Suarez gegen Chiellini
 

Suarez: Nach Biss droht lange Sperre – Analysen & Reaktionen

„Der Zahn Gottes“- Uruguay wirft Italien aus dem Bewerb, Luis Suarez sich selbst

25.06.2014 APA

Österreich hat sich zum ersten Mal in der Geschichte aus eigener Kraft für die Endrunde einer Fußball Europameisterschaft (EM 2016) qualifiziert. Dabei gelang dem ÖFB-Team rund um Teamchef Marcel Koller das Kunststück kein Spiel in der Qualifikation zu verlieren, der Aufstieg gelang mit 8 Punkten Vorsprung, 9 Siegen, 1 Unentschieden und einem sensationellen Torverhältnis von 22 zu 5 Toren.

Alle Informationen, den Spielplan, wo ihr Tickets bekommt und an welchen Spielorten die EM 2016 in Frankreich gespielt wird findet ihr hier.

Beim gestrigen Spiel Italien – Uruguay staunten die Zuschauer nicht schlecht – Uruguays Stürmerstar und nebenberuflicher „Beißer“ Luis Suarez schlug bzw. biss wieder zu, sein Opfer war der Italiener Giorgio Chiellini.

Suarez droht längere Sperre

Obwohl der Schiedrichter die Attacke übersehen hatte, droht dem Uruguayer als Wiederholungstäter nun eine lange Sperre. Der Fußball-Weltverband (FIFA) hat gegen den Starstürmer ein Disziplinarverfahren eröffnet. Das teilte die FIFA in den Morgenstunden am Mittwoch mit. Der Angreifer und der uruguayische Verband haben bis Mittwochabend (22.00 Uhr MESZ) Zeit, „ihre Position und jegliche Beweisdokumente, die sie als relevant erachten, darzulegen“.

„Verbannt dieses Monster“

Die Attacke des Liverpool-Torjägers löste vor allem in England, dem Mutterland des Fußballs, heftige Reaktionen aus. „Verbannt dieses Monster“, forderte der „Daily Telegraph“. „Macht Beißer Suarez zum Geächteten“, hieß es bei der „Daily Mail“. Selbst auf der Insel, wo Suarez noch vor wenigen Wochen nicht nur als Torschützenkönig der Premier League gekrönt, sondern auch zum besten Spieler gewählt worden war, gibt es für den „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ des Weltfußballs kein Erbarmen mehr. Nach den Beißattacken 2010 im Trikot von Ajax Amsterdam und vor gut einem Jahr im Dress von Liverpool, für die der Torjäger jeweils gesperrt worden war, befand der „Mirror“: „3 Bisse und du bist draußen.“

3x hat Suarez bisher zugebissen

Biss als Karriere-Bremse für Suarez

Der Wiederholungstäter versuchte die Beißattacke im entscheidenden Gruppenspiel um den Einzug ins WM-Achtelfinale in Brasilien zwar zu verharmlosen. „Das passiert im Spiel und auf dem Platz“, meinte Suarez, nachdem er den Tatort zunächst wortlos verlassen hatte. Den Journalisten zeigte der 27-Jährige nach dem geglückten Einzug in die K.o.-Runde nur den erhobenen Daumen. Und er zwinkerte ihnen zu. Als sei nichts Tragisches passiert. Der Biss an diesem 24. Juni 2014 in der 79. Minute im Stadion von Natal könnte die Karriere des bis dahin heftigst von Europas Spitzenclubs umworbenen Suarez jedoch schwer beeinträchtigen.

FIFA-Ermittlungen müssen bis Samstag abgeschlossen sein

Die rasche Eröffnung einer offiziellen Untersuchung zeigt die Tendenz, dass die FIFA den Fall ernst nimmt. Bereits am Samstag (22.00 Uhr MESZ) steht das WM-Achtelfinale Uruguays gegen Kolumbien an. Bis dahin muss die Akte Suarez spätestens wieder geschlossen sein, um den Turnierverlauf nicht zu gefährden. Die FIFA beruft sich unter anderem auf Artikel 77 a ihres Disziplinarkodexes. Demnach kann der Weltverband nachträglich einschreiten, wenn eine Spielszene vom Schiedsrichter nicht beobachtet wurde. Dies war offenbar in Natal der Fall.

