1/6
Die Fähre von ­Rostock nach Schweden legt um 7:45 Uhr ab, das Navi ­prognostiziert die Ankunft am ­Hafen für 7:32 Uhr.
 

Dauertest-Abschluss: Toyota Land Cruiser – Von Heimkehrern und Fortfahrern

Unser Toyota Land Cruiser 300 D-4D geht nach einem Jahr Dauertest auf seine letzte Reise und bringt einen Volvo 244 Turbo in seine Heimat.

15.09.2015 Online Redaktion

Samstag, 6:32 Uhr. Auf der A19 nördlich von Berlin. Ich liege auf der Rückbank eines Land Cruiser. Kurze Schlafphasen werden durchbrochen von schrillen Drum ’n’ Bass-Schlägen, zwischendurch schickt der Hänger Bodenwellen als Vibrationen in den Innenraum. Wir liegen über der Richtgeschwindigkeit eines 5-Tonnen-Gespanns: Michi hat’s eilig. Haben in Berlin zu lange nach der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz gesucht und damit unserer entspannten Autoschieberei einen dramaturgischen Schub verpasst. Die Fähre von Rostock nach Schweden legt um 7:45 Uhr ab, das Navi prognostiziert die Ankunft am Hafen für 7:32 Uhr. Michi geht kurz vom Gas und lässt einen schwarzen Mercedes passieren. Der Kombi verschmilzt am Ende des Asphaltbandes mit dem frischen Morgenhimmel. Keine Zivilstreife. Das Navi korrigiert: 7:33 Uhr.

toyota-land-cruiser-300-d-4d-dauertest-abschluss-berlin-alexanderplatz-4
© Bild: Michael Szemes

Toyota Land Cruiser: gebaut für den Anhängerbetrieb

Der Land Cruiser nimmt’s gelassen. 3000 Kilo Anhängelast, Niveauregulierung an der Hinterachse und 420 Nm, liebevoll sortiert von einer 5-Gang-Automatik. Der Toyota wurde gebaut für den Anhängerbetrieb. Mehr noch: Er fährt sogar noch komfortabler, wenn er ein zweites Auto im Schlepptau hat. Der gestalt sieht man auch weite Strecken gern vor sich. Daher war er der logische Favorit, als es darum ging, ein Zugfahrzeug zu finden, um einen Volvo 244 Turbo in einer Wochenend-Hauruck-Aktion von Pinkafeld nach Helsingborg zu überstellen. Mit einem Ford Transit oder VW Multivan wäre es reine Werktätigkeit gewesen. Mit dem Land Cruiser riecht es nach Abenteuer.

Wir haben die Fähre noch erreicht. Als letztes Fahrzeug sind wir eingefahren, ehe sich das mächtige Tor von der Brücke hob.

Samstag, 17:26 Uhr. Svante, Mitte vierzig und offenbar gesegnet mit Geld und Geschmack, empfängt uns freudig und eskortiert uns zu seiner Garage an der Rückseite einer Autowerkstatt. Auf dem weitläufigen Hof nimmt der den frisch erworbenen 244 in Beschau, fährt ein paar Runden, lässt sich dabei fotografieren. Dann zeigt er uns seine Preziosen. Die Autosammlung ist klein, aber ausgewählt: Neben einem weinroten Volvo 780 Bertone steht der 142 seiner Großmutter, noch mit Originalkennzeichen. Davor ein P1800, gerade rechtzeitig gekauft, ehe die Preise durch die Decke schossen. Daneben noch ein später 940 Turbo, von der Tante mit vierstelligem Kilometerstand übernommen und mit den Reifen der Erstauslieferung abgestellt. Und nun eben ein 244 Turbo. Sein Vater hatte sich so einen gekauft, 1983, und es passierte, was einem Volvo in Schweden passiert: Er wurde verwendet, verbraucht, entsorgt. Es gibt in Schweden keinen Volvo 244 Turbo in sammelnswertem Zustand zu kaufen – daher der Griff nach Österreich. Als Fahrmaschine hält sich Svante noch einen Porsche 911 Turbo S (aktuelles Modell), für den Alltag einen diamantweißen Mercedes ML-AMG.

Nach den Formalitäten und etwas Smalltalk schließt sich das Rolltor, Svante muss weiter. Wir halten kurz inne, setzen uns nach 24 Stunden Fahrt auf den leeren Hänger und versuchen anzukommen. Müdigkeit, etwas Wehmut auch, weil das Auto weg ist. The job is done.

Auf der gemächlichen Weiterreise fällt auf, dass auch ein Toyota nicht vor Abnützungen gefeit ist. Nach 46.000 Kilometern zieht der Land Cruiser gewaltig nach rechts, ständig muss man an der Lenkung korrigieren, die Reaktion abwarten, nachjustieren. Erst allmählich lernt man das Auto kontinuierlich zwischen den Straßenmarkierungen zu halten. Außerdem schlägt der Totwinkel-Warner auf der rechten Seite ständig Fehlalarm, womöglich die Folge einer tschechischen LKW-Türe, die ihn einmal abgeschlagen hat. Wir schalten ihn kurzerhand ab. Und wenn wir schon am Kritisieren sind: Das Navigationssystem reagiert nur langsam auf Eingaben, und wenn der adaptive Tempomat hinter einem LKW in die Eisen steigt und man zum Überholen ansetzt, vergeht eine sehr lange Gedenksekunde, bis sich der Toyota anschickt, wieder die eingestellte Geschwindigkeit zu erreichen. Trägheit gehört bei einem 2,2-Tonnen-Auto eben zum Lebensgefühl.

