Wanderbrief März 2010

So ist auch mein heutiger Brief aus dem Hotel Santa Catalina in Las Palmas und dem Hotel Parque Tropical am Playa del Ingles ein Ruf Deines alten Freundes, von Ufer zu Ufer.

25.02.2010 Autorevue Magazin

Was sagen uns die Daten des Autos, mit dem ich unterwegs bin? Es ist grad mal 3645 mm lang, dafür aber 1655 mm hoch, kann höflich sein Targa-Mützchen lüften und den Hintern entblößen, wühlt sich mit Allrad und Getriebeuntersetzung durch Sand, Sümpfe und zähes Unterholz, sieht besonders in Knallrot und Sonnenblumengelb zum Anbeißen aus, wie ein vergrößertes Spielzeugauto, wiegt auch nur 1111 Kilo.

Diese Daten sagen uns: Der liebe Phil ist wieder unterwegs. Er ist nicht daheim und doch zu Hause. Er kraxelt über eine seiner geliebten Sonneninseln. Sein Muli ist, wie der Kenner erkannte, das Suzuki Jimny Cabrio, ein Dauergast in den Wanderbriefen. Es kam dort öfter vor als alle anderen 600 Test-Autos, ausgenommen vielleicht das Porsche 911 Cabrio. Dem Jimny wird niemand böse sein. Er ist keine Konkurrenz für moderne Kraftfahrzeuge. Er ist simpel, jeder afrikanische Dorfschmied kann ihn reparieren. Er ist ein bissl rotzig, mit großzügigen Spaltmaßen im Blech und luftigen Durchlässen im Verdeck. Auf der Autobahn verlangt er den Stoiker. Die 86 PS und 110 Nm schaffen keine Stundenmeile. Auf Inseln, wo du stets von Winden aus allen Richtungen umzingelt bist, ist bei 145 km/h Schluss. Schon diese verlangen Geduld. Von Null auf 100 braucht es 15 Sekunden, auf 125 km/h eine halbe Minute. Weise Piloten werden es dabei bewenden lassen. Der Suzi-Gelände-Winzling fährt ungern geradeaus. Straff gefedert, hebt er auf groben Autobahnfugen aus und versetzt heiter um einen Meter in Richtung des Windes. Noch witziger bremst er. Ich sage nur: Bremsweg aus 100 km/h = 50 Meter. Da lachen uns die Daten früher Trommelbremsen an.

Puristen, Dekadente, Stoppuhrmenschen und andere Langweiler schütteln sich da vor Grausen. Für mich: ein Traumauto, sobald daheim der erste Schnee fällt. Wenn ich ans liebe, löchrige Jeep-Antlitz des Jimny denke, wird mir gleich warm. Und wenn den FreundInnen in Österreich endgültig der Arsch abfriert, sage ich wie Hape Kerkeling im Titel seines Jakobsweg-Bestsellers: „Ich bin dann mal weg.“ Auf in die Sonne. So auch jetzt wieder. Ehe ich erzähle, wo ich mich herumtreibe, fasse ich knapp einige Highlights zusammen, die aus der Testarbeit in Herbst und Winter 2009 übrig blieben.

Es sind im Wesentlichen goldene BMW-Brösel, die ich zusammenkehre. Durch Zufall kam es zu einer Ballung von Bayrischen, bei Autos und Bikes.

Ein letzter indian-summer-long-distance-trip wies die K 1300 GT als ultimativen Komfort-Express-Tourer für Wien–Palermo aus. Einzig Kawasakis 1400 GT kann im Preis-Leistungsverhältnis mithalten. Yamaha (FJ 1300) und Honda (Pan European) müssen schön langsam ihre Dauerbrenner neu aufstellen. Mein Favorit des Jahres 2009 blieb die unvernünftigste Nackte aller Zeiten, die Yamaha-Vmax mit 200 PS. Sie ist schön, toll verarbeitet, schwächelt nicht, trug mir viele Verlobungsangebote rauer Bräute ein und verdient eine eigene Frühlings-Story. Ein theoretischer Favorit in der Kategorie „universal soldier“, mit Sportherz und hoher Reisetauglichkeit, die KTM 990 SMT (Supermoto Travel), fand nicht rechtzeitig den Weg zu mir.

