VW Bulli Tour Aschau San Pietro Christian Seidel
Bullitour am Gardasee.
 

Book the road

Die optimale Karte für eine Sommertour von Aschau nach San Pietro

23.08.2011 Online Redaktion

Hier nochmal ein Blick auf die Geschichte „Alphaweibchen“ aus der Autorevue 8/2011. Weil eine Wünsche nach dem Roadbook kamen, habe ich mich entschlossen, die Geschichte inkl. Roadbook online zu setzen. Allen ambitionierten Ausflüglern sei an dieser Stelle noch einmal viel Spaß gewünscht.

In Andraz kann man sich nicht verfahren. Das italienische Dorf hat nur eine Straße und deswegen keinerlei Abzweigungen. Dass Nina, die beste Mitpilotin von allen, und ich es dennoch schafften, hat zwei Gründe. Zum einen war es von Volkswagen gar nicht vorgesehen, dass während ihres Bulli-Ausflugs irgendjemand nach Andraz fährt. Doch von der Roadbook-Route hatten wir uns zur Vermeidung von Gruppendynamik schon seit langem verabschiedet. Zum anderen endet die Andraz-Straße, die nur wenig breiter ist als ein T2, abrupt. Das darauf folgende Wende­manöver an einem Hang wäre in die Geschichtsbücher des Automobils eingegangen, hätte es jemand beobachtet.

„Ich glaube, wir sind falsch.“
„Aber wir mussten links. “
„Das kann keine eingezeichnete Straße sein.“
„Stimmt. Auf der Karte ist es ein braunes Quadrat.“

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Aber von vorne. Die Fahrt begann am Chiemsee und führte über die Dolomiten und den Gardasee nach Verona. Aus schierer Freude an der Vergangenheit feierte Volks­wagen den 60. Geburtstag des Camper-Bullis. 1951 lanciert, kann er heute als Monument verloren gegangener Ruhe und Authentizität verstanden werden. Er ermöglichte seinerzeit den schuldbeladenen Deutschen, gleichzeitig Patriot und Weltbürger zu sein, und sollte eine Art der Mobilität begründen, die uns völlig abhandengekommen ist. Denn wir haben es so satt. Ampelsprint. Überholen. Zeitdruck. PS. Null auf Hundert. Der permanente Druck, im Stau ganz vorne zu stehen. Das Match der Alphatiere und Y-Chromosome. All das ließen wir mit dem Griff zum Bulli-Schlüssel hinter uns.

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Wir begannen mit einem T1 Samba, der auf den Großglockner sollte, und freuten uns auf einen überhitzenden Motor, Kabelbrüche und andere Charakterstärken alter Autos. Aber nichts passierte. Wir waren enttäuscht, denn VW bot Perfektion. Aber sie hatten auch etwas aufzuholen. Vor etwa zehn Jahren blamierte sich Volkswagen fürchterlich, als das Unternehmen zwar auf einem Bulli-Treffen Präsenz zeigte, selbst aber keine Exponate hatte. In Höchstgeschwindigkeit wurde diese Lücke geschlossen. 42 perfekt restaurierte Bullis jeder Ausführung und Generation stehen jetzt im Fuhrpark. Unseren Samba kaufte man für rund 24.000 Euro einem Privatmann ab und freute sich über das Schnäppchen (etwa 60.000 Euro würde er jetzt kosten).

„Ich kann die Straße sehen.“
„Hat ja auch viele Fenster.“
„Nein. Da ist ein Loch unterm Gaspedal.“
„Oh. Das muss so sein.“

Großglockner rauf und wieder runter. Fahrerisch der Himmel auf Erden. Und technisch alles problemlos. So konnte es nicht weitergehen.

Wir übernachteten im Caravan-Park Sexten in einem neuen T5-Modell. Der neunsitzige Samba eignet sich dafür nicht, wenn man Nähe schätzt. Aber T5 sind moderne Busse, die neben ihren alten Verwandten aussehen wie Bodybuilder, Türsteher oder andere Sympathieträger. Natürlich schneller und komfortabler, aber eben typische Alphamännchen für nur eine Nacht. Nachteil: fehlendes Flair. Vorteil in einer Gegend, die auch im Juli noch mit Frost überraschen kann: Standheizung.

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Am nächsten Tag tauschten wir unseren Autoschlüssel mit Egbert Schwartz, einem geschätzten Kollegen aus Deutschland. Er bot uns einen T2, der eher unseren Bedürfnissen entsprach. Schon bei der Abfahrt Richtung Gardasee sprang er erst nach viel Überzeugungsarbeit an, und der aufgesteckte Drehzahlmesser zeigte konstant 4000 oder null Touren an. Je nachdem, welchem der beiden Zeiger man Glauben schenken wollte.

Wir verließen die Strecke, verirrten uns in Andraz, wählten eine Alternativroute, nahmen einen Anhalter mit, übersahen ein Schild, das es nur gut mit uns meinte, indem es uns vor der kommenden Steigung hätte warnen wollen, und legten deswegen auf dem Weg zu einem Bergsee mehrere Pausen ein, von denen uns die Temperaturanzeige des Motors überzeugt hatte.

„Es stinkt.“
„Diesmal ist es kein Öl.“
„Nein, Salami.“
„Örks.“

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Lunchpakete sind nett gemeint. Aber in Italien dann doch eher ein Missverständnis, das nur passieren kann, wenn man deutschen Agenturen die Planung überlässt. Wenn man schon kein Rennen fährt, dann kann man auch in einem Wirtshaus kein Rennen fahren. Höflich, aber bestimmt packten wir Semmerl und die obligaten Äpfel zurück in die Kühlbox.

Es war dieser Moment, als wir endgültig ganzheitlich nicht mehr auf einer Gruppenreise und weit weg vom Alltag waren. Wir sahen dem Koch beim Pizzabacken zu und waren glücklich über dieses neu gewonnene X-Chromosom des Verkehrs. Ein Gefühl, das nur auf Reisen entstehen kann. Entkoppelt von Terminen, Perfektion und Aktualität. Nur Nina, ich, ein charakterstarker Bulli und ein Ziel, von dem wir hofften, es nie zu erreichen.

Und hier gibt es das Roadbook zum Ausdrucken. Auf Wunsch auch per email (als PDF). Einfach bei seidel.christian@autorevue.at nachfragen.

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