Bibi und Clio. Unzertrennlich.
 

Der erste Schnee flockt filigran portionierte Romantik vom Himmel. Zeit für die Lieben …

Mein Schnuckel und ich sind jetzt 9 Jahre zusammen. Niemand von uns spricht es aus, aber wir wissen beide, dass alte Liebe sehr wohl rostet. Dass es jetzt von einem Tag auf den anderen aus sein kann.

21.01.2015 Online Redaktion

Das Damoklesschwert des Schlussmachens baumelt schon tiefer als die Weihnachtsbeleuchtung in der Reumannplatzgarage und kitzelt erste Kratzer in den Beziehungslack. Doch, ich bin gerührt wie ein FruFru, du hast jetzt entschieden, es noch einmal mit mir zu versuchen. Und der verständnisvolle Mechaniker-Handyentsperrer-Paketservicenterbetreiber hinter der Hansonsiedlung hat unsere Verbindung gemäß § 57a KFG zeremoniell für ein weiteres Jahr verlängert. Was der Schrott noch zusammenhält, soll der Mensch nicht trennen.

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Zehn Jahre sind wir dann beim nächsten Trennungsgespräch mit den Beziehungstherapeuten vom ARBÖ zusammen, quasi Silberfelgenhochzeit, aber du hast dich eh immer mit den Plastikdeckeln auf den Rädern zufrieden gegeben. Bling-Bling war nie deins. Wenn die anderen Aut-isten ihre Audis laut und beide frisch frisiert stundenlang rund um den Tichy kreisen ließen, als wäre es der Laufsteg von Audi Klum, hast du ihnen mit den Eisflecken am Sitz gezeigt, was wirklich frrreeesh ist. Street-Clio-bility. Innere Werte statt PS-Pimmelhärte.

Du bist mein Amalgam für die Parklücken dieser Stadt. Hast stets vergnügt schnaufend Ausflüge mit mir gemacht. Das kleingeistige Österreich für mich noch kleiner gemacht. Mir müde stets die Tür aufgemacht. Du hast geduldig unten an der Skigondel gewartet, kein Ton über die gar unliterarischen Feuchtgebiete meiner Schuhe. Die Frustkäufe getragen, Musikgeschmack und Allüren ertragen.

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Deine Antenne ist der Fahnenmast meiner imaginären Freiheitsfahne, dein Bremswiderstand die Metapher für mein postpubertäres Dagegen-Sein. Mögen die anderen nachts voll-breit im SUV heimfahren, du hast mich von den wildesten Parties meiner Jung-Mädchen-Jahre abgeschleppt und dich selbst nur einmal von wem anderen abschleppen lassen, da war ich sauer wie ein Ferrari mit Kindersitz, aber schlussendlich war ich schuld, ich hatte dich einfach stehen lassen und ich stell mir vor, es war ein übel gelaunter schnauzbärtiger Kranfahrer und es hat dir gar nicht so Spaß gemacht.

Bonnie und Clyde, das war nichts gegen Bibi und Clio. So mancher Beifahrer war irritiert über unser elegantes Verschmelzen jenseits der konservativen StPO-Konventionen. Mit getrübtem Blick vom jähen Bedürfnis nach Knautschzone wurde unser tiefes Verständnis füreinander oft nicht gesehen. Ich spür den Wechsel der Spur, du spürst es auch, wir wechseln die Position schneller als ein You-Porn-Clip und gleiten gleichsam gegelt wie ein Tetrisstein in jede Öffnung, die ein phlegmatischer Stoßverkehrsteilnehmer am Gürtel aufmacht. Du und ich, das ist Musik auf Favoritens trostlosen Beton-Bühnen zu der die Ampeln Disco machen.

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Deine Bremsspuren waren nie eklig, und ich könnte heute nicht mehr sagen, wer von uns öfter unangenehm gerochen hat. Ständig haben die Verkäufer der Randbezirke dir Telefonnummern zugesteckt, weil du so ein schmuckes Ding bist, doch kein Geschäft mit der Liebe! Ich bleib bei dir, bis uns dein letzter Weg zum Auto-Metzger auf der Triesterstraße führt – rot-rost-rot bis in den Tod – oder dich irgendein Barmherziger nach Afrika oder in den Nahen Osten mitnimmt um dich noch ein paar alten österreichischen Pinzgauern des IS entgegenzuwerfen.

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Zum Dank befüll ich dir heut den Tank bis oben hin zum Rand. Ich sauge dir die Brösel aus dem Bauchnabel und puste ein paar davon in den Sensor der Einparkautomatik des Vordermanns. Ich lass deinen Scheibenwischer wedeln bis du wundgestreichelt bist, an all den autogenen Zonen, die ich an dir kenne. Ich park dich unweit des Derbys am Verteilerkreis, damit du im torkelnden Torjubel der ewig gleichen zwei Wiener Mannschaften baden kannst. Und dann führ ich dich aus in die Waschstraße und schmeiß das teuerste Programm mit Unterbodenstimulation und reib dich ein, nicht mit Wachs, sondern mit echter Butter und dann pupst du satt und zufrieden einpaar Töne aus dem Auspuff, die nur ich verstehe und alle anderen schon etwas komisch finden.

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All die Jahre, die ich dich fahre, all die stillen Momente im Stau auf der Tangente, all das Bumsen und unsere Zicken, Clio, niemanden möchte ich heute lieber

einehalbeStundelangausmscheißSchneeschaufelnbismirdieFingerbrennenwieHölleundmeinelendesBürogwandkomplettpissnassissodassmirnochbeimAnstelleninderKantinefrösteltwährendduwiederirgendwouninspirierteineParkstrafekassierstweilmazuspätdranwarenundduwiedernichtgscheitgschauthastduzerdepschtesRestlvoneinem10erBlech.

Bibi & die Binsenweisheit

PS: 57. Aber das reicht mir und dem Erlagschein für die Autoversicherung voll.

 

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  • martin seidl

    herrlich skuril genialer text, gefühlvoll auto erotisch!-)

    bin für fixe kolumne von frau bibi in der autorevue, gleich nach phils wanderbrief als kontrast bibi und clio (immer gleiche kiste, immer gleiche stadt, evtl gar immer im gleichn hieb) und eventuell schreiben die beiden, also phil und bibi, dann gemeinsam mal ein duett, zb über eine ausfahrt zum einstand :)

    salü martö

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