würziger Rohschinken
würziger Rohschinken
 

Hämmern im Park

Wir fahren fort: Diesmal an den Westrand von Wien, wo ein Nebental mit historischem Tiefgang einen Off-Broadway-Fluchtweg aus der Hauptstadt anbietet.

05.10.2013 Autorevue Magazin

 

Zwischen Winter und Frühling gibt es einen Dämmerzustand, der sich wie ein Soundtrack zum falschen Film anhört. Die Natur scheint noch zu schlafen, Schneeglöckchen und Leberblümchen versuchen aus dem Schnee, der noch liegt, antidepressive Wirkung durch naiven Frohmut zu verströmen, sonst aber ist alles noch graubraun und in den Weihern hält sich hartnäckig Eis, das sich an den Frostnächten nährt.

Wenn die Schnäbel hämmern und die Nasen rinnen

Aber dieser Halbschlaf ist voller Ungeduld, der die Vogelwelt schon seit Wochen laut brüllend ihre Stimmen leiht, die Kälte ignorierend. Und seit die Spechte ihre Schnäbel wieder in altes Baumholz drillen und die ersten Pollenallergiker zu niesen beginnen, wird auch den größten Pessimisten klar: Jetzt kann es jeden Moment so weit sein, dass die warme Jahreszeit ausbricht und man sich flugs ein schönes Plätzchen im Freien suchen und das teigweiße Gesicht mit blinzelnden Augen in die gleißende Sonne halten will. Und zwar PRESTO!

Man sollte dann einen Plan haben. Zum Beispiel diesen.

Am seinem Westrand hat Wien zwei Ausgänge (oder Eingänge, das ist eine Frage des Blickwinkels): Das Wiental mit der Autobahn und der alten Einser-Bundesstraße (das sind die Trampelpfade) und eine unscheinbare Straße, die von Wien-Penzing am hübschen Schloss Laudon vorbei nach Mauerbach führt, wo man links nach Gablitz abbiegen könnte oder geradeaus weiter, über Exelberg und Dopplerhütte ins Tullnerfeld oder auf die Wiener Höhenstraße fahren kann.

Darum Mauerbach

Zwei Gründe gibt es, in Mauerbach Halt zu machen. Zum einen, um sich die wunderschöne Kartause anzuschauen, die eine ergreifend ausladende und liebevoll ­restaurierte Klosteranlage ist, mit einem Baukern aus dem 12. Jahrhundert und einer Geschichte, die von Türkenkriegen bis zur Nutzung als Armen- und Siechenhaus ­allerlei Anschauliches zu bieten hat. Und natürlich: um zu essen. Vor vier Jahren eröffnete in dem kleinen Straßendorf im Wienerwald das Seminarhotel Schlosspark Mauerbach.
Man darf sich vom Wortteil „Schloss“ nicht irreleiten lassen: Das Seminarhotel ist ein Seminarhotel im modernen Sinn, also etwas nüchtern und seelenlos als Gebäude. Aber! Es hat ein ambitioniert geführtes Restaurant, in dem seit einiger Zeit Robert Lenz gehobene Regionalküche kocht. Lenz hat im Steirereck gelernt, später das Gastronomie-Business einer großen Bank geleitet und beschäftigt sich in Mauerbach nun damit, das Thema „Wienerwald“ kulinarisch nachvollziehbar zu machen. Auf den Tisch kommen zum Beispiel ein würziger Rohschinken aus der Gegend, ein erfrischendes Beef Tatar vom Wienerwald-Rind mit Senfeis und gebackenem Ei vom namentlich genannten Bio-Bauern, ein feiner gebratener Seesaibling aus dem Mariazeller Land mit Chicorée und Sauce aus rotem Paprika. Das Essen macht wett, was der Restaurant-Einrichtung an Raffinesse fehlt, aber eigentlich möchte man ohnehin lieber draußen sitzen, auf der Terrasse, und in den fünf Hektar großen Schlosspark mit den riesigen alten Bäumen schauen, dem ohrenbetäubenden Vogelgezwitscher lauschen und dem Drillen der Spechte, die man im laublosen Geäst bei der Arbeit beobachten kann, und sein teigweißes Gesicht in die gleißende Sonne halten, während der bewegungshungrige Nachwuchs im Galopp die Parkwege entlang prescht und Steine auf die mürben Eisreste im Weiher wirft. Bald, ganz bald ist es so weit. Und einen Plan haben wir ja jetzt.

 

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