Suarez auch schon wegen Rassismus aufgefallen

Suarez wurde in seiner Karriere auch schon wegen rassistischer Äußerungen gegen den Franzosen Patrice Evra für einen längeren Zeitraum aus dem Verkehr gezogen. Bei der vergangenen WM hatte er im Viertelfinale gegen Ghana für ein absichtliches Handspiel in der Verlängerung auf der Torlinie die Rote Karte gesehen und damit den ersten Halbfinaleinzug eines afrikanischen Teams vereitelt. Damals wurde er nur für ein Spiel wegen Torraubs gesperrt und verpasste das Halbfinale gegen die Niederlande (2:3).

Psychologe: „Es war ein Aggressionsdruchbruch“

„Es war eindeutig ein Aggressionsdurchbruch“, beurteilte der Psychologe Cornel Binder-Krieglstein die WM-Beißattacke. „Was in seinem Hirn vorgegangen ist, kann ich aber auch nicht sagen.“ Gebissen wird in der beruflichen Praxis des Psychologen eher im erotischen Bereich – wo Aggression auch eine Rolle spiele. Aber einen derartigen Zusammenhang sehe er hier nicht gegeben. Der Biss im Spiel gegen Italien sei wahrscheinlich Ausdruck für Aggression und Gewalt. Der Star der Mannschaft von Uruguay habe wohl keine andere Möglichkeit gesehen, etwa durch Schläge oder Tritte, und seine Aggression nicht mehr unter Kontrolle gehabt und daher Gewalt angewandt.

Beißen als archaisches Phänomen

Fußball, so Binder-Krieglstein vom Berufsverband Österreichischer Psychologen (BÖP), sei ein Sport, bei dem Körper an Körper gekämpft werde. „Da werden auch sehr archaische Phänomene ausgepackt, die wie Bisse aus älteren entwicklungsgeschichtlichen Zeiten stammen.“ Beißen sei in einer kindlichen Phase ebenfalls ein Thema in der Gewaltanwendung. So sei ein Kind im Bekanntenkreis des Psychologen vom Familienhund gezwickt worden, um sich in der Rangordnung gegenüber dem Sprössling zu behaupten. Doch dieser setzte sich mit einem beherzten Biss in den Schwanz des Vierbeiners letztlich durch. Dies ist der Mannschaft von Uruguay gegenüber den Italienern letztlich ja auch gelungen. Fast jedes Kind mache eine orale Phase durch, in der Beißen oder die Mundregion für aggressive Zwecke genutzt wird. „Auch kannibalistisches Verhalten ist dem Menschen nicht so fremd“, meinte Binder-Krieglstein. Dass Suarez bereits mehrfach zugebissen hat, erklärt sich der Fachmann damit, „dass dies ein Zugang ist, der ihm offenbar liegt, um seine Aggression zu befriedigen“.

Rückendeckung aus eigenen Reihen

Teamchef Oscar Tabarez sieht Suarez als Opfer einer eigenen Jagdgesellschaft. „Es gibt Animositäten gegen ihn, er wird von Ereignissen der Vergangenheit verfolgt. Gewisse Leute warten nur in ihren Löchern, dass etwas passiert“, meinte Tabarez. Uruguays Kapitän Diego Lugano bezeichnete Chiellini als „Heulsuse“ und bestritt, dass Suarez überhaupt zugebissen habe. „Die Bilder beweisen gar nichts, es gab ein Gerangel“, sagte der Verteidiger. „Und das sind alte Narben, das merkt doch jeder Idiot“, fügte er hinzu. Chiellini sei ein „Schwätzer“ und ein „schlechter Mensch“, so Lugano. „Das hätte ich von einem Italiener nie gedacht. Es würde einem Mann besser anstehen, die Niederlage anzuerkennen und zu den eigenen Fehlern zu stehen.“

