Das Kloster am Spitz
In den Weingärten liegt das Kloster am Spitz
 

Vom Winde verweht

Wir fahren fort: An den Südhang des Leithagebirges, wo wir auf einer Klosterterrasse sitzend Gläser, Drachen und Kirschblüten im Flug beobachten.

06.09.2013 Autorevue Magazin

 

Im Frühjahr entsteht Ausflugs-Bedürftigkeit überfallsartig. Der Anblick eines wolkenlosen Himmels in Cyanblau mit 150 Prozent Sättigung beispielsweise kann einen augenblicklichen Fluchtreflex hervorrufen, so ein ansatzloses Nichts-wie-weg-Gefühl, das einem gerade noch genug Zeit lässt, den wildgefiederten und derzeit nur partiell bezahnten Nachwuchs am Schlafittchen zu packen, ins Cabrio zu bugsieren und das Weite zu suchen.

Facelifting

Die Kurven des Leithagebirges sind mir dann immer eine zuverlässig heitere Spielwiese, um dem Bewegungsdrang seinen Lauf zu lassen, und überrascht stellt man nach dem dunklen Wintervergessen fest, wie forst-kosmetische Waldbearbeitung einer gekannten Gegend ein neues Gesicht geben kann und wie gut ausgebaut mittlerweile die Straßen über die östlichste Restalpen-Aufwerfung sind. Und hoppla!, war diese 70er-Beschränkung am Weg nach Donnerskirchen letztes Jahr eigentlich schon da?

Kirschblütenregion

Kirschblühten

Vertreter der Kirschblütenregion

Die süd-östlichen Hänge des Leithagebirges sind um diese Jahreszeit durchwirkt von weißblühenden Kirschbäumen, die wie eine Überproduktion an Brautsträußen in der Landschaft herumstehen. Auch dem Tourismusverband ist dieses Phänomen nicht entgangen, und weil Gegenden mit Themen hoch im Kurs stehen, heißt das, wo wir hier sind, „Kirschblütenregion“. An diesem Sonntag kamen die Kirschblüten quer. Bei wolkenlosem Himmel zog ein Sturm übers Land. Hinter den Kirschblüten flogen Kleinkinder, Wolkendrachen und Großmütter in Wanderhosen her. So stark war der Wind.

Gegen den Wind

Im Kloster am Spitz, einem idyllisch in den Weingärten gelegenen Restaurant oberhalb von Purbach, wollte man uns nicht recht gerne auf der sonnigen Terrasse sitzen lassen. Weil es zu kompliziert wäre, Sektgläser, Servietten und Brotkörbe zeitgleich festzuhalten, wenn eine neue Böe übers frische sattgrüne Gras angerollt käme und über die Ausflügler beim Essen herfiele. Unsere Begeisterung gefiel aber, und wir haben aus Sonnenhunger dem Wind standgehalten. Und die saftig hellen Scheiben von der eingelegten Kaninchenbrust auf Linsensalat, die uns mit freundlicher Ermunterung serviert wurden, halt ein bisschen schneller gegessen, auch die herrlich paprizierte Fischsuppe, das pochierte Filet vom Neusiedlersee-Wels, das Filetsteak vom argentinischen Rind, das Backhendl, die flaumige Cremeschnitte und die Großmutter-Torte, die man sich wie eine Burgenland-Interpretation eines Tiramisu vorstellen kann.

Weingarten des Kloster am Spitz

Hier wohnen Cuvée Muschelkalk, Blaufränkisch und Pinot Noir

Zahnlücken und Kirschblüten

Weil die Brüder Schwarz im alten Gemäuer des Klosterhofs nicht nur ein Restaurant, sondern auch ein Weingut mit sehr feinen Kreszenzen in Weiß (Cuvée Muschelkalk!) und Rot (Blaufränkisch & Pinot Noir!) führen, hat der Blick von der Terrasse auf den fernen See weinbedingt etwas besonders Sehnsuchtvolles gekriegt. Ein in den Wind gestemmter Spaziergang blies uns dann den Kopf wieder frei. Beim Heimfahren war das Kind mit den Zahnlücken noch da. Plus hundert Kirschblüten, die es gefangen hatte.

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