Mike Patton macht einen auf Italiener - sehr überzeugend.
 

Urlaubsflair und ein Gratisgetränk

Mike Patton tanzt auf vielen Hochzeiten. Das trägt Früchte, auch besonders süße: Wenn der Tausendsassa sich mit orchestraler Unterstützung an der Neuauflage italienischer Oldies versucht, schmilzt nicht nur Eis an heißen Sommertagen.

21.06.2013 Online Redaktion

Vergesst Faith No More, es sind Mike Pattons gefühlte 2798 Nebenprojekte, die ihn wirklich interessant machen. Bitte nicht gleich erschrecken: Neben Geschrei- und Geräuschkulissen, die vielleicht nicht jedermanns Sache sind, kann er auch das machen, was gemeinhin als „Musik“ bezeichnet wird.

Weil 24 Studioalben rauszubringen, ständig als Gast irgendwo mitzuwirken und ein eigenes Label zu betreiben eh nicht so viel Arbeit ist, synchronisiert Mike Patton nebenbei auch noch Computerspiele (bevorzugt leiht er unter-/überirdischen Kreaturen seine Stimme, beispielsweise der/dem Darkness in beiden Teilen des gleichnamigen Shooters) und komponiert Soundtracks. Für Filmmusik hat er ohnehin ein Faible: Schon  2001 verliehen der umtriebige Vokalvirtuose und seine Mitstreiter von Fantômas (Slayer-Drummer Dave Lombardo, Melvins-Lockenkopf Buzz Osbourne und der wagemutige Bassist Trevor Dunn) ihrer Vorliebe mit neuen (und recht freien) Interpretationen von Klassikern der Filmmusik eindringlichen Ausdruck.

Auch das Album, um das es hier eigentlich geht, entlarvt Patton als Cineasten: Auf „Mondo Cane“ (2010) schart der heute 45-jährige Kalifornier ein achtzigarmiges Orchester um sich, um Italopop der 50er und 60er Jahre neu aufleben zu lassen. Kein Soundtrack, aber der Titel gehört zu einem italienischen Dokumentarfilm, der 1962 mit teils unmotivierten, teils ekligen, aber immer unkoordinierten Szenen sein Publikum zu verstören suchte.

Die leichtfüßigen Balladen von Patton & Co passen da zwar nicht wirklich dazu – vielleicht hätte er sinnigerweise lieber eine Kooperation mit John Zorn so betiteln sollen, aber wie dem auch sei: Selbst wenn das Konzept, alte italienische Popsongs und, ja, Schnulzen mit einem Haufen klassischer Instrumente im Rücken zu covern, ohne gröber vom jeweiligen Original abzuweichen, für Fans von Pattons Œuvre aus der härteren Abteilung vielleicht nicht besonders prickelnd klingt: „Mondo Cane“ setzt sich über Genregrenzen hinweg und weiß auch Menschen, die musikalisch anderswo zu Hause sind, sanft zum Schwingen zu bringen.

Und Patton zeigt wieder einmal, wie er singen kann: Uneingeschränkt virtuos, ausnahmslos. Das Bisschen Geschrei bei Urlo Negro – einem der vielen Highlights auf „Mondo Cane“ – präsentiert sich außerordentlich ordentlich und im Gegensatz zu etwas schwerer zugänglichen Betätigungsfeldern, in denen er seine Stimme gerne „lautmalerisch als Instrument“ einsetzt, geradezu gesetzt und friedlich.

Die Songs kommen, durch die Patton-Maschinerie gedreht, als sie selbst, aber mit einem Twist wieder heraus – der ursprüngliche Charakter wird beibehalten, aber um lupenreinen orchestralen Sound und des Meisters charmante Eigentümlichkeiten bereichert.

„Mondo Cane“ ist wuchtig, pathetisch, romantisch und süß, und hat so viele Facetten, dass es auch beim vierzigsten Mal Hören nicht langweilig wird. Patton singt, wie es sich gehört, ausschließlich auf Italienisch: Das bringt zwar ein kleines Minus auf der Mitsing-Skala, schraubt den Urlaubsflairs- und damit Sommertauglichkeits-Faktor aber drastisch hinauf.

Neben der generellen überschäumenden Großartigkeit bietet Mike Patton dem physisch und psychisch erhitzten Hörer in „Ti Offro Da Bere“ auch noch etwas zu trinken an – was gibt es besseres an einem heißen Sommertag?

Den Rest versteht wohl nur, wer (wirklich) Italienisch kann – vielleicht geht es ja auch um etwas ganz anderes. Eigentlich völlig egal, wenn es so gut klingt.

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  • miezenmutti

    Ach ja, Mike Pattons Stimme und diese pathetische Musik. Wer würde da nicht dahinschmelzen. Und da er ja fließend italienisch spricht, kommen die Lieder auch voll authentisch rüber. Ich frage mich nur, warum er sein Album ausgerechnet „MONDO CANE“ (eine verfluchte bzw.Hundewelt)nach der gleichnamigen Pseudodoku, deren Inhalt ja in krassem Widerspruch zu dieser kräftigen und doch lieblichen Musik steht, genannt hat. Wie auch immer, manchmal stell ich mir vor, ich sitze in einer Bar, schlürf an meinem Martini, schau mich ein wenig um und – ER sitzt nur einen Hocker von mir entfernt……

  • Karl Schoegl

    ….dem kann ich nur völlig zustimmen.
    Beim ersten Mal eine kleine Irritation beim Anhören, dann MUSS man genau hinhören und dann ist man gefangen in einem fruchtmarmeladigen Musikgenremix, der nicht mehr loslässt und immer wieder zum Anhören und Hängenbleiben verführt.
    Hier ist auch das Schnulzige voll edel und wuchtig.
    Von selbst hätte ich nicht zur CD gegriffen, aber wer immer mir diese Scheibe empfohlen hat – Hut ab !!

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