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Im Wendekreis der Birne

Wir fahren fort: Ins niederösterreichische Mostviertel, das seinem Namen alle Ehre macht und weiter reicht, als wir uns das eigentlich gedacht haben.

17.08.2015 Online Redaktion

Würde man ein Ranking der niederösterreichischen Viertel nach den in ihrem Namen enthaltenen Vermögenswerten machen, hätte das Mostviertel wohl nicht ganz so gute Karten. Wein, Wald, Most – man kann sich ungefähr vorstellen, wie eine reflexartige Zuspruchsverteilung aussehen könnte. Dabei: Most ist eine feine Sache. Überaus erfrischend, je nach Art mit einer Tendenz ins Fruchtige oder Herbe, und mittlerweile durchaus auch mit etwas Trinkkultur-Brimborium ausgestattet. Man kann Kennerschaft zeigen, einen leichten „Brous“ (mostviertlerisch für „Knospe“) bestellen oder einen „Preh“ („Stolz“), eine Cuvée aus speziellen Mostbirnsorten, und dann steht man auch schon mittendrin im Mostviertel, schaut in die sommerlich-grüne Gegend, sieht, wie viele Birnbäume hier wachsen, im Frühling der Landschaft einen weißen Brautschleier anziehen und im Herbst Früchte tragen, lernt über Speck-, Dorsch-, Stiegl- und Grüne Pichlbirne, und darüber, was man mit dem Most auch in der Küche anstellen kann.

Mostbirnhaus Ardagger

Es war ein Bilderbuch-Sommertag, an dem wir nach Amstetten gefahren sind und dort ein Stück Richtung Donau zum Stift Ardagger. Aus zwei Gründen: Dort gibt es das Mostbirnhaus, das ein Feinkostladen für regionale Spezialitäten von Most über Cidre, Senf, Essig bis hin zur Marmelade ist. Und das Landgasthaus Ardagger. Wir haben dort auf der Terrasse mit Blick ins Grüne eine kulinarische Mostvierteleinstimmung vorgenommen, ein gleichermaßen köstliches wie wunderbar angerichtetes Mostviertel-Maki (Forelle/Gurke mit Apfel und Mostschaum) gegessen, mit heimischem Fisch gefüllte Ravioli und eine auf hübsche Art dekomposi-tionierte Pilz-Lasagne, und sind nach einer kleinen Verdauungsrast ins Land hineingestochen. Über Neuhofen an der Ybbs durch eine strahlend grüne Hügellandschaft hinauf in die entlegene Greinöd, um beim Mostheurigen Reikersdorfer etwas über die Heilkraft von Essig zu erfahren, weiter über den Hochkogl (ein Kurven-Geheimtipp) nach Randegg, weiter nach Gaming, vorbei an der eindrucksvollen Kartause und in einem Anflug von Übermut in südliche Richtung auf Mariazell zu.

Je weiter man den Ybbsverlauf auf sein Quellgebiet zufährt, glaubt man sich nicht mehr im Mostviertel. Die Obstbäume werden weniger, die Berge werden ernsthafter, und plötzlich rückt der Ötscher ins Bild, in all seiner Mächtigkeit und Größe. Wir fahren über Neuhaus und das Zellerrain hinüber ins Steirische, biegen hinterm Erlaufsee nach links ab und heben hinter Mitterbach in den bekannten Kurvenverlauf Richtung Annaberg an, um in Wienerbruck zu halten.

Wienerbruck hat nämlich seit Kurzem mit etwas Besonderem aufzuwarten. Hier steht nicht nur die neue Ötscherbasis als Ausgangspunkt zur Erwanderung der Ötschergräben, hier kann man auch am Bahnhof Urlaub machen. Veronika Nutz hat das alte Bahnhofshaus gekauft, sehr liebevoll restauriert und darin zwei hübsche Appartements eingerichtet, die mit Holzboden, Musterwandbemalung und Oma-Bett eine enorme Heimeligkeit ausstrahlen und eine Abendkulisse bieten, die wohl einzigartig ist: Ein Bahnsteig, den man für sich alleine hat, weil nach acht kein Zug mehr kommen wird. Man setzt sich also auf die Wartebank, schaut in die Gegend, geht dann in den ehemaligen Wartesaal, der jetzt Wohnküche ist, und holt sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Ja, ein Bier. Das kann das Mostviertel nämlich auch.

 

Landhaus Stift Ardagger

3321 Ardagger Stift 3, Tel. 07479/6565-0; www.landhaus-stift-ardagger.at
Montag & Dienstag Mittag Ruhetag; VS € 4,60–12,70; HS € 13,40–23,00

Presshaus Reikersdorfer

Greinöd 1, 3364 Neuhofen an der Ybbs, Tel. 07475/564 81; www.mosti.at

Urlaub am Bahnhof
Langseitenrotte 34, 3223 Wienerbruck, Tel. 0664/162 83 35; www.urlaubambahnhof.at; Appartement pro Nacht € 100,–, (Frühstückskorb für zwei: € 25,–)

 

Am Sonntag, den 23. August 2015, findet im MostBirnHaus im Stift Ardagger der sogenannte SALON DES MOSTES statt, bei dem Erzeuger aus ganz Europa zeigen, zu welcher Köstlichkeit es der Most und alles, was man daraus machen kann, bringen kann. Natürlich sind vor allem auch die Produzenten des Mostviertels prominent vertreten. Wer neugierig ist und seinen Horizont erweitern möchte: Wir empfehlen – Hingehen!

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