Helmut Gansterer Phil Wladeck Wanderbrief März 2012
Auf Grund der Testfreuden im Jahr 2011 mit Lust-Mobilen by BMW gibt Phil einen dicken Vertrauensvorschuss für ­künftige Saisonen.
 

Wanderbrief März 2012

Mein heutiger Brief aus dem Wirtshaus Sodoma in Tulln, dem Avance-Hotel in Krems und dem Oasis Maspalomas auf Gran Canaria.

27.03.2012 Autorevue Magazin

Ich habe eigentlich immer entzückt. Es anders zu sagen, wäre Geschichtsfälschung. Dieser Tage aber bin ich drauf und dran, alle Gutpunkte zu verschenken. Freunde und Verwandte wenden sich von mir ab. Sie sind nicht böse auf mich. Sie sind, was schlimmer ist, von Herzen enttäuscht. Schuld daran ist BMW. Man plant dort, siehe Titelgeschichte in der Februar-Autorevue, ein gewagtes Experiment am eigenen ­Körper. Man will die zukunftswichtigen Kompakt-Plattformen für Frontantrieb auslegen.

Seit dieser Autorevue-Nummer erlebe ich einen Telefon- & Briefterror. Motorfreunde verlangen von mir eine Flammen­rede à la Savonarola gegen die Münchner Todsünder. Sie fordern eine Anklageschrift, gegen die Émile Zolas „J’accuse“ (Ich klage an) im Justiz-Drama Dreyfus ein flatternder Billa-Bon im Wind ist. Man verlangt meine Solidarität mit jenen, die den BMW-­Slogan „Freude am Fahren“ vom Erfinder verraten fühlen.

Pars pro toto, als berührendes Beispiel fürs Ganze, nenne ich meinen Neffen Robert. Er konnte am Telefon kaum sprechen. Er würgte, lallte und japste wie einst als Kind, als ich seinen ­Teddy mit einem drei Tonnen schweren Bentley Corniche Convertible überrollte und zum Grizzly bügelte. Seine krasse Autoliebe rührt vom ersten Auto her, einem BMW 2002 ti. Ein Teil seiner Driver-Seele ist immer weiß-blau geblieben, auch wenn er hundertmal untreu alles probierte, was laut ist. Er überlegt derzeit, ob er ­seinen frommen Familiennamen Ratzinger nützen soll, um ­stellvertretend für seinen Namensvetter im Vatikan tätig zu werden.

Wobei ihm eine Exkommunizierung der verwirrten BMW-Führungsriege in der ersten Erregung zu wenig wäre. Er denkt daran, all die Latten, die das gegenwärtige BMW-Zentralkomitee nicht am Zaun hat, zu einem aparten Scheiterhaufen zu schichten. Alle BMW, auch die Einser mit den kleinsten Motoren, ­laufen geschmeidig aus der flachen Hand. Es gibt keine irritierenden Nebenkräfte. Steuerung und Antrieb sind entkoppelt, der Heckantrieb sorgt für eine natürliche Gewichtsverteilung, und die dynamischen Vektoren drücken auf die Kraftschluss-Gummis, je schneller, umso stärker. Mein Neffe, der diese bisherigen BMW-Vorzüge liebte, sieht nun künftige Schreckens-Einser ­heranrollen, die bei Lastwechseln an der Lenkung zerren; die stark untersteuernd an kurvenäußeren Pappeln zerschellen; die bei heftigen Gasstößen sich vorne aufbäumen wie ein Riva-Boot und die Antriebs-Contis vom Asphalt reißen.

Armer Bub. Ich kann ihm die Alpträume nicht nehmen. Das wird Aufgabe von BMW sein. Ich kann dem Jung-Papst (und allen anderen besorgten Freunden) nicht einmal Gefolgschaft leisten. Ich kann nicht der verlangte Savonarola oder Zola sein. Ich werde vereinsamen, denn ich gehe noch einen Schritt weiter. Ich bewundere die krasse Neuorientierung von BMW. Als Wirtschaftsjournalist lernte ich bisher nur Companys kennen, die erst dann harte Kurswechsel wagten, wenn das Riff schon vor ihnen lag. Es waren dann hastige, schlecht vorbereitete Korrekturen, und oft kamen sie zu spät.

Ich gehe davon aus, dass der Führungsriege Entscheidungsgrundlagen vorliegen, die wir nicht kennen. Schließlich haben die Münchener auch bisher viel mehr richtig als falsch gemacht. Obwohl die merkwürdige, vollendet dezente, über den Wolken in Silberschlössern hausende Aktionärsfamilie Quandt verblüffend viel Kurzweil und Risiko zuließ.

Vorstandsvorsitzende von BMW durften immer auch den agent provocateur spielen, mit zahllosen Pionier-Wagnissen, die kurzfristig unverstanden blieben, nach und nach aber auch von anderen aufgegriffen wurden. Beispiele: die frühe, radikale Implementierung von ­Elektronik, der i-Drive, der Stockerlhintern, wilde Konkav-Konvex-Flanken, LED-­Augenbrauen und andere Formalübungen des ­witzigen ­Ex-Design-Chefs Chris Bangle.

Fad war es nie mit den Bayerischen. Und wenn ich meine 2011er-Testautos in ein Besten-Ranking stelle, stehen die BMW-gemanagten Modelle mit in der ersten Reihe. Dazu zählt selbst der für mich als Offen-Fanatiker uninteressante 5er-Kombi, ­dessen Perfektion etwas Entwaffnendes hatte, erst recht das ­Einser-Cabrio und diverse 640er (Coupé und Cabrio), die mir bei ­modellgerechten Ausflügen nach Monte Carlo, Biarritz, ­Deauville, Juan-les-Pines und Antibes ein frühchristliches ­Luxus-Feeling schenkten, für das ich, Gott sei’s geklagt, eine Ader habe. Demgemäß missfiel mir auch das Drophead-Coupé nicht, das unter BMW-Führung beitrug zum steilsten Rekordjahr in der 107-jährigen Geschichte von Rolls-Royce. Außerdem: Eine Fronttriebler-Hetz für Phil Waldeck gibt’s ja schon aus der Hand der Bajuwaren, das Mini-Cabrio by BMW.

