Am Pool im Hotel Hertelendy
Entspannung
 

Hoheit in der Einschicht

Wir fahren fort: Nach Ungarn, wo in der südlichen Puszta ein kleines gelbes Schlosshotel liegt, in dem man famos aus der Zeit kippen kann.

21.09.2013 Autorevue Magazin

 

Kozmapuszta liegt gefühlsmäßig am Ende der Welt. Hierher kommt man nur durch puren Zufall oder mit eisernem Willen, vor allem, wenn die Abenteuerlust, wie meine, so ganz auf Landkarten verzichten wollte. Puszta, das heißt ja nichts anderes als „Einöde“, und ein Nichts als Orientierung ist reichlich dürftig, zumal hier jeder zweite Wegweiser auf einen Ort zu zeigen scheint, dessen Name auf -puszta endet.

Ohne Kitsch

Es muss genau diese Einschicht gewesen sein, die Graf Andor Hertelendy gesucht hat, als er sich in den 1920er Jahren ein paar Kilometer östlich vom verschlafenen Nest Sesesd ein Jagdschloss errichten ließ, rundum nichts als Wiesen, Wälder, Felder mit reichlich Rothirsch, Wildschwein und Schnepfen. Der Graf bewies dabei guten Geschmack, was die Architektur seines feudalen Rückzugsdomizils betrifft, die klassizistisch, klar und kitschlos ist, und doch imposant dasteht, inmitten einer großzügigen Parklandschaft mit uralten Linden, Platanen und Birken, auf die man von den prachtvollen Gesellschaftsräumen im Erdgeschoss genauso sehen kann wie von den Schlafgemächern der oberen Stockwerke.

Stiege im Hotel Hertelendy

Kein Kitsch

Tontaubenschießen, Reiten und Ballonfahren

Nach der Enteignung des Adels nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es von der Sowjet-Armee als Verwaltungssitz genutzt und ziemlich abgewirtschaftet, nach dem Ende des Kommunismus in seinem erbärmlichen Zustand dann von einem reichen Schweizer Bauunternehmer gekauft und für mehr als 20 Millionen Euro renoviert. Das Schloss sollte dem vermögenden Mann als privates Rückzugsrefugium dienen, mit prächtigen Stallungen für die Pferde der Tochter und 240 Hektar Land rundum, wo es sich prächtig Tontaubenschießen, Reiten und Ballonfahren lässt. Weil aber, wie man hört, der Bürgermeister dem Ausbau der schlosseigenen Landebahn auf Düsenflugzeugnutzung nicht zustimmen wollte, änderte der neue Eigentümer seine Pläne und baute Schloss Hertelendy zu einem 5-Stern-Hotel aus (eben zum Hotel Hertelendy), dessen Vorzüge unter anderem darin bestehen, dass es auch per Motorflugzeug, Hubschrauber oder terrestrisch per Abholung mit dem hauseigenen Rolls-Royce zu erreichen ist.

Am Pool im Hotel Hertelendy

Entspannung

Individuelles Schlafen

Es gibt 14 Suiten im Schloss, jede großzügig, schlosswürdig und modern, mit Kachelofen, geschnitztem Edelholz-Betthaupt, Stuck und Marmorbad, dabei jede aber anders eingerichtet, inklusive eigener Geschichte, wie die der einstigen Schlafgemächer des Fürstenpaares zum Beispiel. Man fühlt sich fast, als wäre man tatsächlich persönlicher Gast einer durchlauchten Gesellschaft vergangener Tage, wenn nicht die Herrschaften an den anderen Tischen auf der Schlossterrasse Designer-Jeans trügen und Smartphones in Händen hielten.

Nach dem Essen ein Rundgang

Nach dem Abendessen, das aus einem Sülzchen vom Mangalizaferkel, Pasta mit schwarzer Trüffel, einem Zanderfilet auf Wildkräuter-Risotto und einem kunstvollen Milchreis-Arrangement bestand und von je einem Glas Dereszka Sauvignon Blanc 2009, Gál Tibor Bikavér 2006 und Tokajicum Reneszánsz Cuvée 2004 begleitet wurde, empfahl sich dringend ein Rundgang über die fürstliche Freitreppe hinunter in den Park, zum nachts beleuchteten Pool und zum thermalwasserbeheizten Badeteich, an dem ein mehrere hundert Mitglieder zählendes Frosch-Orchester ein leidenschaftliches Konzert gab.

Flambierflammen-Theater

Drei weitere Höhepunkte erfuhr der Aufenthalt tags darauf, als trotz drohendem Gewitter die Masseurin des Hauses einer Behandlung
im Pavillon, der mitten im Schlosspark steht, zustimmte. Am Abend gab’s dann im fürstlichen Speisesaal Crêpes Suzette, in guter Nobel-Restaurant-Manier fulminant mit Flambierflammen-Theater bei Tisch zubereitet (ein Gedicht!), und danach ein Gläschen vom fassgelagerten Barack, Jahrgang 1941, das in der Holzschaukel unter der alten Platane getrunken werden musste, mit Blick über die Wiese auf die erleuchteten Gesellschaftsräume des Schlosses. Die Depesche, die just da eintraf, fand den richtigen Ton: „Schlafet wohl, Hoheit!“ stand auf dem Display.

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