Michael Vaillant Comic zeichnen
Der gezeichnete Ritter Michel im weißen Overall. Fuhr als Franzose oft in blauen Autos, war aber trotzdem kein Chauvinist.
 

Michel Vaillant: Der beste Rennfahrer aller Zeiten

Michel Vaillant ist seit fünf Jahrzehnten der beste Rennfahrer der Welt. Er wurde erschaffen von einem, der sein wollte wie er. Und der Designer des Lamborghini Murciélago verehrt ihn so sehr, dass er seine Autos zeichnet.

07.10.2013 Autorevue Magazin

Brüssel, Ende Juni 2007. Über der Stadt stehen dunkle Wolken. Es regnet. Ein schwarzer Audi RS4 biegt in einen lichten Hinterhof. Der Fahrer parkt den Wagen und steigt die Holztreppe zu einem Atelier hinauf. Auf dem Schild an der Türe steht: Editeur Graton, darunter ein großes rot-blaues V. V wie Vaillant. Der Mann schaut gen Himmel, murmelt etwas vom ewig miesen belgischen Wetter und tritt ohne anzuklopfen ein. Im hinteren Teil des Ateliers sitzen zwei Männer und eine Frau, Vater und Sohn Graton und eine Journalistin aus Österreich. Luc Donckerwolke kommt nicht oft zu Besuch nach Brüssel. Das letzte Mal vor zwei Jahren. Seither ist er Chefdesigner bei Seat. Weit nach Mitternacht hat er die Stadt erreicht. Weil er seine Kreditkarte an einer Tankstelle vergessen hatte, war der Weg aus München diesmal zweihundert Kilometer länger. Grund des Treffens: Luc Donckerwolke trifft Michel Vaillant. Der Designer, der den Murciélago und den Gallardo für Lamborghini entworfen und davor für Audi und Skoda gearbeitet hat, ist vielleicht der größte lebende Michel-Vaillant-Fan unter der Sonne. Und das kam so … Ende der Siebziger am anderen Ende der Welt: Ein kleiner Junge erkrankt an Diphtherie, muss wochenlang das Bett hüten und bekommt von seinem Vater, einem belgischen Diplomaten, gegen die Langeweile ein Michel-Vaillant-Heft geschenkt (eigentlich eine Notlösung, da in ganz Burundi keine Tintin-Ausgabe zu bekommen war). Von diesem Zeitpunkt an war Michel Vaillant sein Leben. Er glaubte an dessen reale Existenz (und hielt später – zurück in Europa – die Heizungsfirma Vaillant für ein Nebenprodukt der cleveren Techniker- Dynastie) und zeichnete wie ein Besessener Autos mit einem Vaillant-V am Kühler. 1990 machte der mittlerweile 25-jährige Luc einen Besuch in die Rue du Pérou bei Jean Graton, dem Erfinder von Michel Vaillant, und entwarf ab dann die Autos für den Comic, ein Hobby, das er bis heute nicht aufgegeben hat.

Michael Vaillant Comic 24 stunden unter druck

Szenen aus dem Album von Michel Vaillant: „24 Stunden unter Druck“, auf Deutsch erschienen bei Zack Edition.

VROOOAAAM!

Titeln wie Duell auf der Piste, das Finale um Mitternacht, das Rätsel der S-Kurve, der Fluch der Piste, die Rallye in Eis und Schnee, den Tod vor Augen kann man ja schon eine gewisse Handlungsdramatik entnehmen, was sich in den Geschichten dann aber abspielt, ist ganz großes Kino. Jedes Mal. Full Speed. Maximale Dramatik. Volle Besetzung. Mit der weltbesten Renntechnik und den berühmtesten Mitspielern.
Und alles kommt ganz locker rüber, weil es gezeichnet ist und kein Film. Wo im Kino eine Szenesekunde Millionen kostet, braucht der Comic in aller Leichtigkeit nur etwas Bleistiftwitz. Das macht das größte wettkampfmäßige Pathos inklusive aller beigestellten Soap-Opera-Schmonzetten völlig unproblematisch. Die Setliste in aller Kürze: Vater Henri, der Boss. Ihm gehört das Vaillant-Werk, in dem Straßensportwagen, aber auch allerlei rassiges Renngerät herstellt werden. Madame Vaillant, Mutter, weibliches Zentralgestirn und Seele der Familie. Michels Bruder Jean-Pierre, ebenfalls ein begabter Fahrer, der den Chefkonstrukteur des Teams gibt. Dann Michel selbst, Star des Vaillant-Teams. Michel fährt alles: Formel 1. Le Mans. Paris-Dakar. Indianapolis. Motorrad. Wenn’s sein muss auch Lkws. Er gewinnt zwar nicht jedes Rennen, fährt aber immer um den Sieg. Sein Gutsein beschränkt sich aber nicht aufs Fahren allein.