Spaß im Internet

Das Internet ist auf jeden Fall voller Spott und Häme für den Wiederholungs-Beißer. Unzählige Fotomontagen und hämische Sprüche kursieren im Internet, Marketingstrategen nutzten den Vorfall sofort für bissige Werbung. Andere Sportler äußerten sich schockiert bis amüsiert: Manchester-United-Spieler Rio Ferdinand schrieb: „Sagt mir, dass Suarez nicht jemanden gegessen hat … er war der Held vor ein paar Tagen.“ Und der frühere Boxer Evander Holyfield, selbst einmal von Mike Tyson ins Ohr gebissen, meinte ironisch: „Ich schätze, dass jeder Teil des Körpers essbar ist.“

Mit einem Biss zum Social Media-Star

Doch ob grotesker Spaß oder ein „Verbrechen“ („Algemeen Dagblad“, Niederlande), die Beißattacke machte Suarez auf einen Schlag zur Social-Media-Berühmtheit. Vor dem Biss wurde der Name @luis16suarez weltweit nur 100.000 Mal bei Twitter erwähnt, danach über zwei Millionen Mal, wie der Kurznachrichtendienst mitteilte.

Neue Werbemöglichkeiten – „Nimm einen Biss aus einem Big Mac“

Und möglicherweise ergeben sich für Suarez jetzt auch ganz neue Werbemöglichkeiten – in der Lebensmittelbranche. „Hi, @luis16suarez, wenn Du immer noch hungrig bist, dann nimm einen Biss aus einem Big Mac“, twitterte McDonald’s Uruguay. Die Kette Pizza Express schrieb zu der Wiederholungstat: „Suarez hat wieder jemanden gebissen? Wir müssen dem Mann dringend einen 10-Pfund-Gutschein für eine Pizza geben.“ Stattdessen könnte man ja auch zu einem Schokoriegel greifen, bot der Hersteller Snickers an und übertitelte ein Werbebild mit den Worten: „Befriedigender als Italienisch“.

Internationale Pressestimmen zur Beißattacke des Uruguayers Luis Suarez

ITALIEN:

„Gazzetta dello Sport“: „Wieder der Kannibale.“

„Corriere dello Sport“: „Schon zum dritten Mal. Das ist auch etwas Psychologisches. TV-Beweis für Suarez: Mindestens sieben Spiele.“

„Tuttosport“: „Luis Suarez riskiert den Rest der WM zu verpassen für einen Moment beschämenden Wahnsinns.“

URUGUAY:

„El Observador“: „Bei dem mutmaßlichen Biss reagierte der Italiener mit einem Stoß, der voll in die rechte Augenhöhle ging, die sofort anschwoll.“

„El Pais“: „Die Medien der Welt, vor allem die in England, legten mehr Gewicht auf die mutmaßliche Aggression, die der italienische Spieler Giorgio Chiellini Luis Suarez vorwirft, als auf den Sieg von Uruguay selbst, der den Einzug ins Achtelfinale erlaubte.“

„La Republica“: „Die Zukunft von Suarez in den Händen der FIFA. Die Hoffnung für Suarez und den Uruguayischen Fußballverband (AUF) liegt darin, dass der Paragraf 77 b ins Regelwerk 2010 eingeführt, aber noch nie angewendet wurde.“

DEUTSCHLAND:

„Bild“: „Italien raus! Fliegt der Uru-Beißer hinterher?“

„Die Welt“: „Uruguay beißt Italien weg.“

„Süddeutsche Zeitung“: „Biss im Mittagsgrauen.“

„Tagesspiegel“: „Italien fehlt der Biss.“

SCHWEIZ:

„Blick“: „Italien nach Witz-Rot und Beißattacke draußen.“

„Neue Zürcher Zeitung“: „Suarez beißt wieder zu.“

„Tages-Anzeiger“: „Erst der Pfiff, dann der Biss.“

NIEDERLANDE:

