Ausflug-Kreuzwirt-5-klein
 

Randlagen­vermessung

Wir fahren fort: Diesmal an den südlichen Rand der Steiermark, wo man im Dunkeln leicht die Orientierung verliert, im Kreuzwirt jedoch einen wunderbaren Peilpunkt hat.

28.04.2011 Autorevue Magazin

Die Südsteiermark kann nichts dafür, dass die Dunkelheit grad länger währt als das Tageslicht und dem Reisenden, der im dichten Hügelgestrüpp zwischen Ehrenhausen, Grassnitzberg und Pössnitzberg nicht so ­daheim ist, im ständigen Auf und Ab in der Finsternis der innere Kompass verschüttelt wird.

Vom Weingut Tement kommend etwa, wo man als weltgewandter Großstädter natürlich stehen bleiben, sich im Keller umschauen und ein paar Flaschen des edlen ­Sauvignon Grassnitzberg kaufen muss, tut man sich ein bissl schwer mit dem rechten Weg. Weil schon auf der ­Tementschen Terrasse auf die in Spuckdistanz liegende Grenze zu Slowenien hingewiesen wurde, war klar: Ein Stückchen wird man auf noch fremdere Erde überwechseln, um zum Kreuzwirt hinüberzukommen, dort eines der wunderbaren Zimmer mit im Wohnraum integrierter Badewanne und weltweichen ­Daunenbetten zu beziehen, vor der Nachtruhe die Speisekarte des Dreihaubenrestaurants von Gerhard Fuchs rauf- und runterzuessen, die eine oder andere Flasche Wein zu öffnen und der Maßlosigkeit dann noch ein bis drei Gläser vom Edelbrand als spirituelle Korrektur entgegenzuhalten.

Es war schon Abend, draußen regnete es, man konnte die Hand vor Augen nicht ­sehen, da sagte einer, der sich in der Gegend auskennt: Ich zeig dir den Weg. Fährt natürlich so, wie einer fährt, der hier jede Kurve auswendig aufsagen kann, du hinterher, der Tement-Wein hinten im Kofferraum kriegt ein Schleudertrauma, von dem er sich die nächsten sechs Monate nicht erholen wird, am ­Fenster ­fliegen nachbarländische Ortsschilder vorbei, ­denen du ­keine Koordinaten ­zuordnen kannst, und nach einer Viertelstunde kommst du ein ­wenig kurzatmig an dein Ziel. Soll einer noch der südsteirischen Beschaulichkeit den sportlichen Wert absprechen.

Im Gasthaus Kreuzwirt fällt dir gleich wieder auf, wie blöd finster es im Winter zur Abendessenszeit schon ist. Hier besonders, denn das ­Restaurant ist auch architektonisch bemerkenswert, ein schlichter Quader in der ­possierlichen Weinberglandschaft, und durch die große Glaswand hätte man einen famosen Blick auf das, was die Südsteiermark topografisch so einmalig macht. Ist aber nicht. Stockdunkle Nacht vorm Fenster. Was in einer guten Runde dann aber auch egal ist. Weil dem ­getrüffelten Ei-Ravioli, dem Almochs-Tatar mit hauch­zartem Lardo und der Waller-Komposition so etwas mehr Rampenlicht zufällt und dein Date auch froh ist, wenn es aufmerksamkeitstechnisch nicht mit Gottes Schöpfung konkurrieren muss.

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