Das 3er Haus in Gumpoldskirchen
Das 3er Haus in Gumpoldskirchen
 

Kernwärme im Nadelöhr

Wir fahren fort: Auf der Weinstraße nach Gumpoldskirchen, wo sich an einer ewigen Schikane neues Leben angesiedelt hat.

01.12.2013 Autorevue Magazin

Weinstraßen sind mittlerweile touristische Must-Haves. Jede Gegend, die auf sich hält, sollte mindestens eine im Angebot haben oder im Idealfall – wie die Südsteiermark – gleich als Ganzes zur Weinstraße werden. Auch der Süden von Wien ist landschaftlich auf der Sonnenseite daheim. Er bietet Wein und ergo auch eine Weinstraße, die vom südlichen Hinterausgang Mödlings entlang der Nahtstelle von Wienerwald und Wiener Becken nach Baden führt (damit ist zwar streckenmäßig nur die halbe Wahrheit erzählt, auf jeden Fall aber der dramaturgische Höhepunkt).

Rotgipfler und Zierfandler

Auf halbem Weg durch die Weingärten liegt Gumpoldskirchen, ein idyllisches, altes Städtchen mit langer selbstbewusster Weingeschichte, das tatsächlich ein Kleinod ist, weil sich hier nach einer eher hässlichen Periode in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schlussendlich der gute Geschmack durchgesetzt hat – dorfgestalterisch ebenso wie weintechnisch. In der Kirchengasse wurde wieder Kopfsteinpflaster verlegt, man hat die mittelalterlichen Häuser liebevoll renoviert und die weinmäßigen Weltbesonderheiten Rotgipfler und Zierfandler önologisch zu hoher Blüte gebracht.

Nadelöhr

Fahrtechnisch freilich ist Gumpoldskirchen eher ein Hindernis. Die baulichen Aufmerksamkeiten des 16. und 17. Jahrhunderts nahmen auf die Schwungtechnik des motorisierten Zeitalters null Rücksicht, nach der Ortseinfahrt jedenfalls verjüngt sich die Straße zwischen Rathaus und dem alten Wirtshaus an der Ecke zum Schrannenplatz zu einem Nadelöhr. An sonnigen Wochenenden ist hier die Hölle los.

Gut gemeinte Speisen

Der Strömungswirbel, den das Eckhaus erzeugt, hat aber etwas zu bedeuten. Lange stand das alte Wirtshaus leer, und jedesmal, wenn man von Baden aus kommend um die Ecke bog, wünschte man sich mit einem Seufzer neues Leben hinein. Ende der 1990er wurde der ehemalige „Schwarze Adler“ dann renoviert, eröffnete als Kulturhaus, und vor ein paar Jahren zog ein Lokal ein, das sich aber nicht lange hielt. Seit einem Jahr nun gibt es neue Mieter, die in dem denkmalgeschützten Haus mit seinen sagenhaft stimmig eingerichteten Stuben feine Weine und gut gemeinte Speisen vom hausgemachten Wurzelspeck über den Tafelspitz bis zu den gegrillten Scampi anbieten.

3er Haus

Das 3er Haus, wie die Wirtsleute ihr Gasthaus nach der Hausnummer nannten, ist ein klassischer Anlass für eine Landpartie mit Ankerpunkt oder eine Heimfahr-Einkehr, wenn man keine Lust auf ­Kochen daheim hat. Man sollte sich allerdings versichern, dass man gelegen kommt. Das Weinstraßen-Business ist ein geschäftiges, was man am Ton des Willkommenseins ablesen kann. Aber schön ist der Platz in Gumpoldskirchen mit seiner neuen Kernwärme, man sollte ihn sich nicht entgehen lassen.

 

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