nick cave frequency 2013
 

Nick Cave & the Bad Seeds am Frequency – eine Andacht

Dass Nick Cave & the Bad Seeds am Samstagabend das unangefochtene Highlight des diesjährigen FM4 Frequency-Festivals werden würden, war bereits im Vorfeld recht deutlich zu erahnen. Dass es SO gut werden würde, kam dann aber doch überraschend. Haben eigentlich noch andere Bands gespielt?

18.08.2013 Online Redaktion

Retrospektiv betrachtet war es ein Geniestreich, allen zum Mitsingen respektive Gröhlen, Rempeln, Pöbeln, Bier Herumschmeißen oder sonst irgendwie Unruhe Stiften Aufgelegten mit den Toten Hosen, die zeitgleich auf der Space Stage zu Gange waren, ein Angebot zu machen, das sie nicht ausschlagen konnten, und sie somit nachhaltig und relativ gewaltfrei von der Green Stage fernzuhalten. Dementsprechend gesittet brodelte das überschaubare Publikum, als Nick Cave und die böse Saat kurz nach halb 12 die Bühne betraten. Und relativ schnell klar stellten: Schreien hätte sowieso nichts gebracht, da der Meister höchstselbst das viel lauter kann.

From St. Pölten to Eternity

Innerhalb kürzester Zeit ließen der 55-jährige Australier und seine Combo ein derartig mächtiges Gewitter über die verdutzte Menge hereinbrechen, dass auch der gelangweilteste Herumlümmler das Herumlümmeln auf- und sich dem in multiplen Zungen predigenden Fürsten der Dunkelheit hingeben musste.

Es war aber nicht alleine der hypnotisierenden Zügellosigkeit von Chef-Rampensau Cave geschuldet, dass alle, die nicht bei der ersten kleinen Schwermutentladung die Flucht ergriffen haben, zunehmend geplättet wurden – auch die Musiker bearbeiteten ihre Instrumente durchwegs auf Teufel komm raus. Der kam auch recht bald raus, nur notdürftig bedeckt von einer Hülle aus Haut, Haaren, Hemd, Schlaghose und Jackett, die ekstatisch über die Bühne waberte und wie ein manischer Priester die freudentaumelnden Fans beschwörend an den gen Himmel respektive Bühne gereckten Händen packte. Manch einer – wie ein glücklicher Bühnenflitzer bei „Mermaids“ – wurde dabei durch eine intensive Begegnung der fünften Art unverhofft vom Fanboy zum Fanman geschlagen.

Die Bad Seeds oszillierten die Direktive ihres Kopfes spiegelnd virtuos zwischen minimalistisch tröpfelnden Akkorden und ausufernden Noise-Gewittern hin und her, während der Kopf selbst vokales Blut und Beuschel spuckte wie der böseste norwegische Kirchenzündler, um kurz darauf in sich zusammenzufallen wie ein unter den Strapazen der vergangenen Tage kraftlos gewordenes Zelt am angrenzenden Campingplatz. So kamen auch die Freunde konventionellerer Selbstinterpretationen der Cave’schen Schwermütigkeit voll und ganz auf ihre Kosten.

Songs: 12, Energie: 100.000

Auch die 12 Songs umfassende Setlist bot einen für alle gang- und tanzbaren Mittelweg: Eröffnet wurde mit „We No Who U R“, der ersten Singleauskopplung aus dem neuesten Album „Push The Sky Away“, gefolgt von einer gegenüber der Studioversion deutlich aufgefetteten Interpretation der zweiten Single „Jubilee Street“. Mit Goldies wie „From Her To Eternity“, „Tupelo“ und „Deanna“ wurde das mittlerweile schon völlig zerzauste Publikum weiter aufgebauscht, von den mächtig vorgetragenen Downern „People Ain’t No Good“ und „Love Letter“ ein bisschen in Atem gehalten, und kurz vorm emotionalen Absturz mit den wunderbar ausufernden Klassikern „The Mercy Seat“ und „Stagger Lee“ wieder in hysterische Höhen gehievt. Die neueren Songs gebärdeten sich qualitativ wie quantitativ erfreulich unaufdringlich und fanden ein gutes Plätzchen zwischen all den Giganten, ohne sich mit diesen messen zu wollen.

Exzesse, Ekstase, Explos- und Emotionen galore.

Was in dieser Intensität recht selten vorkommt, haben Nick Cave und seine Bad Seeds am Samstagabend perfektioniert: Ihre Songs live auf eine Ebene zu heben, die davon absieht, strikt und stumpf dem Studiopendant nachzueifern. Selbst Nummern, die in der Albumversion ganz außerordentlich ruhig und geordnet dahinplätschern, kamen live mit einer solchen Wucht daher, dass man meinen könnte, man hätte es hier mit ein bisschen wahnsinnig gewordenen Doppelgängern der Band, die man eigentlich hatte sehen wollen, zu tun gehabt. Und das im positivsten Sinne.

Zusammenfassend kann man mit an Sicherheit grenzender Überzeugung behaupten, mit der knapp 70-minütigen Show von Nick Cave and the Bad Seeds am Frequency das absolute Highlight des Tages, nein, des gesamten Festivals, oder vielleicht doch des bisherigen Jahres?, gesehen zu haben. Überall anders war im Vergleich dazu bestimmt tote Hose (ha, ha).

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  • Carlos Hernandez

    Hello
    Does anybody could help me to get a photo of the fan on mermaids with Nick Cave? i am that fan i was waiting since 1992 to watch a NCATBS concert and i have travellled all the way from Dubai to St Polten but i am Mexican, quite funny no? i am that fan, but i was alone so i have no photos or something,
    Thanks a lot everyone and thanks Nick Cave
    Carlos Hernandez

  • GS

    Werte Autorin,

    nun hat des Neugierigen Herz‘ seinen Frieden gefunden – vielen Dank für die Ergänzung!

    ;-)

    LG, Günther

  • GS

    Sehr schön (Konzert wie Kritik – und beides gibt’s ja oftmals in wechselnder Qualität)! Aber ein paar mehr Informationen zur Setlist hätte des Neugierigen Herz befriedet…

    ;-)

    • Tamara Schögl

      Hallo GS,

      auch diese Kritik ist sehr schön – weshalb ich meine noch ein bisschen ergänzt habe. :)

  • Patty

    Herumlümmeln, hm, nun ja, eigentlich war gerade das die Magie des Konzerts, die Möglichkeit, am Rande zu sitzen und sich ganz der Musik hinzugeben. Ich habe dieses wundervolle Spektakel auf der kleinen, grünen Anhöhe genossen und war, obwohl vollkommen nüchtern, in völliger Trance.
    Spektakulär und unvergesslich. :-))))

    • Tamara Schögl

      Liebe/r Patty,

      mit „Herumlümmeln“ wollte ich eher eine etwaige Teilnahmslosigkeit zum Ausdruck bringen – gegen die gepflegte Teilnahme am Rande ist selbstverständlich nichts einzuwenden, vor allem, wenn sich dazu so vortrefflich die Möglichkeit bietet :) Ich hoffe, Sie haben von da hinten auch die optisch beeindruckende Performance mitverfolgen können.

  • Karl

    Wenn man nur früher die Rezensionen lesen könnte – dann
    würde man sich auch mehr aufraffen und seinen Allerwertesten bewegen und zu mehr Genuss kommen.
    Ein gutes Konzert ist ein Wellness-Urlaub…..
    Kann es jetzt nur via CD etwas nachholen – life im Auto….

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