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Mit Arturo Merzario im Abarth 124 Spider

«radical» verbrachte drei Tage mit Arturo Merzario. Und Niki Lauda war irgendwie auch dabei. Und ein Abarth 124 Spider.

13.09.2016 radical mag

Arturo Merzario wird immer in erster Linie der Mann sein, der am 1. August 1976 auf der Nordschleife das Leben von Niki Lauda rettete. Merzario, der nicht unmittelbar in den Unfall verwickelt gewesen war, hielt seinen March zwischen Breidscheid und Bergwerk an, kletterte aus dem Auto, rannte zum brennenden Ferrari 312 T2 des Österreichers, löste den klemmenden Sicherheitsgurt (was vorher Brett Lunger, Harald Ertl und Guy Edwards vergeblich versucht hatten), und zog Lauda (mit Hilfe von Ertl) aus dem Wagen. Zusammen mit Ertl leistete er auch erste Hilfe, massierte sein Herz, beatmete ihn. Jahre später sagte er zu Lauda: «Ich hörte Deine Schreie. Du warst leicht wie eine Feder.»

Arturo Merzario und Niki Lauda: Die Sache mit dem Danke

Natürlich spreche ich Merzario auf jenen 1. August vor 40 Jahren an. Doch eigentlich mag er gar nicht groß erzählen – er hat es schon zu oft getan. Aber, Arturo, wie war das, hat sich Niki wirklich nie bedankt bei Dir? Merzario schiebt sich seinen Hut in den Nacken, sagt ein italienisches Wort, das wir hier nicht übersetzen wollen, und holt dann ein bisschen aus: «Niki war für mich (eben besagtes italienische Wort). Er kam 41 Tage nach seinem Unfall nach Monza, stieg ins Auto, wurde im Rennen Vierter – und fuhr wieder nach Hause. Und zu mir sagte er: kein Wort.» Merzario bleibt bei seiner ganzen Erzählung ganz ruhig, sie wirkt so ein wenig auswendiggelernt.

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© Bild: Werk

85 F1-Rennen, aber nur 11 Punkte

Arturo Merzario wurde am 11. März 1943 in Civenna am Comersee geboren. Schönes Detail: auf seinem Geburtsschein steht Arturio, ein Schreibfehler. Mit 19 bestritt er sein erstes Rennen in der Giulietta Spider seines Vaters, machte dabei gleich Eindruck auf Mario Angiolini, den Gründer des famosen «Jolly Club», heuerte dann bald bei Abarth an, zuerst als Test-, dann auch als Rennfahrer; 1969 wurde er Zweiter der Berg-Europameisterschaft. Ab 1972 war er bei Ferrari unter Vertrag, fuhr die beiden miserabelsten Formel-1-Saisonen, die Maranello je erlebte, darauf folgten Engagements bei Iso-Williams, dem Team Williams, bei March, fuhr bei Fittipaldi Coopersucar, bei Wolf, bei Shadow. Insgesamt war Arturo Merzario bei 85 Formel-1-Rennen gemeldet, 57 Mal war er am Start – und kam nur auf 11 Punkte.

Wie fährt so ein ehemaliger F1-Crack?

Drei Tage lang bin ich mit Arturo Merzario unterwegs an der «Passione Engadina», eine feine Oldtimer-Veranstaltung im Bündnerland. Wir fuhren allerdings keinen Klassiker, sondern einen Abarth 124 Spider. Und wie fährt so ein ehemaliger Formel-1-Crack? Ich muss zugeben: etwas eigenartig. Befremdlich ist, dass er in den Dörfern fast gleich schnell unterwegs ist wie auf den Landstraßen. Und ansonsten immer schön brav innerhalb der Geschwindigkeitsbegrenzungen. Interessant seine Kurven-Technik, die auch schon bei anderen älteren Herren gesehen habe: er schaufelt sich das Lenkrad in kleinen Bewegungen weiter, so, dass er die Hände eigentlich immer in der 9.15-Uhr-Stellung hat. Das sieht in Spitzkehren etwas eigenartig aus. Andererseits: Merzario ist immer noch ein hoch geschätzter Pilot bei Oldtimer-Rennen, etwa in Goodwood, wo er es auf den «vielbesseralsdamals»-Ferrari von Adrian Newey so richtig fliegen lässt.

