Finden die beiden zusammen?
 

Zwei kleine Italiener: Jeep Renegade 2,0 Multijet

Jeeps jüngstes und bislang kleinstes Modell ist kein richtiger Geländewagen, kommt nicht aus Amerika und kostet kein Vermögen. Das sind ein paar gute Voraussetzungen für den Erfolg, meint unser Autor Christian Clerici.

16.01.2015 Autorevue Magazin

Wenn man aus dem Weltraum in unsere Richtung schaut, dann sieht man, sehr dekorativ vor schwarzem Hintergrund: die Erde.

Ihre Oberfläche ist zu 71 Prozent mit Wasser bedeckt, der Rest besteht in der Hauptsache aus schroffen Gebirgsmassiven, bodenlosen Schluchten, wasser­losen Wüsten, riesenhaften Eisflächen und undurchdringlichen Regenwäldern, mit einem Wort: aus ­Gelände.

Und es gibt auf ihr jene urbanen Lebensräume, wo vor ­allem davon geträumt wird, diese lebensfeindlichen Terrains mit allen Rädern zu bezwingen, während man sich in gesellschaftlichen Abgründen festfährt und darüber diskutiert, ob der neue Jeep Renegade nun ein echter Geländewagen ist oder nicht.

Natürlich ist er das, trotz verschiedener Fahrmodi für bedrohlichen Untergrund und einer Art Geländeunter­setzung, nicht, aber wenn man bedenkt, dass bei den meisten von uns bereits jenseits der 25 Prozent Schräglage mindestens eine Stoffwechselfunktion überreagiert, dann darf der Renegade ganz ohne falsche Scham auf seine vornehmlich auf Lifestyle und Komfort getrimmten Eigenschaften pochen.

Außerdem kann es sich das Traditionslabel Jeep durchaus leisten, ein Crossover-Modell im Sortiment zu haben – wer ein Fahrzeug wie den Wrangler baut, muss in puncto Geländekompetenz nichts mehr beweisen.

Jeep Renegade: Made for Europe

Der Renegade ist der kleinste Jeep der Neuzeit, und auch wenn die Amerikaner noch so sehr darauf bestehen, die entscheidenden Vorgaben für seine Entstehung geliefert zu haben, fühlt man sich als bekennender Europäer auf Anhieb ernst genommen. Feine Materialien, gute Verarbeitung, stilsichere bis gewagte Ausstattungslinien, umweltverträgliche (EURO 5+) Motoren in zwei Benzin- und drei Dieselvarianten, Audio­hightech, allerlei Assistenzsysteme und jede Menge Übersicht. Zumindest nach vorne.

Die wichtigste Frage zuerst: Was tut Clerici da? Antwort: Er  hat die Hände in den Hosentaschen und zählt die AUA-Flieger.  Zweitens: Im Renegade verbinden sich amerikanischer Spirit und europäischer Tiefgang. Drittens: Die Lüftungsdüsen heißen E.T.

Die wichtigste Frage zuerst: Was tut Clerici da? Antwort: Er hat die Hände in den Hosentaschen und zählt die AUA-Flieger.

Das beste aus zwei Welten

Der Blick nach hinten ist sinnlos. Erstens in pragmatischer Hinsicht, weil man kaum hinaussieht, zweitens in ideeller. Als unverbesserlicher Optimist, Liebhaber von US-Musclecars und Inhaber einer italienischen Staatsbürgerschaft muss ich schließlich eine Einstellung zur Übernahme von Chrysler durch Fiat finden. Da haben sich zwei einander völlig hingegeben, zwei große, traditionsreiche Marken, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwei Konzerne, die den Zwang der Globalisierung in einer zukunftsorientierten Vernunftehe auflösen und die nun beweisen müssen, ob das auch funktioniert.

Jedenfalls kommt der kontinentale Esprit von Fiat in Symbiose mit dem urwüchsigen Image der Marke Jeep so gelungen daher, dass man das Gefühl hat, aus beiden Welten das Beste zu bekommen. Und auch wenn „das Beste“ für ein Auto, das in Melfi, im Herzen des für seine Gründlichkeit bekannten Süditalien, gebaut wird, zunächst seltsam klingen mag: Diese transatlantische Allianz schürt Hoffnungen. Vielleicht werden die Traditionsmarken des italienischen Konzerns ja alle von dieser großen Idee profitieren und eines Tages zu alter Größe zurückkehren.

Land Rover und Jaguar haben ja auch durch eine Kulturrevolu­tion ihren Glanz zurückerobert.

Mit Zitaten wurde beim Renegade nicht gespart, sie werden im Großen und im Kleinen bemüht, wenngleich man manche erst auf den zweiten Blick entdeckt.

Im Renegade verbinden sich amerikanischer Spirit und europäischer Tiefgang.

Im Renegade verbinden sich amerikanischer Spirit und europäischer Tiefgang.

Details!

Der 7-strebige, aufrecht stehen­de Kühlergrill mit Rundscheinwerfern, die kantigen Formen, konsequent bis hin zu den eckigen Radhäusern, Bedienelemente und Navigationssystem aus dem Fiat­-Universum sind ­augenfällig, die Spinne im Tankdeckel, der ­Miniatur-Willis-Jeep, der am rechten Rand der Frontscheibe in Richtung Himmel ­klettert, die eingeprägte Jeep-Front in den Scheinwerfergläsern, das sind die kleinen Details, die direkte Konkurrenten wie Opel Mokka oder Nissan Juke in Sachen Pfiff nachdenklich stimmen sollten. Die Tatsache, dass der neue Fiat 500X auf der gleichen Technik wie der Renegade ­basiert, wird beiden ­Modellen nicht schaden – Ikonen sprechen im Herzen die ­gleiche Sprache.

