Istanbul 500
Fridolin, der Raucher. Es sollte ihm noch vergehen.
 

Istanbul 500 – Abfahrt

Schneckenhaus in Zeitlupe. Indianer meinen, dass sich die Seele mit 80 Stunden-kilometern fortbewegt. Wir konnten sie eh nicht überholen. Eine Art Protokoll.

06.07.2013 Autorevue Magazin

Fridolin, das Wohnmobil, ist schwerer Raucher. An der Grenztankstelle versuchen wir es mit gutem Additiv-Diesel ­gegen die uns verfolgende Rußfahne. Es hilft, zumindest im Rückspiegel. Der ­Tacho ist auf 80 festgeheftet, innen klingt das Ventilschnattern vertrauenswürdig wie bei einem B-Kadett. Die Befürchtungen des Werkstattmeisters, dass die Einspritzpumpe demnächst den Exitus erleiden würde, haben wir hinter der Grenze liegen gelassen. Was soll schon sein? Öl und Werkzeug haben wir genug dabei, den Blaumann für schnelle Einsätze schon am Leib – und ­bevor am Balkan niemand einen Transit reparieren kann, geht die Welt unter.
Soundtrack, passend bescheuert (Bandit!):

Einbruch der Dunkelheit, wir verfolgen (wie immer) einen Lkw, dessen weiße Hecktüren Michi inspirieren. Nicht der Frontkamera gehört die Zukunft, sondern dem Frontprojektor. „Jetzt auf dem Heckblech Fast & Furious schauen, das wär’s.“
David schickt SMS. Es gäbe Livemusik an einer serbischen Raststätte. Anfangs vermuten wir eine Finte, lassen uns aber doch hinreißen. David hat einen Riecher fürs Skurrile, es war das Opfern der kostbaren Stunde mehr als wert.
0:38-0:40 Uhr: Drittes Überholmanöver. Fridolin wird von Kilometer zu Kilometer besser.

Soundtrack:

6:18 Uhr: Grenze Bulgarien. Der serbische Kontrollor hat eine Zigarette in der linken Hand und geschätzte 1,5 Promille im Blut. Ich gebe ihm unsere drei Pässe. Doppelt dürfte er allerdings nicht sehen, trotz seines beklagenswerten Zustands entgeht ihm nicht, dass nur zwei Menschen zu sehen sind. Erst als Michi sein verschlafenes Gesicht zeigt, ist er zufrieden.
10.32: Merke: Schlafen auf der bulgarischen Autobahn ist nicht. Ohne Kopf­polster gäbe es ein feines Schädelhirntrauma. Lasse mir von Michi die Neuigkeiten schildern. Zwei Dosen Stiegl (Pivo als harte Währung dürfte überhaupt ein genialer Einfall gewesen sein) hat er dem beratungsresistenten Tankwart gegeben, der sich von oben bis unten von Fridolin hat anpinkeln lassen. Sonst? In Sofia steht ein Kernreaktor mitten in der Stadt. Dort sei die Dichte an leeren Wodkaflaschen am Straßenrand am höchsten.
Und: „Schreib auf: plus vier Überholmanöver!“

11.18: Ein gezeichneter Kornherr ruft an. Seine Äh-Pausen beim Sprechen gleichen denen österreichischer Spitzenpolitiker. Frage mich, ob die auch so übermüdet ins Parlament gehen. Sie seien schon auf dem Rückweg. „Wenn ich euch einen guten Rat geben kann …“, Andi Riedmann plärrt aus dem Off: „Draahts um!!“ Wir bieten ihnen Kaffee an, sollten wir uns begegnen.
12.14 Uhr: Unter einem ausrangierten Militärjet rollen wir für das Treffen aus. Der Konsum zahlreicher Energydrinks am Vortag macht sich im Morgenurin bemerkbar: Das Zeug leuchtet garantiert im Dunkeln. Michi meint, dass es eh gut wäre, wenn Fridolin mal ein bissl auslüftet: „Er riecht nach Festival. Nur ohne Kotze.“
Kornherr wirkt verwirrt, was bei ihm zur Serienausstattung gehört – nicht aber in diesem bedenklichen Ausmaß. Sorgen sind unangebracht, Autofahren ist fest in seiner Hypophyse einprogrammiert. Gedanken mache ich mir um Andi, der aussieht wie ein Uhu nach einem Waldbrand. Michi bietet ihm an, umzusteigen und sich im Alkoven flach hinzulegen. Sein Blick spricht Bände, er entscheidet sich dann aber doch für die Märtyrerrolle.
Kornherr erzählt von vier Stunden Wartezeit an der türkischen Grenze und der Androhung eines Einreiseverbotes. Und dass er jetzt weiterfahren müsste, weil er die Schmach, von Seidels Volvo überholt zu werden, nicht verkraften würde. Und überhaupt: Er und Riedmann seien zusammen genau hundert Jahre alt und wir Jungspunde wären eh nicht mit dem richtigen Ehrgeiz bei der Sache. Mit doppelt so viel Zylindern und fast fünfmal so viel PS ist leicht reden – wie gesagt, er ist ein wenig durcheinander.
16.56: Todesmutig schließen wir zum Grenzposten auf. Wo wir hinwollen? Istanbul. Wie lange wir bleiben? Ich deute auf den Istanbul-500-Aufkleber auf der Fahrertür und erkläre, dass wir bei der Bosporusbrücke ein Beweisfoto schießen und dann umkehren. Zum Beweis drücke ich ihm eine Autorevue in die Hand. Das gefällt ihm, außerdem sei er Chef der Grenze. Wenn wir irgendeine Unterstützung brauchen, sollen wir nur zu ihm ins Büro kommen. Fünf Minuten später sind wir durch. Keine Ahnung, warum sich die anderen so patschert angestellt haben.

20.14: Der Wind ist günstig. Roman erledigt vier(!) in einem Aufwaschen.
22.42 Uhr: Nach Stunden der Ödnis verkündet ein Schild am Straßenrand: ­Istanbul 22 km. Die Autobahn ist gesäumt von Industriegebiet. Riesige Hallen wechseln sich mit Bürogebäuden ab, viele tragen bekannte westliche Namen. Noch ahnen wir nicht, dass wir uns bereits in der Vorstadt befinden. Die Fabriken verwandeln sich stetig in Plattenbauten, die Bürogebäude in neonbehübschte Hochhäuser, das Verkehrsaufkommen wird intensiver. Wien kommt uns im Vergleich plötzlich wie ein besseres Dorf vor. Der Wendepunkt lässt sich regelrecht fühlen. Die Auffahrt auf die ­Bosporusbrücke ist erstaunlich steil, ­Fridolin bettelt um den dritten Gang. Ich denke, dass sogar er Freude bei der Überquerung hat. Kommt ja nicht alle Tage vor, dass sich unter einem ein fetter Öltanker durchschiebt. Und überhaupt: Asien!

Die Mautstelle am Ende der Brücke ist unbemannt und unbeschrankt – nachdem wir kein Ticket gelöst haben, pfeifen wir einfach so durch, was die elektronische Erfassung mit Sirenengeheul quittiert.
23:28: Neben einer Art Kaserne am Fuße der Brücke. Ein Mix aus Freude, Erleichterung und Müdigkeit lässt in uns den Beschluss reifen, gleich hier – gut bewacht – zu übernachten. Zu gewinnen gibt es ob des Vorsprungs der anderen ohnehin nichts mehr. Plötzlich stellt sich ein weißes Auto neben uns, es sind – David und Josef. Scheint, als wäre nun die inoffizielle Genusswertung eröffnet.­

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