Der eHorx

Das Elektroauto ist in der Zukunft angekommen, und damit schon fast in der Gegenwart: Zukunftsforscher Matthias Horx hat neuerdings gleich zwei davon in der Garage. Ein Hausbesuch in der Welt von morgen.

21.04.2013 Autorevue Magazin

Uns erreichte eine Aussendung von Mitsubishi. Darin wurde gemeldet, dass ­Matthias Horx jetzt schon den zweiten Mitsubishi i-Miev fährt und davon sehr angetan ist. Zitat: „Für uns als zukunftsorientierte ­Familie ist Elektro-Mobilität seit einem Jahr zum selbstverständlichen Lebensstil geworden. Elektroautos sind keine lahmen Enten, im Gegenteil.“

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher, und zwar der im deutschsprachigen Raum nicht nur bekannteste und meistzitierte, sondern der gefühlt auch einzig bekannte und einzig zitierte. Zumindest was die Zukunft betrifft, besitzt Horx Monopol und Deutungshoheit. Niemand erklärt sie besser als er, und niemand bekommt dafür mehr Geld als er.

Es muss ordentlich Geld sein, denn Horx hat auf mehr als 6000 Quadratmetern bester Wienerwald-Stadtrand-Hanglage seine Vorstellungen von zeitgemäßer oder eigentlich zukunftsgemäßer Wohn-Arbeits-Mobilitätswelt mit dem Namen „Future Evolution House“ realisiert. Zwei Quader mit viel Glas und elektronischer Haussteuerung. Ein Quader ist fürs Arbeiten, einer fürs Wohnen. Horx empfängt in der Wohnküche, „sehen Sie hier irgendwo einen Fernseher?“, fragt er und liefert gleich die Lösung: „Wir haben keinen.“ Unter dem Wohnmodul ist die schicke ­Garage mit knallrotem Hochglanzboden und einer der beiden Inschriften vom Eingang zum Tempel von Delphi in Neon an der Wand: medèn ágan – nichts im Exzess. Das ist ein guter Wahlspruch für eine ­Garage und sollte vor Fahrtantritt von allen beherzigt werden. Diese Garage ist zu hundert Prozent mit Elektromobilität bestückt: Ein Opel Ampera steht da, daneben der ­i-Miev und dazwischen ein Elektro-­Motorroller aus chinesischer Produktion.

„Der Opel“, sagt Horx, „ist ein Geschoß, E-Motor mit 150 PS, der hat meinen Sohn überzeugt, dass Elektroautos doch sexy sein können.“ Horx ist ein aktiver Autofahrer. Zum Glühen über die deutsche ­Autobahn, so Horx, gäbe es derzeit nichts Besseres, zumindest auf dem Gebiet der Elektromobilität, die in diesem Fall allerdings keine ist, weil wenn man länger über die Autobahn glüht, dann mit Range ­Extender. Also klassische Verbrennung.

Natürlich ist auch die Garage zukunftsgemäß. Horx will sie in ein intelligentes Stromnetz integrieren, welches im Jargon „Smart Grid“ heißt. Das wäre, wenn die vollgeladenen Autos auch als Strom­speicher funktionieren und bei Bedarf, wenn zum Beispiel die Kaffeemaschine angeht, Strom nach oben in die Wohnküche schicken. So weit ist er noch nicht, sagt Horx, es fehlt noch an den technischen ­Details, aber es wird schon noch. Der Strom kommt von den Solarpanels am Dach. Letztlich soll das ein Plus-Energiehaus werden, also eines, das mehr Strom erzeugt als verbraucht. Mit dem Überschuss kann man im i-Miev spazierenfahren, emissionsfrei und gratis obendrein.

Das Modell mit dem Smart Grid lässt sich auf den einfachen Autofahrer kaum übertragen, da dieser in der Regel kein ­Future Evolution House besitzt. Aber darum geht es Horx auch nicht. Er will in einer Art Laborsituation ausprobieren, welche Systeme sinnvoll sein könnten. Letztlich nicht erfolgreich war zum Beispiel das ­System „Katze Isis“, die einen Chip implantiert hatte. Nur ihr öffnete sich die Katzenklappe. Ihr Schicksal war dann doch ­analog, sie war eines Tages einfach weg. Wohl überfahren worden.

Dass Katzen mit implantierten Chips Bestandteil der Zukunft sein werden, will Horx nicht behaupten, bei der E-Mobilität ist er sich hingegen sicher: „Braucht es im Mittleren Osten nur mal zu knallen, dann ist der Ölpreis oben.“ Später macht er dann klar, dass E-Mobilität mit Geld nichts zu tun hat, „das ist bizarr“. Wer Elektroauto fährt, will sich nichts ersparen und ist auch kein popeliger Umweltschützer, sondern einfach hip: technologische Avantgarde. „Darum kann das auch nichts werden, wenn Elektromotoren in normale Autos implantiert werden, da sieht man das ja von außen nicht.“ So gesehen ändert sich zwar alles, aber eines bleibt, nämlich das Auto als Repräsentationsobjekt. Nur dass es in den kommenden Jahren immer weniger ein Symbol von Macht, Stärke, Protz und Fetz sein wird. Und warum das wieder? Weil, so Horx, die Gesellschaft feminisiert. Frauen fahren anders Auto, sie missverstehen es nicht als Territorialkampf. Aber warum fahren sie dann die fettesten SUVs? „Weil sie Schutz bieten“, sagt Horx. Frauen suchen Schutz und finden ihn in einem Porsche Cayenne eher als in einem handtaschenschicken Lancia Ypsilon. SUVs also als großartig schiefgegangene Marktplatzierung, eigentlich waren sie ja als männlich-dominante Kampfwagen gedacht.