Sonntag, 20:43 Uhr. Nach der Überfahrt über die Öresund-Brücke hat uns soeben eine Fähre von Dänemark nach Deutschland überstellt. Die zarte Bundesstraße ist zur Autobahn angewachsen, wir strömen der Nacht entgegen, die irgendwo hinter dem Heideland anbricht. Plötzlich die Nachricht am Navi-Bildschirm: Baustelle. Straße gesperrt. Wollen Sie eine Umleitung nehmen?

Wir wollen.

Das Navigationssystem holt uns von der Autobahn. Es führt uns durch Lübeck, über die A20 hinweg zum Ratzeburger See und weiter durch den Naturpark Lauenburgische Seen. Trotz der Dunkelheit erahnen wir die Schönheit der Landschaft. Wir fahren durch Dörfer und Wohnstraßen, zirkeln um Blumenkästen, die zur Verkehrsberuhigung auf der Fahrbahn verteilt wurden (immer mit dem Hänger im Schlepptau, wohlgemerkt). Landstraßen sind von mächtigen Allee-Bäumen gesäumt und kaum breiter als der Land Cruiser. Gott sei Dank ist außer uns keine Menschenseele mehr unterwegs. Dass wir das Navigationssystem irrtümlich auf die geographische Diretissima geeicht haben, bemerken wir erst, als wir gegen Mitternacht zur Ski-Halle Edelweiss in Wittenburg kommen und die freundliche Stimme erneut an der Autobahn vorbeifahren will.

Bring me home 26 2224

Eine Weile haben wir überlegt, ihr zu folgen. Dem Land Cruiser hätte das gefallen.

Was wir mögen
Die Aura des Unzerstörbaren, das mächtige Abblendlicht, die Längststreckentauglichkeit.

Was uns fehlt
Ernsthafte Ambitionen bei den neuen Technologien: Infotainment und die Assistenzsysteme wirken nicht taufrisch.

Was uns überrascht
Wie leicht man sich an den grundsätzlich raubeinigen Charakter im Alltag gewöhnt.

Perfekt, wenn
… Sie gerne Abenteuer erleben wollen oder das Ihr Job ist.

Die Konkurrenten
Mitsubishi Pajero, Nissan Pathfinder, VW Touareg.

Die Rechnung
Wir sind mit dem Toyota Land Cruiser in zwölf Monaten rund 46.000 km gefahren. Als Grundlage der Versicherung diente der günstigste Tarif in Stufe 9 von www.versicherungsrechner.at.

Service
15.000-km-Service (Öl + Filter, Pollenfilter) € 234,37
30.000-km-Service (Motoröl + Filter, Pollenfilter, Bremsflüssigkeit neu) € 544,47 – keine Reparaturen.

Reifen
Wir haben die Winterreifen-Garnitur etwa zu einem Drittel aufgebraucht (neu 1.290 Euro.) Der Verschleiß der Sommerreifen ist im Schätzwert berücksichtigt. Abnutzung der Winterreifen aliquot € 430,–

Der Zustand
Laut ÖAMTC-Fahrzeugwertschätzung liegt der Marktzeitwert unseres Land Cruiser bei 43.650 Euro. Beim Händler würde man 38.210 Euro bekommen. Abzüge gab es für die um 23.789 km -höhere Kilometerleistung.

DIE ABRECHNUNG
Service-Kosten € 778,84
Reparaturkosten € 0,00
Reifenabnutzung € 430,00
5.398,15 Liter Diesel € 6.488,99
KFZ-Steuer € 919,44
Haftpflichtversicherung € 748,66
Summe € 9.365,93

Kilometerpreis
ohne Wertverlust 0,202 Euro/km

Wertverlust
Unser Land Cruiser kostete zu Dauertest-Beginn 82.430 Euro inkl. Extras. Der aktuelle Zeitwert beträgt laut ÖAMTC-Schätzung*) 43.650 Euro. Es ergibt sich daraus ein Wertverlust von 38.780 Euro.

Kilometerpreis
mit Wertverlust 1,039 Euro/km
Daten Toyota Land Cruiser 300 3,0 D-4D
Preis € 71.700,– (NoVA 25 %)
Basispreis € 48.365,– (NoVA 25 %)
Steuer jährlich € 919,44

Motor, Antrieb
Vierzylinder-DI-Turbodiesel (2982 ccm), 5-Gang-Automatik, Allradantrieb.

Leistung/Drehmoment
140 kW (190 PS)/3400/min, 420 Nm/1600-3000/min.

Fahrleistungen
0-100 km/h 11,0 sec, Spitze 175 km/h, Normverbrauch/CO2 9,7/7,1/8,1 l/100 km/213 g/km. Testverbrauch 11,7 l/100 km.

Dimensionen
5 bis 7 Sitze, L/B/H 4780/1888/1825 mm, Tank 87 l, Kofferraum 104–1934 l.
Räder 265/60 R 18.

Gewichte
Leergewicht 2200 kg, Zuladung 790 kg, Anhängelast 750/3000 kg (ungebremst/gebremst).

Sicherheit EuroNCAP
nicht getestet

Ausstattung
18-Zoll-Alufelgen, Anhängerstabilisierungskontrolle, 9 Airbags (inkl. Fahrerknie), Multi-media-Navigation mit 7-Zoll-Touch-screen, Rückfahrkamera, Bluetooth-Freisprechanlage, USB-Anschluss, Parkassistent vo. + hi., Sitzheizung vorne, Tempomat, LED-Abblendlicht.

Extras
Metallic-Lack € 870,–, President-Paket (Lederausstattung, Off-Road-Paket, Adaptive Cruise Control, Pre Collision Safety, Adaptive Variable Suspension) € 9.860,–, dritte Sitzreihe € 1.740,–.

pixel