Unterwegs mit tausend Föhns

Kein Tourist traut sich her und kein Partytiger. Die Kälte hat Bären und Fluss in den Schlaf gezwungen. Und doch ist der Yukon lebendig wie nie.

28.12.2012 Online Redaktion

Zwei Tage war Louie auf der Flucht. Seine Schlittenhunde hetzte er fast in den Tod. Denn das Gesetz war hinter ihm her. Er hatte Alkohol in die USA geschmuggelt und damit gegen die Prohibition verstoßen. Hier, im Norden Kanadas, schlägt das Gesetz hart zu. Dawson City, die Stadt der Goldgräber, war kein Ort der Outlaws. Dafür hatten die Mounties gesorgt. In dieser Stadt musste sogar Strafe zahlen, wer am Sonntag Holz hackte. Im Vergleich dazu war Louie ein Schwerverbrecher. Und das wusste er. Zwei bitterkalte Tage und Nächte auf der Flucht durch die zugefrorene ­Hölle. Als er die Mounties abgehängt hatte und ­Zuflucht in der Hütte seines Bruders fand, war ihm ein Zeh abgefroren. Louies Bruder griff kurzerhand zur Axt. Um keine Tiere anzulocken, wurde der Zeh nicht im Wald verscharrt, sondern in Alkohol eingelegt.

Yukon Kanada Fulda Challenge 2012 Sourtoe Cocktail Club Dawson City

Damit sind wir auch schon in der Gegenwart. Die Heydays von Dawson City sind heute – nachdem knapp 600 Tonnen Gold abtransportiert wurden – bekanntermaßen vorbei. Was bleibt, ist eine Touristenattraktion.

Yukon Kanada Fulda Challenge 2012 Sourtoe Cocktail Club Dawson City

Auch deswegen, weil es den Zeh noch gibt. Nicht mehr das Original, klar. Aber Dick Stevenson, auch Captain Dick genannt, kaufte 1973 ­besagte Hütte und fand den Zeh. Er nahm ihn mit in seine Stammkneipe im Downtown-Hotel, legte ihn Touristen in den Drink und behauptete, sie würden sofort in den Kreis seiner Freunde aufgenommen, wenn sie ihr Glas leerten. Und weil es immer wieder Leute gibt, die in der Kälte Alaskas einen Zeh verlieren und ihn dann der Bar spenden, gibt es diesen Brauch noch, der feier­wütige Studenten anzieht und sich mittlerweile „Sourtoe Cocktail Club“ nennt. Ein Zeh hält in Salz eingelegt maximal drei Jahre. Mittlerweile ist man bei Nummer fünfzehn. Und 43.528 Clubmitgliedern (man bekommt eine Urkunde mit Nummer).

„Strange things done in the midnight sun“, dichtete Robert William Service schon 1907 über das Yukon-Territorium. Kein Wunder. Wenn bis zu minus fünfzig Grad Celsius herrschen, muss man sich ablenken. Wie kalt es gerade ist? Keine Ahnung. Das Thermometer im Kia Sorento hat die Arbeit eingestellt. Temperaturen, die tiefer sind als minus vierzig Grad Celsius, kann der Bordcomputer weder messen noch anzeigen.

Yukon Kanada Fulda Challenge 2012 Sourtoe Cocktail Club Dawson City

„Ein Kollege hat -50,6 Grad gemessen.“
„Komma sechs?“
„Ja.“
„Muss ein deutscher Kollege gewesen sein.“
„Ja.“

Ansonsten funktioniert der Sorento einwandfrei. Seit drei Tagen läuft er. Ohne Unterbrechung. Seit 72 Stunden bollert der Sechszylinder mit seinen 276 PS vor sich hin. Über Nacht darf man das Auto nicht ausschalten. Und wenn doch, dann soll man es wenigstens an eine Motor­heizung anschließen. Sonst springt der Wagen am nächsten Morgen vielleicht nicht mehr an. Douglas lebt davon. Er betreibt eines von zwei Abschleppunternehmen in Dawson City und sieht so aus, wie man sich einen Nord-Kanadier vorstellt. Breite Schultern, kräftige Brust, runder Bauch, dichter Bart. Etwa zwei Wochen im Jahr ist es so kalt, dass die rund 1500 Einwohner vollständig auf das Auto verzichten, sagt er. Wenn sie das nicht tun, verdient er Geld.

