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Little Mister Sunshine

Die Profis in Le Mans bewegen ihr Auto, wenn alles gut geht, 24 Stunden. Das können wir auch. Sogar zwei Mal.

15.06.2010 Online Redaktion

Dass Le Mans ein Abenteuer ist, wurde schon mehrfach diagnostiziert. Meist aber nur für die Rennfahrer. Eine Einschränkung, die wir umgangen haben, als wir uns am Donnerstag, 10.06, gegen 15 Uhr mit einem VW Bulli auf den Weg zum Langstrecken-Klassiker gemacht haben. 26 Stunden später kamen wir an und feierten uns und die Piloten auf der Rennstrecke. Am Sonntag machten wir uns auf die Rückfahrt und feierten 23 Stunden später wieder. Diesmal aber nur uns selbst.

Fahrer:
Markus Pölzl: Autorevue-Graphiker, Edellinse und Bulli-Besitzer.
Christian Seidel: Autorevue-Redakteur und für solche Geschichten immer zu haben.
Werner Fleißner: Rennsport-Aficionado und unser Professor.
Sebastian Würfl: Bin ich das Pech, ist er der Schwefel. Außerdem leidgeprüfter Bulli-Besitzer und damit unser Not-Mechaniker.

Strecke:
Von Wien nach Le Mans sind es, berechnet man einen kurzen Abstecher nach München und Paris mit ein, rund 1500 Kilometer. In Summe belasteten wir unseren Bus also mit etwa 3000 Kilometern.

Auto:
Der Bus von Markus Pölzl ist ein luftgekühlter T2 aus dem Jahr 1971 mit 48 PS. Viel wichtiger ist aber: er hat Seele. Kurz nach der Abfahrt machte sich ein regelmäßiges Ruckeln breit. Dem wirkte man entgegen, indem man einfach kurz vom Gas ging und dann sachte wieder beschleunigte. Etwas später sprang der Bus nur noch an, wenn man ihn anschob. Wer den Film „Little Miss Sunshine“ kennt, der weiß, wie wir 2000 Kilometer hinter uns gebracht haben. Last but not least verweigerte uns der Bus irgendwann das Standgas. Man musste also im Leerlauf permanent Gas geben, sonst wäre er abgestorben.

Campen:
Wir haben jedes Wetter mitgemacht. Vom strömenden Regen bis zum bräunenden Traumwetter. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falschen Zelte. Und ja, davon hatten wir eines. Gegessen wurde, was der Einweggrill so hergab. Also Käsekrainer, Berner und ähnliche Köstlichkeiten. Auf die französischen Nachbarn, die sich über Austern hermachten, waren zu keinem Zeitpunkt neidisch. Im Gegenteil.

Le Mans:
Angeblich etwas mehr als 200.000 Zuschauer (eine Zahl, die wir ungeprüft glauben) verwandelten das Areal der Rennstrecke in eine Perma-Party-Zone. Räuberische Preise (Bier und Sandwich: 12 Euro, kleiner Kaffee und kleines Gebäck: 7 Euro) verdarben weder Laune noch Konsum.

Rennen:
Dreifachsieg von Audi. Aber so eindeutig wie das Endergebnis war der Rennverlauf nicht. Zu Beginn führten noch Peugeots, bis einer nach dem anderen technische Probleme bekam. Am längsten hielt noch das Auto von Alexander Wurz durch, der gegen Ende des Rennens die Order bekam, den Dreifachsieg um jeden Preis zu verhindern und ohne Rücksicht auf sein Material angriff. Zwischenzeitlich absolvierte er eine Runde sieben Sekunden schneller als der führende Audi. Half alles nichts, auch sein Motor streikte.

Geschichte:
Eine Reportage über die Seele des Bulli und des 24-Stunden-Rennens erscheint in der kommenden Autorevue (7/2010), die ab Freitag, 25.06., in den Trafiken und den Postkästen der Abonnenten liegt.

Fotos: Markus Pölzl

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