„Wir hatten nie Geld – und wir hatten noch viel weniger Ahnung“

Gern erzählt Merzario aber aus den Jahren, als er seinen eigenen Rennstall hatte, das Team Merzario. Es begann 1977 mit einem kaum modifizierten March 761B, ging 1978 weiter mit dem Merzario A1 (der auch nur ein umgebauter March war) und sieben Ausfällen in acht Rennen, 1979 kam der A2 (der auch als A3 bezeichnet wurde), doch auch damit gewann der Italiener keinen Blumentopf. 1979 übernahm er dann auch noch das Team Kauhsen – und handelte sich damit einen Wagen ein, der noch langsamer war als seine eigenen Konstruktionen. Es ist durchaus charmant, wenn Merzario aus jenen Jahren erzählt, wie sie einmal in der Nacht vor dem Rennen das Hewland-Getriebe auseinanderbauten – und dann keinen Schimmer hatten, wie sie das Puzzle wieder zusammensetzen sollten. Merzario über seine Karriere als Formel-1-Teambesitzer: «Wir hatten nie Geld – und wir hatten noch viel weniger Ahnung.»

Über Jacky Ickx und Jackie Stewart

Wir kurven im wunderbar lauten Abarth 124 Spider bei schönstem Wetter ein bisschen durchs Engadin, gemächlich. Natürlich haben wir das Dach unten, eine Unterhaltung ist etwas schwierig. Ich frage: Arturo, mit welchem Rennwagen bist Du damals am liebsten gefahren? Arturo antwortet: Yes. Dieses Spiel machen wir öfter, plaudern können wir eigentlich nur, wenn wir irgendwo stehen bleiben. Arturo, die besten Rennfahrer Deiner Zeit? Und es kommt sofort: Jacky Ickx. Und es kommt sofort: Aber der war auch ein Arsch, extrem talentiert am Steuer, aber neben der Strecke unerträglich. Das gelte auch für Jackie Stewart, den er auch für einen der besten Fahrer hält, aber den haben nur die Autos interessiert – und nicht das Leben. Was für Merzario sicher nicht gilt, er war mit seinem ewigen Cowboy-Hut und den fünf Packungen Marlboro, die er pro Tag vernichtete, eine der charakteristischen Figuren im Formel-1-Zirkus der 70er Jahre, die Partys, die er mit Peter Revson, Clay Regazzoni und Emerson Fittipladi feierte, sind legendär. Seit acht Jahren raucht der 74-jährige nicht mehr; den Hut hat er immer noch auf, auch im Abarth 124 Spider.

Arturo Merzario im March Ford 761B (Team Merzario) beim Training zum GP Monaco 1977
© Bild: Tony Duffy/Getty Images

Arturo Merzario im March Ford 761B (Team Merzario) beim Training zum GP Monaco 1977

„Wir waren komplett verrückt“

Seine besten Zeiten hatte der Italiener aber nicht in der Formel 1, sondern mit den Sportwagen. 1972 gewann er mit Sandro Munari die Targa Florio und mit Brian Redman die 1.000 Kilometer von Spa, 1973 wurde er Zweiter bei den 1.000 Kilometer von Nürburgring und auch bei den 24 Stunden von Le Mans. 1975 und 1977 war Arturo Merzario der bestimmende Fahrer im Team von Autodelta/Alfa Romeo, als die Italiener mit dem Tipo 33 im ersten Jahr sieben von neun, im zweiten elf von elf Rennen gewannen. Daran erinnert er sich gern: «Die Alfa waren unglaublich schnell, wir fuhren mit über 380 km/h Höchstgeschwindigkeit. Aber die Bremsen waren eine Katastrophe, man wusste eigentlich nie, ob sie es wirklich durchhalten. Aber das überlegten wir uns gar nicht, wir waren komplett verrückt.»

Die Geschichte mit Merzario und Lauda geht noch weiter

Unterdessen hat der Regen eingesetzt, wir schließen das Dach des Abarth 124 Spider, gondeln schön brav hinter einem DeTomaso Pantera aus Italien über den Ofenpass zurück nach St. Moritz. Ich versuche es noch einmal mit seinen liebsten Rennfahrzeugen, damals, die Antwort ist wieder «yes». Ach ja, die Geschichte mit Lauda hatte dann schon noch eine Fortsetzung: ein Rennen später, auf dem Salzburgring, bedankte sich Niki bei Arturo. Und schenkte ihm eine Rolex. Die beiden treten unterdessen wie ein altes Paar in Talk-Shows auf, beschimpfen sich ein bisschen, versöhnen sich. Ja, von irgendetwas muss ja auch ein ehemaliger Formel-1-Rennfahrer mit Hut leben.

Vielen Dank für diesen Beitrag an die Kollegen von radical-mag.com

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