Phil Waldeck Helmut Gansterer Wanderbrief November 2012
Blue Curacao oder San Marino Blau? Wie man seine Leuchtrakete nennt, ist eigentlich egal, solange man sich nur an sie erinnern kann.
 

Wanderbrief November 2012

Mein heutiger Brief kommt aus dem „Hilton Ottawa“ und „Hilton Toronto“ und dem Restaurant „Zum Weinbeißer“ in Strebersdorf.

29.11.2012 Autorevue Magazin

Plötzlich hatte ich das Fingerln satt. Tut mir leid, meine Liebe, hab’ keine Lust, sagte ich zu ihr. Ich spreche meine Autos oft als Damen an, wie die englischen Sportfahrer. Die sagen „oh, she runs just fine“ und „in fact she’s a beauty“. Das klingt immer wie von Teefix, dem Cousin von Asterix. Englische und italienische Cabrios halten die weibliche Anrede gut aus, die deutschen überhaupt nicht. Demgemäß schüttelte sich auch mein german test car, als hätte jemand eine Fuhre Kies ins Differenzial geschüttet. Schon gut, murmelte ich, bist eh ein fescher Bursche, aber ich habe momentan die Fingerarbeit an den Schaltwippen satt. Plötzlich kam es mir abartig vor, in einem Ding, für das du brutto 180 Kilo-Euronen (Testversion) auf die Budel legst, wie ein Vorstadt-Pianist zu hackeln, der für alte Hietzingerinnen den Clayderman spielt.

Demgemäß wechselte ich von manueller Schaltung auf die Siebengang-Doppelkupplungs-Vollautomatik und gleich noch aufs Öko-Programm. Nicht verbrauchshalber. Das vielleicht auch. Manchmal will selbst unsereiner ein guter Mensch sein. In erster Linie aber wollte ich weniger Arbeit und leiseren Sound. Ich musste über einen Kummer nachdenken. Nämlich: ich merke mir nichts mehr. Weiß nicht einmal, wann das anfing. Mit nichts merken meine ich: echt nix. In Zahlen: nullo. Bald werde ich keine Erinnerung mehr haben, keine Vergangenheit, keine Biografie.

Meiner herzlosen Liebsten gefällt das irgendwie. Erst gestern erzählte sie ihrem Bruder Peter Folgendes: „Stell dir vor, der Phil, unglaublich. Er stürzte – wir waren grad auf ein Glaserl in der Burgtheaterkantine – auf eine ehemalige Freundin zu, so eine Aufgedonnerte, weißt eh, nicht direkt unhübsch, wenn man krasses Make-up und weißgekalkte Wangen …. jedenfalls schreit er: Katharina, Kathi, schön dich so toll vorzufinden, hast die Scheidung schon überwunden, gell? Jetzt hör zu, Bruderherz: Sie war wirklich eine Freundin von ihm, aber sie hieß Angelika, war nicht geschieden und neben ihr stand ihr Mann.“

Wenigstens kann ich mich noch an gestern erinnern, dachte ich und warf mich erleichtert ins „Voll-Leder Merino“ zurück. Weiß auch noch genau, wie sich zwei Geschwister winselnd über den Teppich wälzten. Gleich darauf wusste ich, dass ich überhaupt geistig gesund war. Den entgegenkommenden Lincoln Continental konnte ich einem Fahrer zuordnen, aufgrund einer Autorevue-Story, die Monate zurückliegt. Ich stoppte ihn mit einem Schwenk auf die linke Spur. Mein Gefährt war fast so breit wie der Lincoln, aber nur halb so hoch.