Was die Autos betrifft, bilde ich mir kindisch ein, man erkenne schon die größere Anstrengung dank Krise. Und bei BMW zusätzlich den segensreichen Abgang von Chris Bangle. Bei allen neuen Produkten scheint die ärgste Zeit manieristischer Spielereien (z. B. übertriebene Verschneidungen von konkaven und konvexen Flächen) vorbei. Das Modell X1 kommt schon normal des Weges, für ein Kompakt-SUV trotzdem elegant. Der X1 ist der neue Darling meiner Goldkatze, die viel einkaufen und Bilder transportieren muss. Meine Abteilung sind allerdings die Noblen und/oder Sportlichen.

Für kalte Nicht-Cabrio-Tage kann ich mir den gepardenhaft gestreckten 535i Gran Turismo gut vorstellen. Er schmückt entschieden jeden Gentleman, geht wie die Sau und bietet zwei kluge Goodies. Die teilbare Heckklappe ermöglicht eine Picknick-Sitzbank wie frühe Rolls-Royces (unentbehrlich für unsere Ausflüge zu Pferderennen) und neuen Zulade-Komfort für Fließhecks. Dazu die First-Class-Liegesitze im Fond, ungefähr Singapur Airlines.

Das endgültige Schläferauto ist der neue BMW-Siebener. Die optionale, zart mitlenkende Hinterachse garantiert perfekte Radien bei Ausweichmanövern. Das Schlafzentrum bleibt ungestört. Mein Freund und Co-Tester Willi hat sich gerade diesen Siebener gekauft. Neben der perfekten Spracheingabe des Telefons und des Navis fasziniert ihn ein Extra-Komfort. Er ruft eine Servicenummer, nennt sein Ziel „Graz“, bekommt dort auf Wunsch die Adresse eines Fünfsternhotels. Auch die Navi-Daten des empfohlenen Schlossberghotels werden gleich von der Dame an der Strippe einkodiert. Um Willis Angeberei zu dämpfen, frage ich: „Kannst du ihr auch anschaffen, schnell vorbeizukommen, um mir die Schnürsenkel zu binden?“

Den Z4 habe ich mir als Offenen aufgehoben. Glänzendes Face-Lifting in vielen Details. Und eine dramatische Reform, die ich nicht gewünscht hätte, aber strategisch verstehe: Klappdach statt Stoff, wie der SLK, von dem Mercedes doppelt so viel verkaufte wie BMW vom Z4. Weiterer Vorteil: Man erspart sich die Z4-Coupé-Version, die ohnehin nur 17.000 von 173.000 Käufern wählten. Die Dachlinie ist trotz Klappmetall perfekt. Mit beträchtlichem Größenzuwachs und dynamischer, tief geduckter, extrabreiter Niere wird der Z4, wie die Test-Praxis zeigt, erstmals als halbwegs erschwinglicher Traumwagen umringt (Preise ab 40.450 Euro). Antrieb: Sechszylinder (204–340 PS).

Zurück zum offenen Suzuki. Er behütete und beförderte mich schon überall. Auf der nordamerikanischen Insel Manhattan, auf der brasilianischen Insel Itaparica (neben VW-Buggys, die mir heute abgehen wie die gleichfalls ausgestorbenen Citroën Meharis und Mini Mokes), auf der afrikanischen Halbinsel Nyali, auf Madagaskar, Mauritius, Reunion und den Seychellen, in der gesamten Karibik und selbst vor Australien, auf Heron Island. Logisch auch auf allen japanischen Inseln und der nationalchinesischen Insel Taiwan.

Jetzt liebe ich ihn auf näheren Atollen wie Sardinien, Korsika, Ibiza, Mallorca, Menorca, Madeira, Malta. Für einen happy smoker sind fünf Stunden Nichtraucherflug genug. Damit kommt man bis zu den Kanaren westlich von Afrika, in die Vielfalt von Teneriffa, Gran Canaria, Fuerteventura, Lanzarote, La Palma, Gomera, Hierro. Meine neue Heimat auch deshalb, weil sie der einstige Skandal-Arzt Köhnlechner mit Recht als perfektes Hals-Nasen-Ohren-Putzmittel empfahl.

