Rallye all‘italiana

Stefan Kienzl war am Monte Titano.

25.12.2010 User

Die Rede ist natürlich von der Rallye-Legende, der zurzeit wohl genialsten Motorsportveranstaltung für Rallye-Enthusiasten. Auch die Location, das Staatsgebiet von San Marino, gehört eher zur ausgefallenen Sorte von Schauplätzen. Rund um den Monte Titano geht es, mehrheitlich auf Asphalt, ordentlich zur Sache. Die landschaftlichen Gegebenheiten sorgen für viel Abwechslung, es geht also munter mal den Berg rauf, dann wieder runter – und die Show steht im Vordergrund.

Das Rallye-Zentrum befindet sich im Fußballstadion von San Marino, einem der raren Orte, an dem die österreichische Nationalelf in jüngerer Vergangenheit noch überlegene Siege feiern durfte. Auf der Laufbahn, die ovalförmig den Rasen begrenzt, nimmt das gesamte Starterfeld feinsäuberlich Aufstellung, und der staunende Fan flaniert an automobilen Klassikern und Gustostückerln vorbei. Das alles ohne Absperrung, die Fahrzeuge können detailliert besichtigt und sogar berührt werden. Alles kein Problem!

Von Walter Röhrls Audi E2, der die absolute Eskalationsstufe der Rallye-Quattros markierte, über Didier Auriols Weltmeister-Toyota Celica, bis hin zur gefühlten Gesamtheit aller jemals in Turin für Rallyezwecke gebauten Lancia Delta Integale. Allesamt mit illustren Namen wie Sainz, Kankkunen, Aghini und so weiter versehen, bietet sich dem Auge so ziemlich alles, was die Rallye-Welt zu bieten hat(te).

Neben Kalibern vom Schlage eines Ford RS200 verblassen die WRC fast ein bisschen, auf den Sonderprüfungen machen sie dieses Defizit allerdings locker wieder wett.

Neben den Autos sind auch viele Stars von früher am Start. Teilweise in den Originalautos von früher. Neben den bereits erwähnten Röhrl (natürlich im Audi) und Auriol (Toyota Celica GT-Four), waren auch noch Juha Kankkunen (ebenfalls Celica), Francois Delecour (Peugeot 206 WRC) und Italo-Star Miki Biasion (Lancia 037) am Start.

Neben diesen Top-Namen des Sports gibt es viele ambitionierte Lokalhelden, wie etwa Paolo Diana im Fiat 131 racing. Ein Quertreiber der allerfeinsten Schule und dadurch automatisch Publikumsliebling. Zahlreiche andere schmeißen ihre Porsche, Bayrischen oder Escorts derart beherzt um die Ecken des Zwergstaats, dass dem enthusiasmierten Zuschauer nur noch Fragezeichen im Hirn aufsteigen. „Alter, das gibt’s jetzt nicht wirklich, oder???“

Die Tatsache, dass das ganze Spektakel mit Nachtsonderprüfungen beginnt, macht die Sache gleich noch um einiges spezieller. Lichterbäume und massive Zusatzscheinwerfer leuchten dir in die Augen. Sobald die kurzzeitige Erblindung verflogen ist, kommen die Ohren dran. Mit ordentlichem Getöse kommen die Big-Banger daher. Flammen schießen aus den Rohren, in allen Größen und farblich von rot bis blau variierend. Unter frenetischem Applaus der Fans kommt Walter Röhrl an der Ecke an und der Audi S1 E2 brüllt in den Nachthimmel, dass es nur so eine Freude ist. Bei dieser Atmosphäre besteht eindeutig Gänsehautgarantie!

Richtig laut wird es dann, als Biasion den Lancia 037 wunderbar quer daher treibt und dann kommen natürlich Paolo Diana und die ganzen anderen Local Heroes in ihren Asconas, Escort Cosworths usw. Das Treiben geht bis in die frühen Morgenstunden und ganz San Marino brodelt. Während die Herren Kankkunen oder Delecour bereits die Nachtruhe beginnen, kommen jene mit den Startnummern jenseits von 100 erst im Servicepark an und beenden ihre erste Etappe.

Tags darauf geht es erst um die Mittagszeit los. Bevor sich der österreichische Rallye-Fan überhaupt an die südlichen Gegebenheiten gewöhnen konnte, steht man schon wieder auf einem Mäuerchen oder hinter einem Strohballen in einer der zahlreichen Schikanen und wundert sich, dass man heutzutage noch so nah an der Action sein kann. Bei allzu aberwitzigen Fotopositionen greifen die Ordner schon durch und verscheuchen die Leute aus der Gefahrenzone. Generell aber ist man wirklich hautnah am Geschehen. Ein Rallye-Erlebnis mit allen Sinnen!

Witzig auch die Anekdote vom besonderen Verhalten der san-marinesischen Ordnungshüter: Ein ambitionierter, mit Adrenalin voll gepumpter Teilnehmer in einem Mini Cooper S fährt Slalom durch Zuschauerautos und hupt, was das Zeug hält, um rechtzeitig zur Zeitkontrolle zu kommen. Im Augenwinkel erblickt er den Uniformierten und hält kurz an, da er vermutet, dieser habe ihm etwas mitzuteilen. Statt Schimpfe und Zurechtweisung bringt der Polizist bloß ein kurzes „Non voglio dire niente“ – „Ich will gar nix sagen…!“ hervor.

Ein absolutes Highlight der Rallylegende Edition 2010 stellte die Weltpremiere des Lancia ECV1 dar, also jenem Prototypen, der für die nie eingeführte Gruppe S entwickelt wurde. Das rote Flügelmonster im Martini Racing-Design wurde vom Team des Beppe Volta, ehemaliger Lancia-Techniker und heute Besitzer zahlreicher Rallye-Schätze vom Stratos über 037 bis hin zu eben dem angesprochenen ECV1, aufgebaut. Das Kürzel steht für Experimental Composite Vehicle und weist auf die Leichtbauweise der Rakete aus Turin hin. Auf dem Rundkurs „The Legend“ führt Miki Biasion den ECV1 dann erstmals aus, unter Beifallsstürmen des Publikums, das aus allen Teilen Europas angereist ist. Neben einigen Landsmännern und den allgegenwärtigen bundesdeutschen Lieblingsnachbarn, waren viele tschechische, spanische und sogar finnische Kennzeichen zu entdecken.

Gewonnen hat letztendlich Francois Delecour, der es ordentlich fliegen ließ und auch im Alter nichts von seinem gewohnten Elan verloren hat. Gewinner waren aber vor allem Fans wie der Autor dieser Zeilen, denn wo sonst bekommt man fantastische Geräte vom Schlage eines Lancia Delta S4, Audi quattro E2 oder das Carlos Sainz‘ Jollyclub Lancia Delta Integrale von 1993 (ganz zu schweigen von Gianfranco Cunicos Martini-Escort RS Cosworth) in Aktion zu sehen?

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