Es machte dann auch nichts, dass es nicht der Christian ­Seidel war. Wichtig war die korrekte Assoziation. Der Texaner, der den Lincoln lenkte, hatte für einen Texaner ziemlich viel Angst. Da nimmt man seine Tresor-Limousine über den Atlantik mit und besucht Wien, die sicherste Stadt der Welt, und kackt sich dann trotzdem an, weil man sich überfallen fühlt. Sorry, Sir! Mistaken identity Ich hätte schon am Stetson den Nicht-­Seidel erkennen müssen. Würde der nie tragen. Auch war der Texaner hässlich, wie umgekehrt der Seidel schön ist. Gilt als der Dressman im autorevue-Rudel. Sah ihn zuletzt beim Auto­revue-Award 2011, phantastisch. Edler Anzug in mauve, edles Schuhwerk, für das viele Tiere ihr Leben gaben, darunter Schlangen und Alligatoren. Kann nicht jeder tragen. Seidel kann es.

War an der tschechischen Grenze, schmückte mit meinem BMW M6 Cabrio das Pulkautal, radierte mit den 560 PS bei 7000/min im manuell erzwungenen ersten Gang den Galgenberg von der Landkarte, warf die Leuchtrakete dann in die dünn besiedelten Gegenden der Slowakei-Grenze. Offizielle Lackfarbe: San Marino Blau Metallic, von mir nach einem versunkenen Lieblings-Kitsch-Likör Blue Curacao genannt. In ­Bullendorf bei Hohenau echte Bullensehnsucht. War nüchtern wie ein Franziskaner im Komaschlaf. Aber wenn man getestet werden will, ist keiner da. Eine Stunde später dann doch. Ich hatte nach beherzter Fahrt, ohne der V-max nahe zu kommen (abgeregelt 250, mit M Driver’s Package 305 km/h) über Laa die bucklige Bisamberger Kellergasse gewonnen. Dort testete ich die Torsionssteifigkeit. Für ein Mammut-Cabrio (Leergewicht: 2055 kg) toll, recht nah am Urmeter Porsche 911 Carrera Cabrio. Dort stand ein Freund und Helfer. Und sicher nicht wegen Hi-Speed. Er war gut drauf, prüfte keine Autopapiere, nur die persönlichen.

„Sie sehen nicht aus, als würden Sie trinken.“
„Trank nie im Leben. Würde gern, schmeckt mir aber nicht.“
„Fantastisches Fahrzeug, macht Freude, nicht wahr?“
„Oh ja“, sagte ich, „durchaus gelungen. Variable Ventilsteuerung, Doppelturbo, fahrwerkseitig praktisch Formel-1, alle ­Assistenz-Systeme bis hin zur Launch-Control. Auch Start-Stopp, mädchenhafte Trinksitten, mit Samtschuhen ab 10 Liter. Probefahrt gefällig?“
„Gott bewahre“, lächelt er, „ich habe schon mit meinem alten Golf GTI alle Hände voll zu tun.“ Abermals eine Bestätigung meiner Beobachtung: Die Polizei wird täglich klasser, jünger, ­frischer. Gern rezitiere ich ihm mein Monatsgedicht an die Freunde und Helfer. Um eine Lüge zurechtzurücken, wähle ich verschmitzt ein Werk von Nikolaus Lenau:

Weinberg, sei mir gegrüßt!
Noch grünen Deine Reben,
Womit du oft versüßt
Ein herbes Menschenleben.

Der eine salutiert auf. Der andere fährt ab, Richtung „Weinbeißer“, Strebersdorf. Ein Restaurant, wie ich es liebe. Könnte auch in der Peripherie von Paris stehen. Spitzwinkelig an einer Kreuzung lockend, den Eingang im Spitz. Gepflegt und unprätentiös. Elisabeth und Klaus Schön als kluge, herzliche Gastgeber. Tipp für das kommende Martini-Gansl. Sensationelles Preis-Leistungs-Verhältnis. Für mich wichtiger: gute Schreib- & Lese-Theke. Und ein Weißburgunder, der mir schmeckt.

