Ein Fest für Kurvenfans: die Route des Grandes Alpes – I

Vom Genfer See über 18 Alpenpässe, 700 Kilometer und 15.000 Höhenmeter ans Mittelmeer – die Route des Grandes Alpes ist Kradisten ein Begriff, den sich auch Autofahrer besser einprägen sollten. Und damit sich’s besser einprägt, haben wir uns mit einem Audi R8 V10 Spyder und einem RS 5 Cabriolet selbst auf den Weg gemacht.

20.01.2015 passion:driving

Motorradfahrern ist sie längst ein Begriff – eh klar. Denn man kann sagen, was man möchte. Doch die Jungs auf ihren sich physikalisch so seltsam fortbewegenden Öfen wissen in Sachen Touren meistens einfach besser Bescheid. Dass also kaum ein Autofahrer mit der „Route des Grandes Alpes“ etwas anfangen kann – geschenkt. Das konnten wir, also Can Struck von driversgroove.com und ich, allerdings nicht auf uns sitzen lassen. Sich irgendwo in einer kargen, wüstenartigen Landschaft die Abhänge hinunterstürzen, das können wir doch auch – sogar auf Rädern. Damit dieser Sturz möglichst weit geht – wer will denn schon auf halbem Weg in den Abgrund an der Felswand zerschellen? – braucht es eben auch das richtige Werkzeug. Soll heißen: es muss ausreichend Dampf haben, um auch auf kurzen Zwischengeraden genug Tempo für einen weiten Sprung aufzubauen.

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Nicht das schlechteste Werkzeug für einen Road Trip

Und weil wir ein Jahr zuvor bereits mit einem Audi TT RS plus und einem R8 V10 plus in den österreichischen Alpen an einem ähnlichen Vorhaben gescheitert sind und stattdessen durchgehend auf der Straße blieben, dachten wir, es auch 2014 noch einmal mit zwei Audi zu probieren: ein Audi R8 V10 Spyder und ein RS 5 Cabriolet. Denn, mal ehrlich: was gibt es Schöneres, als in den Bergen die Akustik zweier solcher Motoren in einem großen Klangteppich auszuweiten und sich von den Felswänden wieder nahezu ungefiltert ins Gehör leiten zu lassen? Richtig, nicht viel. Wirklich nicht.

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R8 und Camping? Klar, kann man machen!

Die erste Herausforderung bestand allerdings darin, nach der Anreise und bei der Einfahrt auf den Campingplatz am Genfer See genau das Gegenteil zu bezwecken: möglichst niemanden zu wecken. Da zur frühen Jahreszeit unserer Reise allerdings ohnehin der gesamte Campingplatz leer stand – mit Ausnahme eines selbsternannten Platzwächters, der sehr erpicht darauf war, dass auch mit unseren zwei geparkten Sportwagen alles seine Ordnung hat – stellte sich das als deutlich leichter, als zunächst befürchtet heraus.

Von Thonon-Les-Bains nach Bourg-Saint-Maurice (174 km)

Hat man die Nacht im Zelt, dem leise knisternd abkühlenden V10 lauschend, überstanden, kann einen schon an Tag 1 der Route des Grandes Alpes ein wahres Paradies erwarten. Oder eben: großen Frust. Berufsverkehr um den Genfer See, strömender Regen. Die ersten Tourkilometer der Route des Grandes Alpes, deren offizieller Startpunkt in Thonon-Les-Bains liegt, können mitunter so spannend und unterhaltsam werden, wie ein Besuch zur Blasenspiegelung beim Urologen.

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Stilecht mit Ziellinie: Passhöhe am Col de la Colombière

Macht aber nichts: denn hat man die ersten Kilometer erst einmal zurückgelegt, den ersten kleinen Pass namens Col des Gets mit gerade einmal 1.163 Metern überwunden, zeigt sich das volle Potential der Route: die Landschaften werden schlagartig karg und unwirtlich und beim Weg auf den Col de la Colombière auf 1.613 Meter kommen das erste Mal Glücksgefühle auf. Wenn 18 Zylinder wild akustisch auf die Felswände einhämmern, hinten die so wunderschöne V10-Melodie, vorne der hämmernde V8-Beat eines DTM-Boliden, dann hat sich alleine schon die Anreise gelohnt.

