Das flutscht: Tausende schwitzige Menschen und hochprozentige  Abkühlung zum Aufheizen.
Das flutscht: Tausende schwitzige Menschen und hochprozentige Abkühlung zum Aufheizen.
 

Hochfrequentiertes Halligalli in St. Pölten: FQ 2013

Von 15.-17. August steigt wieder das FM4 Frequency Festival im Green Park St. Pölten. Die perfekte Gelegenheit für den nicht wählerischen Freund lauter Geräusche, sich fast rund um die Uhr mannigfaltig beschallen zu lassen.

08.08.2013 Online Redaktion

Nächstes Wochenende ist es wieder soweit – mit dem Frequency zieht nach dem Nova Rock ein weiterer Fixstern am österreichischen Festivalhimmel auf, um ein bisschen dahinzuglimmen und sein Leben bereits am Samstagabend mit einer Supernova der Schwermut wieder auszuhauchen. Mehr dazu später. Wie bereits 2012 findet das FM4 Frequency Festival auch heuer im Green Park St. Pölten statt, wie gewohnt mit ur vielen Bühnen und einem nicht ganz konsequenten Line-Up.

Als Head-Headliner werden Tenacious D, System Of A Down und die Toten Hosen gelistet. Darunter, als zwar-auch-aber-dann-doch-nicht-ganz-so-wichtig-Headliner, ordnen sich Franz Ferdinand, Nero, Billy Talent sowie Nick Cave und die Bad Seeds, in dieser Reihenfolge, ein. Zumindest die Logik, die geschichtsträchtigen Warlords hintereinander anzuführen, wurde hier gewahrt, und das ist doch schon mal was. Ein FM4-Fest muss ja nicht gleich zwangsläufig FM4-ish sein.

Tag 1 – Gediegene Gitarren

Die durchwegs bekannten und mittlerweile auch schon in Amerika fast volljährigen Killerpilze haben am Donnerstag die dankbare Aufgabe, die Space Stage kurz nach 14 Uhr zu eröffnen, parallel zu etwas namens Marathonmann auf der Green Stage. Eine kurze Recherche zeigt: Das wird kein Filmscreening, sondern eine Münchner „Post-Hardcore“-Band, bei der „mitunter auch Emocore-Elemente erkannt werden“ (Wikipedia). Ach!

Auf den beiden Bühnen plätschert es dann so dahin, zwischen drei und vier Uhr schalten sich die UK Weekender- (mit Frenzy Foundation) sowie die Red Bull Brandwagen-Stage (mit Josy & The Joggers) dazu. Um 16 Uhr 35 wird’s mit altem Gemüse aus dem Blumentopf erstmals ein bissl weniger Underground. Und geht so weiter: Die Fratellis (das sind die mit diesem Lied: du-dududu-dududu-dudududududu) bespielen um 19 Uhr die Green Stage, danach bleibt den Freunden hochglänzenden Retro-Brit-Pop-Rocks während 3 Feet Smaller genügend Zeit, sich ein, zwei Bier zu holen, bis um 21 Uhr 45 Franz Ferdinand das zu Ende bringen, was die anderen Schotten angefangen haben.

Um 23 Uhr 30 kann man sich entweder Tencious D oder Flogging Molly anschauen, oder aber komplett aus der Reihe tanzen und zu Alex Metric oder Lexy & K Paul rüberschauen. Wie diese Namen vermuten lassen, gibt es beim Frequency Elektronikfloors, und zwar gleich zwei, die – und das ist zumindest prinzipiell sehr löblich – täglich bis um 6 Uhr morgens bespielt werden. Eine Sicherheitsmaßnahme – nicht dass nach Showende auf den Main Stages ein paar (tausend) gerade in Stimmung Geschunkelte auf die Idee kommen, das Festivalgelände zu verlassen und sich in St. Pölten umzu…schauen. Clever!

Tag 2 – Punky, Scary, Funky

Am Freitag müssen die Punkclowns von Pennywise schon um 15 Uhr ran, um die Space Stage für den Abend zu reanimieren. Ziemlich abgespaced ist auch, dass gleich danach Imagine Dragons, Fall Out Boy und Casper ihr Bestes geben werden, jeden schleppend aufgebauten post- und prealkoholischen Moshpit im Keim zu ersticken.

