Die Vorspeise, das Sülzchen
Als Vorspeise ein Sülzchen
 

Von draußen vom Walde komm ich her

Wir fahren fort: An den unteren Rand des Waldviertels, um vorzeitiger Verweichlichung vorzubeugen und den Grenzgang mit einer gefüllten Kalbsbrust abzuschließen.

08.12.2013 Autorevue Magazin

 

Keine Ahnung, warum es Wärmelehre heißt. Am Ende wird doch bloß alles kalt. Heuer sogar so richtig. Unter null. Ohne Ende. Tag für Tag. Man kommt zurecht, natürlich, alles nur eine Frage der Gewöhnung. Aber genau da wird die Lehre ja absurd: Es dauert Tage grausamer Gewöhnung an das frostige Übel, bis man es halbwegs verinnerlicht hat, und dann kommt eine läppische kleine Erwärmung des Wegs, und schon ist die Verweichlichung passiert: Man fängt mit dem Frieren wieder bei null an.

Gasthof Schwarz

Ich floh vor einer vorübergehenden Plus-Grade-Front ins Waldviertel, das klimamäßig zu Recht als tendenziell unterkühlt gelten kann. Erst ging’s durch die frosttote Wachau bis Weißenkirchen, wo eine kleine, fein gewundene Straße hinauf nach Nöhagen abzweigt. Dort liegt der Gasthof Schwarz, ein ­gleichermaßen bekanntes wie gutes Ausflugsziel für Menschen mit gesundem Appetit auf bodenständig Fleischliches. Auch die Weinkarte ist berühmt, sie schöpft aus der Nähe zu den Weltklasse-Rieden in der Region.

Zuerst zu den Neandertalern

Das Essen will aber verdient werden. Zuerst also ein Spaziergang durch den knirschenden Schnee, der hier im Waldviertel auch auf den Straßen liegt, weil es in so einer Gegend keinen Sinn macht, gegen den Frost und die Verwehungen anzusalzen. Viel mehr als die Straßen bleibt einem leider nicht im klirrkalten Tiefstwinter. In einer freundlicheren Jahreszeit könnte man die Krems entlang wandern, hinauf zum Zwickel etwa, wie sie den Zusammenfluss von Großer und Kleiner Krems nennen, oder zu einer der vielen Höhlen, die es in der Gegend gibt. Die Gudenushöhle macht diese Ecke des Waldviertels gar in der ganzen Welt berühmt, weil hier vor 70.000 Jahren ein paar Neandertaler Quartier bezogen und uns Zeichen ihrer Existenz zur Erforschung hinterließen. Aber all das ist unerreichbar jetzt.

Das Essen

Bei minus sieben also durchs Dorf und den benachbarten Tann gegangen, solange, bis die Mimik zäh und die Zehen kalt wurden. Die Wohltat, die es bedeutet, wenn du in diesem Zustand eine warme Stube betrittst, in der die Gläser klingen und sie dampfende Speisen zu den Tischen tragen, ist unvorstellbar paradiesisch. Noch mehr das Essen dann: Ein Sülzchen als Vorspeise und ein Kräuterfrischkäse auf Blattsalat, eine gefüllte Kalbsbrust und ein saftig geschmortes Kalbsbackerl, dazu eine Flasche von der Pinot Noir Reserve aus der Thermenregion (der Temperaturschwankung eingedenk) und danach herrlich flaumige Topfenschupfnudeln mit Mohn.

Wieder unter null

Der Rückweg dann, nach einer weiteren Spazierrunde durch die mittlerweile noch frostigere Dunkelheit, ging über Stixendorf und Egelsee nach Krems, wo man aus dem bergigen Kurven praktisch in den Campus der Donau-Uni fällt. Am Ende stand das Thermometer auch daheim wieder auf unter null. Der Versuch des Entrinnens war also geglückt. In mehrfacher Hinsicht.

 

 

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  • hubbie

    Nöhagen, Nigl und ein Pörkölt mit Spätzle, das kleine große Glück für mich, fürs innereienverliebte liebend Weib ein Bries zum Niederknien – und das als Statinschluckerin!

  • Ravenbird

    Wunderschöne Gegend, echter Winter, nicht so ein Salzgemisch-Gatsch wie rund um und in Wien. Fahren können im Winter dort nur echte Fahrer und Fahrerinnen, alle anderen scheiden so oder so aus.
    Man bekommt Appetit auf Schnee, Essen, kalte Luft und Ausflug, wenn man diese schöne, lyrische Beschreibung liest. Gut gemacht.
    Wie das dort so ist, weiß ich, schließlich habe ich früher in der Nähe gewohnt und kenne die Gegend.

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