbtote Männer, eine Wagenladung Heroin sowie einen Koffer mit 2 Millionen Dollar in Bar. Er nimmt das Geld, kehrt aber in einer Anwandlung schlechten Gewissens an den Tatort zurück, um einem Überlebenden zu helfen, den er zuvor zurückgelassen hatte. Dass man sich als „unrechtmäßiger“ Besitzer einer größeren Menge Drogengeld nicht unbedingt von seinem Gewissen leiten lassen sollte, wird Moss zwar schnell, aber nicht schnell genug klar – er hinterlässt gezwungenermaßen Spuren, und fortan sind ihm gleich mehrere unangenehme Zeitgenossen auf den Fersen. Unter anderem der nicht bloß seines Brotberufs wegen befremdlich anmutende Auftrags- und Vergnügungskiller Anton Chigurh (Javier Bardem), der sich gar keine besondere Mühe gibt, dabei nicht seltsam aufzufallen. Da vermag auch Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones), der in die Jahre gekommene Sherriff des texanischen Terrel County, nicht viel auszurichten.

Schön, spannend, schaurig.

„No Country for old men“ basiert auf einem Roman von Cormack McCarthy, man könnte sagen: Einer imposanten, tristen Szeneriebeschreibung mit fallweisem Aufflackern von Handlung. Der Film verdichtet diese Vorlage zu einem eindringlichen, modernen Western, der trotz seiner schnörkellosen, unaufgeregten Erzählweise die Spannung bis zum Schluss aufrechterhalten kann. Ohne unnötiges formales oder zwischenmenschliches Beiwerk erzählen die Coen-Brüder eine Geschichte von Jägern und Gejagten und vom Verfall, dem generellen, dem moralischen und dem amerikanischen, beiläufigen Gewaltexzessen und Resignation in einer wunderbar trostlosen Atmosphäre. Lange Einstellungen inszenieren die weitläufige, schroffe Landschaft des Grenzgebietes zu einem Hauptdarsteller, der das Übrige zum Aufbau der tristen Gesamtstimmung tut.

Die Hauptcharaktere taumeln in gnadenloser Selbstüberschätzung durch die Einöde und benehmen sich dabei reichlich eigenartig. In den spärlich gesäten Dialogen geht es häufig darum, dass zumindest einer der am Gespräch beteiligten sich eigentlich gar nicht unterhalten will. Dabei entstehen wunderbar skurrile Momente, die dem geneigten Zuschauer inmitten all der Trostlosigkeit und Gewalt wohl mehr als nur ein Schmunzeln entlocken. Den Film als „lustig“ zu bezeichnen wäre wohl trotzdem übertrieben – eine gewisse (schwarz)humorige Komponente kann man ihm trotzdem nicht absprechen.

Der Kontrast zwischen den ruhigen Bildern, einer spannenden Story, dem imposant-düsteren Setting, der beiläufigen Gelassenheit der Geschehnisse, der resignativen Gesamtstimmung und der nervenaufreibenden Atmosphäre machen den Film zu einem Must-See für alle Geduldigen, die nicht unbedingt eine Figur mit massig Identifikationspotenzial oder ein „gutes“ Ende (was auch immer man darunter versteht) für einen gelungenen Filmabend brauchen, und die ein bisschen Blut nicht gleich unter die Couch scheucht.

4 Oscars für No Country For Old Men

„No Country for old men“ – im Deutschen etwas unglücklich als „Kein Land für alte Männer“ erschienen – wurde 2008 mit vier Oscars ausgezeichnet, unter anderem als Bester Film. Die Filmmusik hätte auch einen verdient, es gibt nämlich keine, was nicht nur angenehm, sondern auch angebracht ist.

Einen weiteren Oscar – für den Besten Nebendarsteller – hat Javier Bardem für seine Rolle als entrückten Bösewicht eingefahren. Völlig zu recht. Allein seiner Performance wegen ist der Film es wert, gesehen zu werden. Mit seinem Multi-Purpose-Bolzenschussgerät erscheint Anton Chigurh beinahe geisterhaft überall dort, wo die Heimgesuchten es sich nicht gewünscht hätten, um ein bisschen zu plaudern. Ein eleganter, höflicher Killer mit Geschmack – Psychopath ist so ein hartes Wort. Wer würde diesem Mann nicht trauen?

Mehr zum Thema
  • Gilbert Schantl

    Cool.

pixel