Kirchenwirt in Siget
Kirche + Wirt = Kirchenwirt
 

Sonntagslektion

Wir fahren fort: Einem Ruf ins Burgenland folgend, wo uns ein 285-Seelen-Dorf vorbetet, was eine gesunde Gemeinschaft für ein gutes Leben braucht.

27.10.2013 Autorevue Magazin

 

Es war eine Einladung. Auf einem anderen Wege hätte es das Schicksal schwer gehabt, uns nach Siget in der Wart zu bringen. Ein Freund hat sich in dieser unerwarteten Ecke des Burgenlands ein Haus gekauft. Das wollten wir uns ansehen.

Wandern und Rasenmähen

Siget ist ein kleiner Ort. Ein sehr kleiner Ort, nur 285 Einwohner stark. Aus der Entfernung möchte man darüber am liebsten ein Kreuz schlagen: Was kann denn dort schon sein außer stete Abwanderung und sonntags ein bisschen Rasenmähen?

Alles was ein Dorf braucht

Siget in der Wart ist aber genau das Gegenteil: eine kleine, recht gesunde Dorfgemeinschaft. Denn: Es gibt alles, was ein Dorf für ein Dorfleben braucht. Eine Schule. Eine Feuerwehr. Einen Tanzverein. Einen Fußballplatz. Eine Vielzahl schöner und teilweise sehr gepflegter alter Häuser. Zwei Kirchen (mehr dazu später). Und: den Kirchenwirt.

Kirchenwirt in Siget

Der Kirchenwirt in Siget ist nicht schwer zu finden, zumal er auch das einzige Wirtshaus ist. Er befindet sich gleich neben der alten evangelischen Kirche, die schmucklos und trutzig am unteren Anger steht (wer sie besichtigen will: den Schlüssel kann man sich beim Wirten holen). Einen Steinwurf entfernt steht eine zweite, nicht minder kleine, aber prächtigere Kirche. Die hat die evangelische Gemeinde gebaut, als man die alte an die Katholiken abtreten musste.

Großzügige Öffnungszeiten

Der Kirchenwirt ist ein Gemeindegasthaus, was bedeutet, dass er sich – zum Gemeinwohl – an großzügige Öffnungszeiten halten muss. Wochentags hat er ab zehn, am Sonntag sogar schon ab neun Uhr geöffnet. Der Kirchenwirt in Siget ist aber nicht nur eine zweckmäßige Institution. Er ist auch ein hübsches Gasthaus. Das Haus ist alt, die Schank auf eine gute Art urig, die Stube gemütlich, alles ordentlich und unverbastelt. Draußen im Garten sitzt man unterm offenen Scheunendach oder unter Weinlaub mit Blick auf die alten Arkaden des Hauses. Auf der Karte stehen Speisen, die gefühlvoll ein bisschen Lokalkolorit widerspiegeln und doch allen schmecken. Schwammerlsuppe im kleinen Kessel, Bohnensterz mit Milch oder Bohnenkrautsuppe und „Serteshus“, das ist ein Schweinsfilet im Pfandl, das der Kirchenwirt mit Minzlack, Paprikastreifen und frittierten Erdäpfeln serviert. Und spätestens beim Schweinsfilet kriegt man die zweite Sonntagslektion. Siget in der Wart ist ein zweisprachiges Dorf. Hier leben noch die Nachfahren jener Burgenlandungarn, die in der Zeit der Türkenkriege als Grenzwärter in der Gegend angesiedelt wurden. Eine Gemeinschaft, die sich bewusst als solche empfindet. Und zum Glück ein feines Dorfwirtshaus hat.

 

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  • Ravenbird

    Ein wirklich schöner Ausflug. Besonders dem Web-Designer vom Kirchenwirt muß man gratulieren – der Internetauftritt ist Kunst!

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