Matthias Horx weiß auf alles eine Antwort. Manche Leute haben damit ein Problem, meistens sind es Welterklärer wie er, die aber die richtige Masche nie gefunden haben: universitär institutionalisierte ­Zukunftsforscher, Soziologen auf Themensuche wie sein Intimfeind Holger Rust von der Universität Hannover, Journalisten, die in ihm ein leichtes Opfer wittern und ihn als „Experten für eh alles“ verspotten. Aber Horx ist kein leichtes Opfer, denn er macht keine Fehler. Was passiert nun also mit den dominierenden Herrscher-Männern? „Die werden weniger.“ Wer rückt nach, die Mittelschicht? „Ja, genau.“ Aber die Mittelschicht stirbt doch aus? „Die stirbt nicht aus, sie verändert sich.“ Warum verändert sie sich? Weil sich die gesellschaftlichen Strukturen ändern, weil „lebenslange Erwerbsentwürfe“ wegfallen. Es gibt so viele Gründe, und jeder stimmt ein wenig. Auf jeden Fall folgt auf die Erosion der männlich-dominanten Führungsschichten eine Erosion der gehobenen Mittelklasse bei den Autos, Horx verdichtet diese anschaulich auf den BMW-Typus: den schnellen, teuren, schwarzen Dienstwagen. Den wird bald keiner mehr brauchen, weil die ­Manager „in Frankfurt schon waagrecht aus den Hochhausfenstern fliegen“. Wer fährt dann noch teure Autos, wenn es so weit gekommen ist? „Die Russen. Ist ja jetzt schon so“, sagt Horx, schenkt sich in seiner geschmackvollen Wohnküche noch einen Tee ein und blickt kurz auf das aufgestellte iPad, welches als Multiinformations-Wetterstation fungiert. Es wird wieder Schnee geben.

So konkret wie gerade eben wird Horx nicht oft. Das ist denn auch seine Strategie. Kritiker werfen ihm vor, Dinge, die ohnehin jeder weiß oder ahnt, in schmissige, vor allem englische Vokabel zu packen und damit die große Kohle zu machen. Futuring, Technolution, glokal (global-lokal), Mindset, Down-Aging, Feminisation, Creative-Age – ist alles schon da oder kommt auf uns zu. Das Orakel von Delphi war natürlich ein Think-Tank der Antike. Horx selbst betreibt „Urban Gardening“. Dazu kommen Aussagen wie „im Jahr 2050 wird es eine Vielfalt neuer Antriebskonzepte und Treibstoffkonzepte geben“ oder „die Welt der Zukunft unterliegt der Urbanisierung“.

Wird Horx gefragt, ob er Optimist oder Pessimist ist, sagt er, er sei Possibilist, er vertrete alle möglichen Zukünfte und es gäbe deren wahrscheinliche und weniger wahrscheinliche. Dagegen ist, wie üblich, nichts Stichhaltiges vorzubringen.

Wenn Horx angegriffen wird, geht es meistens darum, dass man seine Zukunftsforschung als Kaffeesudleserei und Geschwafel ohne jeden wissenschaftlichen Anspruch heruntermacht. Horx kontert, indem er aufzählt, was in seine Arbeit einfließt: Kognitions- und Evolutionspsychologie, System- und Komplexitätstheorie, Sozio-Ökonomik, Evolutionstheorie und eine ganze Reihe weiterer glitzernder Disziplinen.

Die Evolution hält ein Vorbild für die Entwicklung des Autos bereit: Im Falle schneller Umweltveränderung, so wird in Horx’ „Technolution-Modell“ erläutert, kommt es zu einer regelrechten Explosion der Arten. Bis in die achtziger Jahre dominierte der männliche Fahrer und das im Windkanal optimierte Auto. Dann trat die sogenannte Evalution in Kraft: Als Frauen (Eva) durch steigende Einkommen plötzlich auch Autos kaufen konnten, entstanden die passenden Autotypen bzw. explodierten die Arten – Van, SUV, Klein-SUV, City-Car. Auf das und darauf, es Evalution zu nennen, muss man erst mal kommen.

Horx hält Vorträge, bis zu fünfzig im Jahr, schreibt Bücher und Zeitungskommentare und erstellt Studien für Unternehmen. Noch heute kriegen seine Gegner glänzende Augen, wenn sie aus der 2008 vorgestellten Trendstudie „Sexstyles 2010“ für den Beate-Uhse-Konzern das Wort „Sex-Gourmets“ zitieren dürfen.
Ein Auftrag, den Horx gerne annehmen würde, den aber noch keiner erteilt hat, wäre ein Konzept für die zukünftige Vermarktung eines Elektroautos: „Es geht nur über den Lifestyle. Und über gesamtheitliche Verkehrs- und Wohnkonzepte“, sagt er, während vor den riesigen Fenstern das zugeeiste Schwimmbiotop langsam in der ­hereinsinkenden Dunkelheit verschwindet. Horx weiß natürlich, dass sich die großen Autokonzerne nicht wirklich fürs Elektroauto interessieren. Ganz im Gegensatz zu ihm selbst. Die beiden Autos, die er durchaus nicht als Werbeträger geschenkt bekommen hat, sondern „begünstigt“ least, nutzt er widmungsgemäß, den Opel überland, den i-Miev in der Stadt. „Ich werde keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr kaufen. Hoffentlich gibt es bald ein Allrad­auto mit Elektromotor.“ Horx wird der Erste sein, der eines hat. Weil wenn noch mehr Schnee kommt, kann er sein Grundstück nur noch zu Fuß verlassen.

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