gebratene und mit Chili gewürzte Jakobsmuscheln mit Fenchel
gebratene und mit Chili gewürzte Jakobsmuscheln mit Fenchel
 

In vino caritas

Wir fahren fort: Nach Süden, auf der Suche nach Licht, Landschaft und Labsal für die wintermürbe Seele.

02.05.2013 Autorevue Magazin

Prinzipiell ist es eine gute Sache, sich ab und zu auf eine Suche zu begeben, deren Ziel gar nicht im Auffinden von etwas liegt. Es geht lediglich darum, einen Standpunkt zu verlassen, an dem man vielleicht ein leichtes, mittelschweres oder gravierendes Unwohlsein verspürt.

Raus aus dem Dunkel, zum Beispiel. Aber physisch entkommt man der Finsternis derzeit ja nicht. Es ist in der Früh beim Aufstehen finster, oft auch zu Mittag, und der Abend fängt meist schon am Nachmittag an. Selbst weiter südlich ist das im Augenblick nicht anders (zumindest so weit einen das Auto in ein Wochenende mit vernünftiger Schlagdistanz bringen kann). Man muss das anders angehen.

Ich bin ins Friaul gefahren. Dort hat das wenige Tageslicht eine geringfügig andere Schattierung, und die Luft ist milder. Das ist dem nahen Meer zu danken. Ein topografischer Umstand, der seine frohmachenden Auswirkungen auch auf die Speisekarten in den Restaurants hat, und zusammen mit den wundervollen Kreszenzen, die in dieser Gegend wachsen, übt das eine große Heilwirkung auf die vom Herbstblues geschundene Binnenlandseele aus.

Ich sag’s so: Mir ist innerlich ein Licht aufgegangen.
Die seelische Erhellung wurde von einer Flasche Wein hervorgerufen, einem Pinot Grigio von Specogna aus den Colli Orientali, der erst zart rosa ins Glas floss und dann in mich, Schluck für Schluck, und meine Welt ein kleines bisschen von seiner Rosé-Nuance annehmen ließ, was sich wirklich wundervoll angefühlt hat, ganz ehrlich.

Der Ort des Wunders war ein Restaurant in der Nähe von Udine, das man übersehen würde, wäre man nicht hinempfohlen worden. Das Campiello liegt direkt an der SS56, die schnürlgerade vom Stadtrand Richtung Cormons führt. Früher war das Campiello einmal eine beliebte Einkehrstätte für Lastwagen­fahrer, was einem der große Parkplatz vor dem Haus schon erzählt, bevor man es nachgelesen hat. Das Haus wurde dann vor eh schon langer Zeit von der Familie Macorig in ein elegantes Etablissement gehobener Speisekultur mit Übernachtungsmöglichkeit umgebaut. Es ist ein klassisches Arrangement aus indirektem Licht, weißgedeckten Tischen, Wohnzimmerflair, schweren Besteck und kultivierten Umgangsformen mit Schwerpunkt Fisch und Meeresfrüchten. Und ein Geheimtipp in Sachen Wein. Signore Macorig soll an die 25.000 Flaschen ausgewählter Köstlichkeiten im Keller haben, jedenfalls kann man sich durch eine umfangreiche Karte lesen oder den hübschen jungen Sommelier mit seinen Wunschvorstellungen füttern, auf dass der seine Empfehlung ausspricht.

Ich hatte zu meinem Erleuchtungs-Pinot-Grigio gebratene und mit Chili gewürzte Jakobsmuscheln mit Fenchel, danach einen grandiosen Seeteufel mit marinierten Artischockenböden und ein paar Tupfern Kräutersauce und eine kunstvoll-köstliche Schokolade-Dessert-Variation. Es war ein langes Mahl, wie es sich gehört, wenn die Dinge im Lot sind, dem als Krönung einzig ein abschließender Spaziergang an der frischen Luft fehlte. Aber der hätte in die Dunkelheit geführt. Aus der ich ja geflohen war.

Mehr zum Thema
pixel