Im Stehen und Trinken eines Mannes, der nie im Leben getrunken hat, denke ich an die Grünspan-Dächer von Ottawa und die Gelage im Hilton Toronto. Meine wieder intakte Erinnerung an Kanada hat mit dem Lincoln-Straßenkreuzer zu tun. Dieser trug nicht nur US-Präsidenten, texanische Ölbarone und Wiener Schlangenschuhschönheiten; auch den kanadischen ­Pianisten Glenn Gould, den der Musikliebhaber Thomas Bernhard als den „Unheiligen am Klavier“ vergötterte.
Belebt von der Wiederkehr meines Gedächtnisses, rief ich meine Schöne: „Ich weiß, dass wir mal befreundet waren. Weiß nur nicht mehr, wie Sie heißen und ob wir noch zusammen sind. Holen Sie mich gleichwohl um 20 Uhr im Weinbeißer ab. Dann werde ich mit meiner Arbeit fertig sein.“ Sprach’s und schlug ein Cartoon-Jahrbuch meines Freundes Gerhard Haderer auf. Noch einen Weißburgunder, liebe Frau Schön. Das Leben eines Autotesters ist brutal. Aber irgendwie muss man durch.

Ich habe diesen Wanderbrief als BMW-Special angelegt. Einzufügen daher meine Erfahrungen mit 640 d Coupé und X 1 xDrive 2,5d. Beide leisteten an regnerischen Orkan-Tagen gute Dienste, mit dem Bonus eines fühlbaren BMW-Kicks. Für Herrschaften, die in Verlöteten nicht um Luft ringen, haben sie das Zeug zum Traumauto, jedes auf seine Weise. Gerade auch der BMW X1 als kompakter Alleskönner mit beträchtlichem Geborgenheitsfaktor.

Noch leichter fiele mir Frischluft-Fanatiker ein BMW-Zweirad-Bericht, konkret das Leben mit der BMW F 800 R. Erste ­Ritte wirken verheißungsvoll. Sie ist aber die Jüngste im Test-Stall und braucht noch genaue Inspektion. Hier reden wir speziell über eine Maschine für Feinspitze, die Exoten lieben. Die ihr Motorrad nicht jeden Tag auch unter anderen Hintern sehen wollen. Diese Exotin namens Moto Guzzi Bellagio zählt mit 900 ccm zu der von mir so genannten „Vernunftklasse“. Sie spielt im Moto-Guzzi-Portfolio eine Sonder­rolle als geometrisches Mittel. Nur sie trägt den V2 in der Größe 936 ccm; eine reizvolle Synthese der 750er-Antriebe (Retro-V7 und Cruiser „Nevada“) und der 1150er-Vierventil-Murln, die in den Sportlern (Griso 8V, 1200 Sport 4V) und den beiden Weltreise-Mammuts (Stelvio und Norge) verbaut sind.
Man wird gerne hören, dass die Bellagio dank smarter Übersetzung viel rescher auftritt, als 75 PS und 78 Nm vermuten ­lassen, und bis zur Vmax von 185 km/h vehement durchzieht. Als eigenständiger Mix von Naked Bike und Custom kann sie auch das Flanieren. Mit satten 244 Kilo bleibt sie bis zur Schrittgeschwindigkeit unkippelig.

Musikalisch ist sie eine Sensation. Knapp über Leerlaufdrehzahl liefert die Bellagio ein bollerndes Mantra. Bei 6000 Touren klingt sie, als wäre sie an die Papst-Lautsprecher des Petersdoms zu Rom angeschlossen. Nie war dies glücklicher zu hören als bei einer Erstbefahrung der neuen Autobahn A5, die von Korneuburg nach Nordost führt. Ich ziegelte die Bellagio in den Tunnels vor dem Weinort Hagenbrunn auf. Ihre Gottesanrufungen werden sich dem nächsten Wein-Jahrgang günstig mitteilen. Die Preise (rund 13 Kilo-Euronen für die Bellagio 940 Aquila Nera, knapp 14 Kilo für die 940 Luxury) sind weises Investment. Die Schönheit dieser bella macchina kennt keine Jahresringe.

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