1958
„Duell auf der Piste“ (Le Grand Defi). Es hieß Michel Vaillant gegen Steve Warson (am Ende spendet Michel dem neu gewonnenen Freund sogar Blut). Über aller Dramatik steht dabei die Zeit: Die Helden fuhren damals in Hemdsärmeln.

Michael Vaillant Comic 1958
Michael Vaillant Comic 1958

 

1960
„Den Tod vor Augen“ (Le Circuit de la Peur) war das dritte MV-Album. Es fuhren darin Europäer (in Grün, was für ein Kniefall vor der Geschichte) gegn Amerikaner und Russen. Es war die Zeit des Kalten Kriegs, die Sabotage-Akte hatten jedoch keinerlei politischen Hintergrund.

Michael Vaillant Comic 1960
Michael Vaillant Comic 1960

 

1974
Die Ära der Schnorchel-Boliden. In „Der Weltmeister“ (Champion du Monde) muss Steve Warson im Kampf um eine Frau eine bittere Niederlage einstecken, und der frisch verheiratete Michel wird zum ersten Mal nach 17 Jahren Weltmeister.

Michael Vaillant Comic 1974
Michael Vaillant Comic 1974

 

1982
Weil sich die Funktionäre streiten, werden in diesem Jahr zwei Meisterschaften ausgetragen. Und da Vaillant erst in der nächsten Saison seinen neuen F1-Boliden präsentiert, startet MV in „Chaos in der Formel 1“ (Rififi en F1) für Renault.

Michael Vaillant Comic 1982
Michael Vaillant Comic 1982
Michael Vaillant Comic 1982

 

2004
Das Celebrity-Death-Match: In „100.000.000 $ für Steve Warson“ wird SW von seinen Gläubigern mit dem Tode bedroht., wenn er nicht den ultimativen Speed Fight für sich entscheidet. Michael ist in der Bredouille. Wie kann er seinem Freund helfen, der gedroht hat, gegen die Mauer zu fahren, wenn Michel ihn gegen alle Ehrengefühle gewinnen lässt.

Michael Vaillant Comic 2004

SCHNARCH.

Michel hat einen dermaßen untadeligen Charakter, dass einem gelegentlich die Spucke wegbleibt. Er ist der Inbegriff des idealen Schwiegersohns: Ehrt Mutter und Vater. Hat beste Manieren. Ist der weiße Ritter im Overall. Fährt zwar meist blaue Autos, muss deshalb aber nicht um jeden Preis gegen die Engländer (grün) oder die Italiener (rot) gewinnen. Ist kein Chauvi (obwohl Franzose). Hat außerdem keinen Sex. Weil das die Leser aber auf Dauer ermüden würde, steht ihm ein bester Freund zur Seite, der darf, was Michel versagt bleibt: Steve Warson, Amerikaner, Hitzkopf, Weiberheld und ebenfalls ein Elite-Rennfahrer.

ROOOOAAAA!