Mein Testwagen war mit dem 140-PS-2,0-Multijet II, Allrad und einem manuellen 6-Gang-Getriebe ausgestattet. Limited Edition. Kennt man die anderen Motorvarianten, die zwischen 110 und 170 PS mobilisieren, oder die 9-Gang-Automatik nicht, geht einem auch nichts ab. Der Vortrieb ist ordentlich und elastisch, 1,4 Tonnen bewegen sich angemessen, der Renegade begnügt sich im reinen Stadtbetrieb mit rund 7 Litern Diesel.

Die Schaltung ist präzise, und wer es den diversen ­Assistenten recht machen will, achtet auf das kleine Symbol im stylishen Mitteldisplay, das den optimalen Schaltzeitpunkt ­vorschlägt. Addiert man großzügig alle Sonderposten aus dem Katalog, ist man gefühlt in der Oberklasse angekommen, ­trotzdem steht unterm Strich ein bestechend vernünftiges ­Ergebnis, das sich zwischen 19.900 und 34.500 Euro bewegt. Extras wie ein aufsetzbares Zelt, Militarylook oder Fahrradträger exklusive.

Wirklich beeindruckend fand ich die Verarbeitungsqualität. Echtes Aluminium für Türgriffe, Schaltknauf und Einfassungen, feines Leder, sportliche Sitze, knackige Bedienung und eine Vielzahl von Personalisierungsmöglichkeiten. Die Lüftungsdüsen, mittig aufgesetzt am Armaturenbrett, haben aus der Designabteilung einen Spitznamen mitgebracht: E.T. Und tatsächlich, wenn man mit der nötigen Fantasie ausgestattet ist, fühlt man sich aus vertrauten Augen liebevoll beobachtet. Gleich darunter, über dem 7 Zoll großen Touchscreen, ist „since 1941“ eingeprägt. Und wieder wird man an den Mythos erinnert.

Wenn die Navigation einmal ausfallen sollte und man sich zufällig in der Moab-Wüste befindet, dann hilft die kleine Gummimatte im Ablagefach der Mittelkonsole: Sie ziert das Relief einer Karte von nämlicher Einöde in Utah.

Die Lüftungsdüsen heißen E.T.

Die Lüftungsdüsen heißen E.T.

Ein kleiner Jeep, der Großes vorhat

Auch bei den Namen der Modellvarianten kommen keine Zweifel auf, dass der kleine Jeep Großes vorhat. Schon die einfachste Variante trägt die leistungsorientierte Bezeichnung „Sport“. Über „Longitude“ und „Limited“ erreicht man das ­obere Ende der Fahnenstange: „Trailhawk“. Da könnte die ­eigentlich schon eingestellte Diskussion, ob der Renegade nun ein echter Geländewagen ist oder nicht, neue Befeuerung ­bekommen. Immerhin verfügt das Fahrzeug dann auch über einen zusätzlichen Rock Modus, 20 Millimeter mehr Bodenfreiheit, modifizierte Stoßfänger für mehr Böschungswinkel, Bergabfahrhilfe und Unterfahrschutz.

Die Eiseskälte beim Fotografieren kann ich dem Renegade nicht vorwerfen, dass der Öffnungsmechanismus der Heckklappe so angebracht ist, dass man ihn unmöglich bedienen kann, ohne sich schmutzig zu machen, schon. Klingt vielleicht etwas weinerlich, aber wenn man sucht, findet man halt immer etwas Verbesserungswürdiges.

Abgesehen davon entschädigen einen die Blinker am Heck für jede Unbill. Sie sehen aus wie das geprägte X auf einem klassischen Benzinkanister, und wenn sie in Aktion sind, dann meint man, das Richtige angekreuzt zu haben.

Die Skala des Drehzahlmessers ist mit einem stilisierten Matschspritzer unterlegt, erweckt man den KeylessGo-fähigen Renegade zum Leben, dann stellt er sich zur Begrüßung ­digital mit Namen UND Matschspritzer im Zenraldisplay vor. ­Spätestens jetzt hat man sein Abenteuer im Kopf.

Das mag auf den ersten Blick etwas verspielt wirken, aber tatsächlich senden alle diese Details eine deutliche Botschaft, wohin die Reise geht. Geradewegs in Richtung Marken­magnetismus (© Mariusz Jan Demner).

Ein zufriedener Tester nach dem großen Testeinsatz. Clericis Fazit: Die Eiseskälte beim Fotografieren kann man dem Renegade nicht vorwerfen.

Ein zufriedener Tester nach dem großen Testeinsatz. Clericis Fazit: Die Eiseskälte beim Fotografieren kann man dem Renegade nicht vorwerfen.

Der Renegade trägt das Jeep-Gen in sich

Fast scheint es, als ob sich im Renegade amerikanischer ­Spirit mit europäischem Tiefgang verbindet, ich hatte jedenfalls keine Mühe, das Prinzip „Jeep“ in seiner kleinsten Variante, ­gepaart mit mediterranen Einflüssen, zu verstehen.

Meine einzige Sorge ist: Ich bin mir nicht sicher, ob sich das Telefonbuch meines Handys in den Bordspeicher übertragen hat, die Bluetooth-Integration funktionierte nämlich so ­klaglos, dass ich den gesamten Einrichtungsvorgang einem Assistenten überlassen habe. Zum Glück hat Roland Düringer sein Handy weggeworfen, bei allen anderen, die ich kenne und die man kennt, möchte ich mich hier zur Sicherheit für anonyme ­Anrufe entschuldigen.

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