Was ich damit sagen will: Wer so viel richtig machte, verdient Vertrauensvorschuss. Eine gemähte Wiese wird die künftige ­Neu-Orientierung aber nicht werden. Besser, BMW kommt ansatzlos mit perfekten Einser-Fronttrieblern. Man wird sie mit beispiel­loser Brutalität testen. Und zwar nicht in Richtung Freude an Vernunft. Die interessiert, pardon, in Verbindung mit BMW keine Sau. Die Freude am Fahren wird die Messlatte bleiben.

Ich fühle mich zu abwartender Fairness verpflichtet, weil ich BMW bislang nur zweierlei vorzuwerfen habe. Erstens die lächerlich-originelle Sitzmechanik, an der ich bei jedem Test altere. Und nun die Notwendigkeit, einen Neffen zu trösten und enttäuschte Freunde bei der Stange zu halten, so gut es halt geht.

Der Telefon-Marathon zum Thema BMW hatte mich überhitzt. Ich suchte Kühlung auf meiner aktuellen Test-Harley. Leicht bekleidet betrat ich einen Winter, der Ende Jänner noch wie ein Herbst roch und wie ein Vorfrühling aussah. Ich schnappte irgendeinen Bike-Janker, einen luftigen Sommer-Jet-Helm, leicht getönte Schibrillen und die wattierten BMW-Handschuhe, die so alt sind wie das BMW-Bike-ABS an der K 100 LT, mit der ich einst erstmals im Winter gefahren war; dazu ein Benzin-­Zippo (1 Liter Normal, bleifrei, auf 10.000 Tschicks) und ein ­Packerl Filterlose gegen Verkühlung.

Die Harley-Davidson XR1200X ist für mich das derzeit beste Lebensmittel aus Milwaukee. Sie ist leichter als die mächtigen Dickschiffe, beweglicher als die Dragsters der V-Rod-Klasse und fordernder als die entzückenden Baby-Harleys mit 883 ccm. Mir gefällt, dass die XR1200X alles kann und alles mitmacht, aber sich nicht gleich von selbst umlegt, sobald du das Wort „Kurve“ denkst, sondern noch den fühlbaren ­Willen ihres Gebieters verlangt, vergleichbar Liz Taylor in Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“. Für die XR1200X gilt ein Slogan, der für Baldessarini ­(Topmarke von „Boss“) erfunden wurde:
It differentiates the men from the boys.

Zielort: Tulln. Schneller Kaffee bei Pepi Sodoma. Pepi und seine geniale Familie leben seit Jahrzehnten mit dem Verdacht, das beste Wirtshaus der Welt zu führen. Dann weiter zu Peter Eisenschenk. Er ist Tullns klasser, kreativer, jugendlicher Bürgermeister. Als gleichzeitiger Direktor von HAK und HAS konfrontiert er die Schüler auch mit externen Glüh­birnen als Gast-Referenten. Selbst der legendäre Pater Anselm Grün fühlt sich dort hingezogen. Glücklich die Eltern, die an solchen Schulen ihre Kinder als Schüler wissen. Der Geist des Ortes beflügelt mich auf der Landstraßen-Rückreise über Gebühr. Nahe Stockerau stoppt mich ein höflicher Polizist. Ich schiebe die Schuld auf die Harley: „Bei Kälte kriegt sie immer was Hitziges.“

Er lässt mich straffrei, weil er, wie er sagt, als ehemaliger Bike-Bulle jeden schätzt, der in solchen Härtetagen noch aufs Motorrad steigt. Ich widme ihm mein Monatsgedicht für die Freunde und Helfer, ein paar Zeilen von Stefan Zweig über den Bildhauer Auguste Rodin:

Groß rauscht es im Saale, still sinken die Hände
Stumm stehen die Statuen, weiß leuchtet der Stein
Wie in eine Legende
Geht der Meister fromm in sein Werk hinein

Die Wahl dieser Poetik hat einen Hintergrund. Im Avance-Hotel in Krems konfrontierte mich jüngst ein US-Tourist mit einer Vision. Er träume von der Donau als Allee von erstklassigen Skulpturen, geschaffen von ufernahen, lokalen Bildhauern. Ich habe von Amerikanern schon Dümmeres gehört.

Die Freuden des Tages machten blind für die Vereisung der Schibrille. Und unsensibel für die Vereisung des Fleisches. Kurz vor dem Heimatstall blicke ich beim Abbiegen sicherheitshalber über die linke Schulter zurück und bleibe in dieser Stellung arretiert. Halsstarre durch Frost. Eine neue Definition für Blickführung: Du navigierst nach den Tages-Sternen in deinem Rücken. Irgendwie nach Hause gelangt, trete ich mir mit schiefem Kopf beim Absteigen noch einen Hexenschuss ein. Damit war selbst für mich ein kritischer Punkt überschritten. 23 Stunden später war ich dort, wo ich jetzt bin, auf einer schnuckeligen Insel, in einem versteckten Hotel, umflutet von lauwarmem Poolwasser und eiskalten Gin Tonics. Gutes Timing: Im Hotel-TV sehe ich, wie Kontinental-Europa zufriert. Ich kann gar nicht sagen, wie mir das leid tut.

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