Christian Seidel Führerschein Kopie
Natürlich reicht eine Kopie nicht als Ersatz. Aber muss es so kompliziert sein?
 

Ende der Kindheit

Wie mich die Bürokratie und Ferrero aufs Korn nahmen.

14.12.2010 Online Redaktion

Montag.
Ein Uhr nachts. Fototermin zu Ende. Ich bringe Andi Riedmann nach Hause. Der wohnt in der von Einbahnstraßen verseuchten Innenstadt Wiens. Als ich versuche aus dem Irrgarten heraus zu finden, stoße ich versehentlich eine Wagenlänge in eine hinein. Sofort ist die Polizei zur Stelle.
Selbstverständlich ist sie das.
Natürlich.

Mein Führerschein beschloss allerdings während einer Pressereise in Spanien genau dort zu bleiben. Und da ist er heute noch.

Eine Kopie meines Führerscheins reichte den Beamten nicht. Das kann ich verstehen. Es gab ein langes hin und her, Andi Riedmann musste aus dem Bett geklingelt werden, es gab Alkoholkontrollen, unhöfliche Worte und preußische Borniertheit seitens der Beamten… das Übliche eben. Aber dieser Vorgang motivierte mich, mich intensiver um einen neuen Führerschein zu kümmern.

Dienstag.

Nach einem Telefonat mit der deutschen Führerscheinstelle und dem deutschen Konsulat stellte sich heraus, das ich mich an das Verkehrsamt in Wien wenden muss, will ich einen neuen Führerschein.
„Was brauche ich dafür?“
Eine Verlustanzeige.
Einen Auszug aus meiner Verkehrssünden-Kartei.
Ein ausgefülltes Formular.
Ein Passfoto.
Den Auszug bekomme ich per Post aus Deutschland – kostenfrei. Das Formular ist schon ausgefüllt. Die Fotos gemacht.
„Wer stellt mir die Verlustanzeige aus?“
„Das zuständige Magistrat des fünften Bezirks“, sagt das Verkehrsamt. Der fünfte Bezirk, weil ich dort wohne.

Mittwoch.
Dumm nur, dass das Magistrat von diesem Aufgabenbereich nichts weiß:
„Nein, nicht bei uns. Da müssen sie zur Polizei.“
Das ist kein Problem. Die Polizei ist nur hundert Meter weiter.
Aber: „Wenn es sich um einen deutschen Führerschein handelt, müssen Sie zur deutschen Polizei.“
Denn: „In unserem System sind nur österreichische Führerscheine erfasst. Ich kann nicht einmal kontrollieren, ob sie überhaupt jemals einen hatten.“

Donnerstag.
Telefonat mit der deutschen Polizei. Und es kommt, wie es kommen musste:
„Wieso sollten wir so ein Dokument ausstellen? Sie wohnen in Österreich und haben dort ihren Führerschein verloren. Da können wir gar nichts machen.“

Freitag.
Telefonat mit dem Verkehrsamt. Das ich alle Unterlagen zusammen habe, wie ich der Dame stolz mitteile, nur eben die Verlustanzeige noch nicht, beeindruckt sie wenig. Sie besteht darauf: „Das Magistrat ist dafür zuständig.“
Diesmal will ich mir unnötige Wege ersparen und rufe vorher im Magistrat an. Das sagt sinngemäß: „Ja, kommen sie vorbei, kein Problem.“
Dort angekommen ist es aber doch wieder ein Problem. Die Polizei sei dafür zuständig.
„Die schicken mich nach Deutschland. Die Deutschen hierher.“
„Ich kann ihnen die Verlustanzeige nicht ausstellen.“
„Und was soll ich jetzt machen?“
„Naja, ich könnte ihnen schon eine Verlustanzeige ausstellen, aber die kostet dann 15,30 Euro.“
„Und warum haben Sie mir das nicht schon bei meinem ersten Besuch gesagt?“
„Weil wir dafür nicht zuständig sind.“
Ich fühle mich wie Asterix und Obelix als sie in einem Komik versuchen in Rom das richtige Formular für irgendetwas zu bekommen. Gewaltphantasien geistern durch meinen Kopf. Ich wünsche mir einen Zaubertrank herbei.