Wir trinken Wasser, und das ist dem Gespräch über einen moralisch so einwandfreien Rennfahrer wie MV nur angemessen. Warum eigentlich ein Rennfahrer?, fragt die Journalistin Jean Graton. Der antwortet: „1957 bat man mich, einen Helden für eine große neue Serie zu schaffen. Aber es gab doch schon alles, Spione, Detektive, Erfinder, Superhelden. Und ich kannte mich eben im Rennzirkus aus.“ Gratons Vater, ein nach Belgien emigrierter Franzose, veranstaltete in Nantes Rennen und Jean wuchs praktisch auf der Rennstrecke auf. Einen großen Teil seiner Kindheit, erzählt Jean, habe er zwischen seinem Vater und seiner Mutter auf dem Motorrad fahrend verbracht. Als Graton den Tintin-Leuten einen Rennfahrer als neuen Hauptdarsteller vorschlug, waren die erst nicht so begeistert, weil sie nach Art der Nicht-Auskenner dachten, dass sich das Thema nach dreimal im Kreis fahren ziemlich erschöpft haben würde. Aber au contraire. Jean Graton zeichnete zunächst fünf kurze Episoden von Michel Vaillant. Sein Held kam beim jungen Publikum gut an. 1958 folgte das erste eigen ständige Album Duell auf der Piste („Le Grand Defi“) und später weitere neunundsechzig Hefte. Michel, das ist Jean Gratons Alter Ego. Er hatte kein reales Vorbild für seinen Helden, sagt er. Er hat ihn einfach so gezeichnet, wie er selbst gerne gewesen wäre: gutaussehend, athletisch, schnell, durch und durch gut. Man wirft beim nächsten Mal lesen also einen Blick ins Jeans Seele: Wenn Mutter Vaillant ihren erwachsenen Sohn Michel (in den letzten 50 Jahren keinen einzigen Tag gealtert) nächtens in seinem Schlafzimmer aufsucht, um zu sehen, ob er auch gut schläft. Oder wenn Michel zum ärgsten Gegner seinen Blutsbruder Steve hat, dem skrupellose Gangster, wenn er nicht Erster wird, ans Leder wollen, den Michel aber auch nicht gewinnen lassen darf, weil Steve droht, dann an die Wand zu fahren. Oder wenn das Team in einem Rennen die Segel streicht und in Führung liegend aufgibt, weil „niemand Le Mans gewinnen darf, der einen gedopten Fahrer in seinen Reihen hat“.

Michael Vaillant Comic jean-paul belmondo alain prost

Jean Paul Belmondo und Alain Prost beim Grand Prix in Pau. In „F3000“ ging es um das Gerücht, dass MV zurücktritt und sein Nachfolger ein Franzose sein muss.

Michael Vaillant Comic jacky ickx jean graton

Jacky Ickx wird in „Chaos in der Formel 1“ (1982) über den GP von Franchorchamps sagen: „Es wird ein hartes Rennen.“

Michael Vaillant Comic steve mcquenn jean graton

Steve McQueen und Jean Graton, 1970.

Michael Vaillant Comic jean graton philippe

Jean Graton und sein Sohn Philippe im Studio Editeur Graton in Brüssel.

ROAP! ROAP! ROAP!

Jean, der Dreidimensionale, muss jetzt gehen. Er hat noch ein paar Dinge zu erledigen, sagt der 84-Jährige, der am nächsten Tag mit der Familie in die Ferien fahren wird. Sohn Philippe, eigentlich Journalist und ein ziemlich begnadeter Fotograf, hat 1994 die Geschäfte übernommen. Damals hatte es wieder einmal Probleme mit dem Verleger gegeben, und die Familie beschloss, in Eigenregie weiterzumachen. Philippe begann die Scripts zu schreiben und das Verlegerische zu managen. Heute werden die Michel-Vaillant-Alben von einem Team gezeichnet, die Auflage liegt bei 50.000 pro Album, das ist nicht besonders viel im Comic-Business. Philippe denkt über Veränderungen nach. Michel Vaillant refuelled vielleicht. Oder eine Jubiläums-Sammel-Edition, schließlich hat man über die Jahre Stück für Stück die Rechte für alle Alben von den früheren Verlegern zurückgekauft. Während wir darüber reden, warum Michel unbedingt hat heiraten müssen und warum er sich nicht endlich von seinen Eltern abnabeln kann, schiebt Luc Philippe ein Blatt Papier über den Tisch, auf dem er während unseres Gesprächs einen neuen Vaillante-Sportwagen gezeichnet hat. Philippe legt das Blatt auf seinen Schreibtisch, dreht seinen Computer ab und stellt die Michel-Vaillant-Hefte, in denen wir geblättert haben, zurück ins Regal.

Bilder: ©Philippe Graton/Stories

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