„Algemeen Dagblad“: „Aber was am schlimmsten ist: Suarez nimmt der WM seinen x-ten Star, indem er sich selbst auf verbrecherische Weise ausschaltete. Ronaldo scheidet morgen wahrscheinlich aus, Iniesta ist schon zu Hause, Pirlo flog raus und Rooney geht heute in die Luft. Für Robben wird es einsam an der Spitze.“

„De Telegraaf“: „Wieder der Kannibale.“

„De Volkskrant“: „Erneut siegt der Verrückte im Kopf von Suarez. Über den Verrückten im Kopf von Luis Suarez wurde fast nicht mehr geredet, weil das Fußball-Genie Luis Suarez ihn scheinbar für immer begraben hatte. Aber im Kopf des Uruguayers kam es am Dienstag erneut zum Kurzschluss.“

FRANKREICH

„L’Equipe“: „Suarez beißt weiter. Es war sein Glück, dass der Schiedsrichter es nicht gesehen hat. Doch eine Sanktion könnte später folgen“.

BELGIEN:

„Le Soir“: „Sie legen sich miteinander an, sie drängeln und plötzlich stürzt sich Suarez auf die Schulter seines Kontrahenten wie ein Adler auf seine Beute. Und beißt ihn.“

„Het Laatste Nieuws“: „Der Zahn Gottes.“

Chronologie der bisherigen Eklats

Februar 2007: Ausschluss bei Debüt

Suarez wird bei seinem A-Team-Debüt im Länderspiel gegen Kolumbien wegen Schiedsrichter-Kritik ausgeschlossen.

November 2007: Suspendierung bei Ajax

Suarez wird von seinem Club Ajax Amsterdam suspendiert, nachdem er sich in der Pause eines Spiels gegen Feyenoord mit seinem Vereinskollegen Albert Luque einen handfesten Disput um die Ausführung eines Freistoßes lieferte.

Juli 2010: Grobe Unsportlichkeit gegen Ghana

Suarez wehrt in der Verlängerung des WM-Viertelfinales gegen Ghana einen Schuss auf der Torlinie mit der Hand ab. Asamoah Gyan vergibt den Strafstoß, Suarez lässt sich am Spielfeldrand feiern, Uruguay steigt im Elfmeterschießen auf. Der Uruguayer sprach danach von seiner „Hand Gottes“, laut Gyan wurde der Stürmer „zum meistgehassten Menschen in Afrika“.

November 2010: Beißattacke gegen Bakkal

Suarez beißt PSV-Eindhoven-Spieler Otman Bakkal in die Schulter und wird dafür sieben Partien gesperrt.

Oktober 2011: Sperre nach rassistischen Äußerungen

Der nunmehrige Liverpool-Stürmer Suarez soll Manchester-United-Kicker Patrice Evra nach dessen Angaben rassistisch beschimpft haben. Der Uruguayer dementiert vehement, wird aber für acht Partien gesperrt.

Februar 2012: Kein Handschlag mit Evra

Beim neuerlichen Duell mit Manchester United verweigert Suarez seinem Rivalen Evra den obligaten Handschlag vor Spielbeginn. In der Pause muss die Polizei die beiden Streithähne trennen, United-Coach Alex Ferguson spricht danach von Suarez als „Schande von Liverpool“.

April 2013: Beißattacke gegen Ivanovic

Suarez beißt Chelsea-Verteidiger Branislav Ivanovic in den Oberarm und fasst eine Sperre von zehn Spielen aus. „Das war ein schwerer Fehler, ich habe daraus gelernt“, lässt der Goalgetter nach dem Urteilsspruch verlauten.

Juni 2014: Beißattacke gegen Chiellini

Im entscheidenden Gruppenspiel um den Aufstieg ins WM-Achtelfinale beißt Suarez Italien-Verteidiger Giorgio Chiellini in die Schulter. Die FIFA leitet ein Verfahren ein, eine lange Sperre droht.

 

Die wichtigsten Fußball-WM-Links für den perfekten Überblick:

 

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