Ein neuer Montag.
Der Mann war alt. So richtig alt. Mindestens 20 Jahre. Ja, als Lütte (Piefkesprech für kleiner Bub) hat man eben eine andere Wahrnehmung auf die Welt. Dieser alte Mann stand hinter dem Tresen des kleinen Krämerladens in dem Dorf, in dem ich aufwuchs. Der Höhepunkt war stets einer der Tage, an denen mir mein Großvater Fritz ein paar Pfennige (altmodische Piefkewährung) in die Hand drückte, damit ich mir davon Schokolade kaufen konnte. Es wurde immer ein Überraschungsei. Und: wir schüttelten es vorher. Wir, das waren Sabine, also meine beste Freundin, und ich. Wenn es zu stark rappelte, war etwas zum Basteln drin, das wollten wir nicht haben. Wir wollten die Figürchen. Die Charaktere aus dem Dschungelbuch, die komischen Ameisen… in jedem siebten Ei. Später schossen wir dann die kleinen gelben Deckelchen der Eier durch die Gegend, indem wir den größeren unteren Teil des Eis zusammen drückten. Der alte Mann, Sabine und die Überraschungseier sind feste Bestandteile meiner Kindheitserinnerung.

Aber Ferrero muss diese wärmenden Kindheitserinnerungen jetzt unbedingt torpedieren. Das kam so:

Wenn ich heutzutage meine Eltern besuche, geben sie mir immer Schokolade mit. Das ist toll, denn selbst kaufe ich mir selten welche. In der Redaktion sorgt Kollege Strubreiter für die süße Ware und zu Hause trink ich lieber Bier als Schokolade zu essen. Halt, das hätte ich nicht schreiben sollen. Auf jeden Fall gaben mir meine Eltern diesmal ein Sackerl mit, in dem die besten Erzeugnisse von Kinderschokolade drinnen sind.

Auch ein Überraschungsei.

Das öffnete ich, zurück in Wien, als erstes. Ich schüttelte es, dachte an Sabine, meinen Großvater, mein Dorf. Es war etwas zum Basteln drin. Ich knackte die Schokolade. Schock eins: an dem oberen Ende des gelben Plastik-Eis ist jetzt eine Lasche, damit man die Dinger nicht mehr durch die Gegend schießen kann. Tolle Wurst (Piefkesprech für „des is oarsch“). Ich öffnete das Ei mit großer Enttäuschung trotzdem und mir purzelte ein Warnzettel entgegen, der mehr Platz einnahm als das Spielzeug. In exakt 37 Sprachen und einem gemalten Warnhinweis wird mir darauf erklärt, das ich die Kleinteile, sofern ich jünger bin als drei Jahre, nicht einmal anfassen, sollte ich älter als drei Jahre sein, keinesfalls verschlucken darf.

Ein solcher Zettel existiert in meiner Erinnerung nicht. Den gab es damals nicht. Meine Generation war so intelligent, das ein kurzer Warnhinweis, ähnlich einem Verkehrsschild, auf der bunten Verpackung reichte. Genauso wie die Lasche am Deckel. Die Dunkelziffer von Kindern, die durch diese Blödelei ihr Auge verloren haben, muss erschreckend hoch sein.

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  • Ergänzung: Kollege Strubreiter erzählte mir jüngst, es sei damals nicht unüblich gewesen kleine Reißzwecken durch den kleinen Deckel zu stecken. So sei die Flugbahn stabiler gewesen und das rumschießen hätte mehr Adrenalin freigesetzt. Ich mache Kollege Strubreiter hiermit für die Lasche und den Warnhinweis mitverantwortlich.

  • andiman72

    Wenn ich das lese,frage ich mich das auch.Entweder waren wir nicht so doff,oder wir waren Überlebenskünstler.

  • Kujau

    Ich frage mich, wie ich meine Kindheit überleben konnte.

  • Susanne Hofbauer

    Naja, vielleicht nicht nur Konzerne, sondern eh alle… weil in Los Angeles hab ich an einer Fußgängerampel ein Schild gesehen, auf dem sinngemäß stand, dass man die Straße fertig überqueren soll, auch wenn das Signal auf halbem Weg auf Rot springt….

  • Susanne Hofbauer

    Der per Lasche am Gelbdosen-Hauptkörper befestigte Deckel soll verhindern, dass die Unter- oder Überdreijährigen, nachdem sie nebst Schokoladehülle auch den kleinteiligen Inhalt verschluckt haben, nicht auch noch die Deckeldose hinunterwürgen… Konzerne gehen offenbar grundsächlich davon aus, dass schwachsinnige Kunden als Kinder ihren Schwachsinnshöhepunkt erleben…. ES IST EIN JAMMER!

  • …ich glaube, wir könnten eine eigene Rubrik machen für ärgerliche Autofahrerschikanierungen ;-) gleich neben Wolfgang Hofbauers Sammlung falsch geparkter Polizeiautos.

  • Engelbert Bengelhert

    Ach, tröste Dich. Berappte gestern 14 Euro wegen Nicht-Mitführens einer Warnweste (keine Ahnung, warum das MITTEN IN DER STADT Vorschrift sein sollte …) weil ich wagte, die völlig hirnrissige Positionierung des Planquadrates hinter einer unübersichtlichen Kurve bei rutschiger Fahrbahn höflich zu kritisieren. Was das Organ selbstredend höchst unsportlich nahm …

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