Nach zwei Wochen am Jod-Salz-Strand und im vulkanisch-würzigen Gebirge habe ich meine ursprüngliche Lungenkapazität wieder, also die eines Perlentauchers. Ich rotze nicht mehr und höre wie ein Luchs. War heute mit dem Jimny hoch droben am Pico de las Nieves, ungefähr Schneeberghöhe, umspült von den Düften des kanarischen Wacholders und des Natternkopfs (echium wildpretii). Auf mittlerer Höhe, bei San Bartolomé de Tirjana, nahm ich an einer der seltenen Tankstellen für den Suzuki ein wenig Sprit (8 Liter auf 100 km) und für mich die ätherischen, zerstäubten Öle der Wolfsmilch, der Stechpalme, der kanarischen Kiefer und des Lorbeers. In den Dünen vor Maspalomas saugten sodann die Sohlen alles Gute auf, was die Wüste zu bieten hat, derweil der Atlantik vom fernen Mittelmeer die Kräfte des Odysseus herantrug.

Man darf nichts übertreiben. Auch die Gesundheit nicht. Daher schnell auf drei Tschicks und einen Drink in die Hauptstadt Las Palmas, an die legendäre Bar des Hotels Santa Catalina, an der mich einst Winston Churchill und Agatha Christie im Vorhinein nachäfften. So wie ich tranken sie dort einfaches, klares Gin-Tonic, eiskalt, allenfalls einen Schnitz Zitrone.

Das Hotel Parque Tropical am Playa del Ingles findet der Jimny schon allein. Ich habe mich durch Treue vorgearbeitet in den Schreiberturm am Meer. Von dort jetzt liebe Grüße an Dich und Deinen kalten Arsch. Vergiss nicht, Dich warm anzuziehen und die Schneeketten festzuzurren.

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  • ohu

    Lieber Onkel Phil,
    passt jetzt vielleicht gar nicht, aber könntest Du Deinen weisen Popolore bei Gelegenheit auf einen BRP Can-Am Spyder schwingen. Eröffne uns Dein Urteil zu diesen Unikum…
    Sei gedankt & Gott zum Gruße, HaPe

  • Phil, nimm Deine Redakteure ran! Unlängst schlief ich im ungelösten Zweifel über der ar-Lektüre spätnächtens ein. Erklärte doch ein Kollege, dass der Mustang im "Pony-Car" synonymisierte. OK, doch die Erklärung schlug wie eine Bombe in meine schon traumbeginnenden Lider: Pony-Car = kleiner Pferdewagen. Howgh.
    War´s fachwissensschwanger satirisch gekonnt? Um Typen wie mich aufzurütteln? War´s pure Unwissenheit (die bei ar-Redakteuren praktisch nie virulent ist)?
    Egal – liest das jedenfalls ein Mustang, haut´s ihm das Pferterl aus dem Kühlergrill. Garantiert.

  • Jagman

    Nur weil Du weisst, wie er wirklich heisst magst ihn nicht mehr? Ich weiss das schon länger, seit ich ihn in der (leider nicht mehr existenten) Residenz Häupl in Seewalchen gesehen hab und dann seinen Wanderbrief gelesen hab!
    Also mich störts nicht, weil träumen tut man ja selber!
    Jagman

  • autin

    Ich habe Phil`s Geschreibsel jahrzehntelang vergöttert.
    Nur schade das vorigen Herbst sein richtiger Name bekannt wurdé.
    Das hat ihn ziemlich entmystifiziert.

    L.G-ust

  • tomtomd

    @smartie
    zustimm, das mit dem 5er GT hat mich auch geschreckt.
    aber phil denkt wohl weiter,
    dach abflexen, somit cabrio und vielleicht dann sogar unter 2 tonnen eigengewicht!?
    naja, geht sich wohl trotzdem nciht aus….
    der GT ist auf jeden fall ziemlich ekelhaft, aber BMW hat mit den X´n ja schon einiges verbockt – inzwischen, motto: "Aus Freude am Hoch(sitz)fahren!"

  • smartie

    Lieber Onkel Phil,

    der Umstand, daß Dir die auf Räder gestellte Plumpheit (ich meine selbstverständlich den 5er-GT) gefällt, läßt nur den Schluß zu, daß Du möglicherweise auch Sympathien für den rollenden Germknödel (hier meine ich selbstverständlich den Panamera) hegst.
    Möglicherweise hat der Cabrioentzug in der kalten Jahreszeit was damit zu tun, aber ich mutmaße nur.
    Nix für ungut und ich freue mich auf weitere schöne Briefe ;)
    Martin

  • Genial wie immer. Schön dass es die Wanderbriefe jetzt auch im Internet zu lesen gibt, da kann ich die meinen deutschen Internetfreuden vorstellen :)

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