Ausflug-Kitzeck-3
 

Von der Relativität einer aufrechten Haltung

Wir fahren fort: In ein etwas fremderes Stück Südsteiermark, wo man theoretisch im ­Stehen liegen kann und dabei einen echt ­argen Ausblick auf die Landschaft hat.

21.04.2011 Autorevue Magazin

Die Südsteiermark hat etwa so viele Sachverständige, wie es nach eigener Erkenntnis genussmäßig ­gebildete Mitteleuropäer gibt. Also ungefähr Millionen. Wenn du jemandem ein ­Fleckerl in der Südsteiermark als empfehlenswert ans Herz legen willst, ist die Wahrscheinlichkeit groß, auf ein „Kenn ich“ zu treffen oder eine Supertrumpf-Belehrungs-Replik in mittlerer Vortragslänge. Letzteres ­eskaliert in größerer Runde mitunter zu einer Art Sängerwettstreit der Chefsachverständigen, was einem wegen der aufgebauschten Klischeeverdichtung die Idee madig machen kann, so viel ausgewiesene Großartigkeit ist ja am Ende vielleicht gar nicht zu verkraften.

Glücklicherweise haben aber auch Klischees ihre Randlagen, die ein bisschen unzugänglicher sind und dir das Gefühl geben, dass du was geschafft hast, wenn du dort ankommst. Kitzeck liegt in einer außergewöhnlich steilen Randlage, nämlich im Sausalgebirge. Die Bezeichnung Gebirge werden jene, die die Nähe von Tausend-und-mehr-Meter-Gipfeln ­gewohnt sind, für eine Aufwerfung, deren höchster Punkt gerade einmal 670 Meter hoch ist, aus der Distanz für eine ziemliche Angeberei halten. Wie es da in Kitzeck allerdings bergauf geht, ist sehenswert: Weingärten mit einer Hanglage bis zu 80 Grad, das ist schon was. Da kannst du im Stehen ins Gras beißen, sagen die Leute hier.

Und es ist tatsächlich eine ziemliche Challenge, sich in dieser Steilheit aufrecht zu halten, da braucht man noch keinen Tropfen ­getrunken haben. Andererseits: Es ist fast wie im Stehen liegen, und man hat dabei ­einen ­sagenhaften Blick in die Landschaft.

Wobei das mit dem Blick in die Landschaft hier auch noch auf eine andere Art sensationell geht. Der Weinhof Kappel, an sich schon eine ziemliche Wohlfühl-Wohnadresse in dieser himmelwärts strebenden Landschaft, hat hinter dem Haus einen Pool, dessen Wasserkante ­direkt in die Unendlichkeit des steirischen Himmels mündet. Und wenn einem die Gunst eines heißen Sommernachmittags beschieden ist und man eins der holz-warmen Zimmer im Haus bezogen hat, legt man sich ins Wasser, lässt sich ein ums andere Glas dieses in sagenhafter Steilheit gewachsenen Weins bringen und schaut der Sonne beim Ableuchten ­dieser gottvollen Weltecke zu.

Später dann wird man auf der Terrasse des Hauses ein ausgesprochen feines Dinner serviert kriegen und sich über die kulinarisch ausgeprägt warmherzige Gastfreundlichkeit samt hereinbrechender, farbspektral ­perfekter Abenddämmerung freuen, während sich eines der vielen dramatischen ­Gewitter des Jahres über dem Grazer Luftraum zusammenbraut, das nächtens über der südlichen Steiermark niedergehen wird.

Der nächste Tag zeigt dann, dass Schönwetter eine Sache, der witterungsmäßige Niedergang aber ganz was anderes sein kann. Alle Schleusen offen. Und wenn man sich vorstellt, dass das, was da vom Himmel kommt, zu einer späteren Jahreszeit feststofflich und weiß sein kann, kriegt man noch mehr Respekt vor den Steillagen. Von einer aufrechten Haltung im Gefälle könnte dann ­ohnehin nicht mehr die Rede sein.

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