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Eine dezente Kreisfahrt am Col des Aravis

Der erste Tag der Route des Grandes Alpes hat aber weitaus mehr zu bieten. Zugegeben, der Col des Aravis (1.487 Meter) und Col des Saisies (1.650 Meter) sind eher sowas wie die Vorband, für die sich keiner interessiert. Ja, sie rocken schon ganz gut, aber nachdem der Hauptact gespielt hat, weiß man schon gar nicht mehr, wie die Vorbands überhaupt hießen. Ein Song des Aravis blieb mir dann aber doch im Gedächtnis: da oben hat’s einen schönen Parkplatz. Da kann man – nun ja, Kreise drehen. Ihr wisst schon…

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Wetter mies, Kurven fein

Der Hauptact des Tages allerdings hat es dann wirklich in sich. Beherrscht die Publikumsanimation ebenso gut wie seine Instrumente. Ob auf der Straße ruhende Kuhherden oder Steinschläge – er spielt so ziemlich das gesamte Reportoire. Cormet de Roselend nennt er sich und führt mit 1.967 Metern das erste Mal nah an die Zweitausendermarke heran. Dabei ist es gar nicht unbedingt die Streckenführung, als viel mehr die Einbettung in die Landschaft rund um einen Stausee, den Lac de Roselend, die einen so faszinieren. Der Blick ins Tal, die Gedanken an das am Boden des Stausees überflutete Dörfchen Roselend – all das lässt den Betrachter schon durchaus mehr als nur wenige Sekunde innehalten.

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Der „Lac de Roselend“ am Cormet de Roselend

Hat man sich wieder aufgerappelt, führen einen die letzten Kilometer um den See herum, um dann schlagartig wieder in eine karge Felslandschaft abzubiegen und dort schließlich die Passhöhe – und mit ihr schließlich auch das für seinen Käse berühmten Beaufortain – hinter sich zu lassen. Was dann folgt, ist mit Ausnahme eines wild rudernden Quattroporte-Piloten eine eher unspektakuläre Abfahrt über eine viel zu enge Straße hinunter bis nach Bourg-Saint-Maurice. Einer Wintersport-Hochburg und gleichzeitig unser Ausgangspunkt für Tag 2. Dass wir es dann noch mit Schneewänden, wilden Canyons und tatsächlich auch mal noch mit der Sonne zu tun bekommen? Wer hätte das an Tag 1 schon geahnt…

Daten zur ersten Etappe Route des Grandes Alpes

Start: Thonon-Les-Bains, Genfer See
Ziel: Bourg-Saint-Maurice
Strecke: 174 km, 6 Pässe
Pässe: Col des Gets (1.163 Meter) / Col de la Colombière (1.613 Meter) / Col des Aravis (1.487 Meter) / Col des Saisies (1.650 Meter) / Col de Meraillet (1.605 Meter / Cormet de Roselend (1.967 Meter)

Sightseeing-Tipps:

  • Der Kilometer-Null der Route des Grandes Alpes ist in Thonon-Les-Bains nahe des Hafens auf einem Gullideckel vermerkt
  • Der Stausee Lac de Roselend, sowie die kleine Kapelle Chapelle Roseland
  • Frischer Beaufort-Hartkäse – man ist ja schließlich im Beaufortain

 

Karte


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Fahrzeugdaten

Audi R8 V10 Spyder, 5.2 FSI quattro, V10, 5.204 cm³, 386 kW (525 PS) bei 8.000 U/min, 530 Nm Drehmoment bei 6.500 U/min, 1.820 kg Leergewicht, 311 km/h Vmax, 0-100 km/h: 3,8 s
Audi RS 5 Cabriolet, V8 Hochdrehzahlmotor, 4.163 cm³, 331 kW (450 PS) bei 8.250 U/min, 430 Nm Drehmoment bei 6.000 U/min, 1.995 kg Leergewicht, 280 km/h Vmax (erhöhte Vmax­Begrenzung), 0­-100 km/h: 4,9 s

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