Eine hypothetische logische Klammer schließt sich erst sehr viel später mit Bad Religion, die quasi als Vorband von System Of A Down fungieren. Dabei hätte der Abend – gespickt mit mehreren überbrückenden Stunden Powernapping – so viel Spaß machen können! Zudem hätte man bis jetzt vermuten können, das Frequency wäre eine Ausnahmeerscheinung von Festival, das keine Anhänger der groteskesten musikalischen Auswüchse der Neunziger (Nu Metal, sog. „Cross Over“) ansprechen möchte. Aber gut – System Of A Down also. Die übrigens nicht einmal ein neues Album haben. Vielleicht hat der umtriebige Sänger Serj Tankian einfach andere Prioritäten: Erst kürzlich hat er ein minimalistisches Jazz-Album mit dem vielsagenden Titel „Jazz iz Christ“ herausgebracht, dessen Cover ein gekreuzigtes Saxofon samt Dornenkrone über dem Mundstück zeigt. Vielleicht sollte man seinen Freitagabend lieber damit zubringen, darüber nachzudenken, denn zur Green Stage zu flüchten hat auch nicht viel Sinn: Dort hält mit Nero einer dieser wie Schwammerl aus dem (niederösterreichischen) Waldboden schießenden Neo-Dubstep-mit-Singsang-Acts Einzug.

Wenigstens bietet dieses Programm keinen Grund, den um 00 Uhr 30 am UAF Floor seine musikalischen Muckis spielen lassenden Major Lazer zu verpassen. Der funky, naja, Comicsuperheld vermutlich brasilianischer Abstammung mit starken Wurzeln in PARTY wird dabei eventuell die Gestalt des schmalen milchigen Diplo samt Helferleins annehmen, aber vielleicht haben sie ja charmante Visuals dabei, die darüber hinwegtäuschen und auch sonst hilfreich sein können. Zum Beispiel wenn sie daran erinnern, dass ein paar XXL-Becher grindiger schwarzer Filterkaffee dabei helfen könnten, 3 Tage Festival zu überstehen.

Auf den Geschmack gekommen kann man mit Diplos Kumpels von Flosstradamus dann ab halb vier (morgens) auch gut die Zeit bis zum nächsten Kaffee rumbringen.

Tag 3 – Schön deprimierend

Mit dieser 90er-Sache wurde am Freitag offenbar die Büchse der Pandora geöffnet, aus der sich am Samstag Skunk Anansie in den Green Park entleeren. Wenn man danach ganz schnell zwischen Billy Talent und den Hurts hin- und herrennt, kommt durch den in österreichischen Parks vielbewährten Doppler-Effekt vielleicht was Lustiges zu Stande.

Aber aufgepasst, lustig sein ist fortan nicht mehr angebracht, denn zum Festivalabschluss wird’s (noch) einmal schön, schön deprimierend. Tricky wird sein Bestes geben, die Besucher mental endgültig weichzuklopfen, bis um 23 Uhr 30 endlich das weise bis zum Schluss aufgesparte Highlight die Green Stage erhellt: Der wunderbare Nick Cave und seine Bad Seeds werden schleichend die ganze in den letzten Tagen aufgebaute Lebensfreude in einen dickflüssigen Strom der Wehmut verwandeln, der auch den unbeirrbarsten Partytiger früher oder später in ein bittersüßes Tal der Sorgen verschleppt. Auch wenn er seit Grinderman zunehmend aussieht wie ein entrückter Zuhälter, versteht der mittlerweile 55-jährige Australier sein Hand- und Mundwerk wie eh und je. Ein schmuddeliger kleiner Club, in dem gescheiterte Existenzen an der Bar kleben wie Gelsen auf der Haut im Frequency-Park, wäre wohl das geeignetere Ambiente für ein solches Konzert, aber irgendwie super wird‘s so sicher auch. Sofern eine einwandfreie Schalldämmung zur Space Stage gegeben ist, dort spielen nämlich zeitgleich die Toten Hosen.

Alle Infos zum Line-Up gibt’s hier.

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