Jackie Stewart gibt Autogramme bei der Viennale 2013
Großer Andrang von Autogrammjägern
 

Jackie Stewart: Fangio ist der größte Fahrer aller Zeiten

Der dreifache Formel-1-Weltmeister im Interview, über Fangio, seinen Bezug zu Österreich, die Formel 1 und Ecclestone.

29.10.2013 APA

Neben dem groß in den Medien vertretenen Formel-1-Film „Rush“ konnten Feinschmecker gestern und heute, im Rahmen der Viennale 2013, einen viel persönlicheren Einblick in die Formel-1-Geschichte erhaschen. 1971 hat der nicht unumstrittene Regisseur Roman Polanski den schottischen Weltmeister Jackie Stewart in Monaco mit der Kamera begleitet, „Weekend of a Champion“ ist daraus entstanden. Ein Dokumentarfilm über die Zeit in der Rennfahrer ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben.

Zufällig Rennsportler

Im Interview erklärt der mittlerweile 73-jährige und von der Queen zum Sir geadelte John Young „Jackie“ Stewart, dass er eigentlich eher zufällig zum Autorennsport gekommen ist. Der wie der Österreicher Niki Lauda dreifache Weltmeister spricht auch darüber, dass er das Comeback der Formel 1 in Österreich für großartig hält und warum aus seiner Sicht der Argentinier Juan Manuel Fangio der beste Rennfahrer aller Zeiten ist.

Was denken Sie über den in Monaco gedrehten Film?

Stewart: „Ich mag ihn, weil er die Uhr zurückdreht und eine sehr intensive Periode des Motorsports zeigt. Viele meiner Kollegen sind in dieser Ära gestorben, nicht einmal ein Jahr vor dem Film kam Jochen Rindt ums Leben. Es waren wirklich gefährliche Jahre, ein Kaleidoskop des Lebens. Der Polanski-Film zeigt das.“

Können Sie bitte ein wenig die damalige Zeit aus der Sicht eines Formel-1-Fahrers schildern?

Stewart: „Es war geradezu lächerlich. Wir hatten keine Absicherungen in der Boxengasse. Dort standen Öl- und Benzinfässer, die jederzeit explodieren und 30 oder 40 Menschen hätten töten können. Aber die damalige Mentalität war so, man wollte es nicht hören und nichts ändern. Es war aber auch charakterbildend. Es kamen die Nationalfarben an den Autos auf, aber auch der Kommerz und das Marketing. Das Interesse wurde global, es war eine geradezu berauschende Periode mit all diesen idiotischen Gefahren. Dieser Film zeigte die Realität der Änderungen.“

Derzeit läuft mit „Rush“ ein weiterer Formel-1-Film höchst erfolgreich. Schon gesehen?

Stewart: „Ein großartiger Film. Viele haben da erst registriert, dass es Niki Lauda wirklich gibt. Und der Schauspieler, der Niki gespielt hat, war großartig. Ich hoffe, er wird für den Oscar nominiert, denn er war beim Spielen von Niki besser als der echte Niki.“ (lacht)

Wie intensiv ist ihre Beziehung zu Österreich?

Stewart: „Sie entstand durch die Freundschaft mit Jochen (Rindt, Anm.). Ich war schon damals oft in Wien und in Graz, wo er aufgewachsen ist. Und da war natürlich der Österreich-Grand-Prix. Ich komme aus Schottland und damit ebenfalls einem kleinen Land, wir haben vieles gemeinsam. Ich mag natürlich auch Niki Lauda und Gerhard Berger.“

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Was sagen sie zum Comeback der Formel 1 in Österreich?

Stewart: „Damit hat Dietrich Mateschitz etwas Großartiges getan. Es wird Österreich stärker als alles andere ins Blickfeld rücken, denn die Formel 1 ist der größte TV-Sport weltweit. Sie ist größer als Olympia und die Fußball-Weltmeisterschaft, weil sie jedes Jahr da ist und nicht nur alle vier Jahre. Das globale Interesse ist riesig, denn jeder auf diesem Planeten fährt Auto und kann sich deshalb mit Motorsport identifizieren. Österreich wird eine riesige Präsenz dadurch bekommen und es wird weitergehen, denn Motorsport wird immer größer. Während des Grand Prix wird die ganze Welt auf dieses Land fokussiert sein.“

Apropos Olympia. Sie wären seinerzeit ja selbst fast zum Olympiastarter geworden, oder?

Stewart: „Ich war Legastheniker und habe die Schule mit 15 und ohne Ausbildung verlassen. Dann fand ich heraus, dass ich im Zielschießen ziemlich gut bin. Bis 23 war das dann mein Sport, ich bin für Schottland und dann Großbritannien um die Welt gefahren. Erst nach meiner Heirat habe ich mit dem Motorsport begonnen. Das war aber eher Zufall und keine wirkliche Langzeit-Ambition. Dann hat es mein ganzes Leben verändert.“

Vom lebensgefährlichen Abenteuer hat sich die Formel 1 zur Ära der Seriensieger entwickelt. Ist der Vorwurf der Langeweile gerechtfertigt?

Stewart: „Nein. Vielleicht war das in der Schumacher-Ära. Jetzt haben wir die Vettel-Jahre und manche beginnen es als langweilig zu empfinden. Aber die Boxenstopps, die Reifensituation usw., das macht den Sport aufregender als damals. Ich bin begeistert und ja noch immer sehr oft bei den Rennen dabei. Es hat sich verändert, aber zum Guten.“

Aus ihrem späteren Stewart-Team ist letztlich Red Bull Racing geworden. Fühlen Sie sich auch ein bisschen als Weltmeister?

Stewart: „Es ist noch immer die gleiche Fabrik und viele von den Mitarbeitern sind noch immer da. Unser Team war durchaus erfolgreich, wir standen mehrfach am Podium und hatten sogar einen Sieg. Ich hatte damals aber nicht genug Geld, um Ferrari, McLaren und Williams zu fordern. Deshalb habe ich an Ford verkauft, die es als Jaguar weitergeführt haben. Aber das Management in den USA und die Fabrik in Milton Keynes, das hat nicht funktioniert. Dann kam Mateschitz, und er hat es richtig finanziert und dann vor allem die absolut richtigen Leute geholt. Das war das Wichtigste überhaupt.“

Wo sehen sie die Formel 1 derzeit und was denken sie über die neuen, kleinen Turbomotoren für 2014?

Stewart: „Die Struktur und das Paket ist sehr gut, ebenso die Internationalität. Aber mehr Rennen gehen nicht mehr, das zerstört auch Familien. Die neue Formel ist ein Statement für die Ökologie. Wir werden nur noch die Hälfte Benzin verbrauchen als 2012. Technologisch entwickelt sich die Formel 1 schneller als jedes andere Business, weil wir nicht die regulatorischen Probleme haben wie die Pharma- oder Luftfahrtindustrie. Hier wird 24 Stunden am Tag gearbeitet, damit am Freitag nach einem Grand Prix schon wieder acht Änderungen am Auto sind. So etwas entscheidet über Sieg und Niederlage.“

Bernie Ecclestone wurde soeben 83 Jahre alt. Was wird aus der Formel 1 nach ihm?

Stewart: „Die Formel 1 ist das, was sie ist, wegen Bernie. Ich glaube nicht, dass irgendjemand Anderer diesen Sport auf diesen Level gebracht hätte. Er hat persönlich mehr Geld im Sport verdient als irgendwer anderer, egal in welchem Sport. Es sind schwer Fehler zu finden. Klar, er ist ein Diktator. Aber der Sport ist spektakulär und global. Bernie arbeitet mit 83 noch immer gleich ambitioniert. Mir fehlt jede Vorstellung, wie es weitergehen würde, ich sehe keinen geplanten Nachfolger.“

Wer ist oder war ihrer Meinung nach der bester Fahrer aller Zeiten?

Stewart: „Für mich ist das Juan Manuel Fangio. Er hat in den 1950er-Jahren fünf WM-Titel für vier Teams geholt, praktisch jedes Jahr Team gewechselt. Er war sehr schnell, aber auch sehr sicher unterwegs. Und er ist mit Stil zurückgetreten, wurde Präsident von Mercedes-Benz in Argentinien und hat den Sport mit großer Würde betrieben. Für mich war er der Größte.“

Wie sehen sie den jüngsten Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel dazu im Vergleich?

Stewart: „Jeder Mehrfach-Weltmeister wird mit Fangio verglichen. Niki und ich hatten drei Titel, Sebastian hat schon vier in Folge und er kann es sechs oder sieben Mal schaffen. Aber zu vergleichen ist das schwer. Ich war mit meinen drei Titeln total zufrieden, denn zu meiner Zeit war es so gefährlich, dass die meisten meiner Kollegen getötet wurden. Nach meinem Rücktritt wollte ich deshalb auch nie wieder fahren, ich hatte großes Glück. Ich hätte sicher auch vier Mal Weltmeister werden können, aber es war nicht wichtig. Du kannst nur dein Zeitfenster nützen und darin das machen, was für dich richtig ist.“

Kann Vettel zum erfolgreichsten Fahrer aller Zeiten werden?

Stewart: „Das ist schwer zu vergleichen. Heute gibt es bis zu 22 Rennen pro Jahr, bei uns waren es elf. Ich habe einmal sechs davon gewonnen, Jim Clark noch mehr. Vom Schnitt her waren wir also genauso gut. Aus meiner Sicht kann ein aktiver Fahrer nie der beste aller Zeiten genannt werden. Man muss es hinter sich haben und auch danach präsent sein. Wie Fangio, den man auch lange danach bewundert hat. Erst die Jahre danach haben ihn zu einem ganz Großen gemacht. Es geht eben nicht nur um das, was du hinter dem Lenkrad machst.“

 

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