Yukon Kanada Fulda Challenge 2012 Sourtoe Cocktail Club Dawson City

Und genau in den besagten zwei Wochen findet die Fulda Challenge statt. Eine Art nordischer Zehnkampf. Sieben Teams sind am Start. Vier davon vertreten ein Land (je ein Mann und eine Frau versuchen für Österreich, die Schweiz, Deutschland und Kanada Punkte zu holen), drei weitere bestehen aus mehr oder weniger prominenten Menschen, die für Fulda die nötige Medienresonanz in Deutschland hervorrufen sollen, damit die Veranstaltung mal in die noch viel zu großen Fußstapfen der Camel Trophy treten kann. In diesem Jahr – der zwölften Auflage – treten unter anderem Christine Theiss, Jenke von Wilmersdorff und Lina van de Mars als Prominente an. Kann man kennen, muss man aber nicht.

Bevor es aber nach Dawson City ging, startete die Veranstaltung in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon-Territoriums – ein sanftes ­Herantasten an die bevorstehenden Extreme.

Yukon Kanada Fulda Challenge 2012 Sourtoe Cocktail Club Dawson City

Hier kann man die Autos noch ausschalten über Nacht. Minus 30 Grad. Viel kälter wird es nicht. Die Athleten machen ein Schneemobil­rennen, ziehen einen alten Versorgungsschlitten, werfen einen alten Reifen aus einem Hubschrauber auf eine in den Schnee gemalte Zielscheibe und messen sich im Langstreckenlauf. Vor allem Letzteres zeugt von der enormen Leidens­fähigkeit der Teilnehmer. Die Skibrillen frieren beidseitig zu, während von innen die Muskeln brennen und außen die Haut glüht. Die „Dschungelcamp-Teams“, wie einige Zuschauer die Promi-Mannschaften nennen, haben zwar gegen die richtigen Sportler keine Chance, geben aber nicht auf und schleppen sich über die Ziellinie. Was mehr ist, als die meisten Zuschauer zustande kriegen würden. Chapeau.

Als das alles erledigt ist, setzt sich der Tross Richtung Dawson City in Bewegung. Also ab in den Sorento.

Schon einmal 500 Kilometer auf einem völlig zugeschneiten und gefrorenen Bergpass unterwegs gewesen? Deprimierende Schrittgeschwindigkeit. Unkontrolliertes Rutschen. Nackte Panik.Lulu-Pensionisten vor dir. Denkt man. Ist aber totaler Quatsch. Der Kanadier definiert Berg­pässe anders als wir Europäer. Der nach Dawson bietet auch an den engsten Stellen drei Lkw ­nebeneinander Platz.

Angeblich ist er stellenweise nur geschottert. Kann sein. Keine Ahnung. Es liegt zentimeterdick Schnee drauf. Friedlich gleitet der Kia mit Tempo 90 die Berge rauf und runter. Mehr ist nicht erlaubt. Die Heizung arbeitet im Akkord. Macht ein Auto im Schnee Geräusche, auch wenn keiner da ist, der sie hört, weil die Lüftung tönt wie tausend Föhns? Und das auch noch völlig umsonst, weil die Scheiben innen doch frieren.

Yukon Kanada Fulda Challenge 2012 Sourtoe Cocktail Club Dawson City

Der menschliche Körper ist eine erstaunliche Sache. Nach ein paar Kilometern sind die Sinne geschärft. Man spürt jedes Schlingern. Jede Unebenheit, jedes Kilogramm. Das Gehirn führt unbewusst Millionen von Rechnungen aus. Kalkuliert den Rutschfaktor, Geschwindigkeit, Leistung und Gewicht mit ein und fasst dann alles in einem Gedanken zusammen: „Geht sich aus.“ Oder eben „Runter vom Gas.“ Das ist es. Eleganz, Kraft, Geschwindigkeit. Stolz schwellt meine Brust.

Bis mich ein Auto überholt.

Unmöglich. Ist mein Gehirn gar nicht so erstaunlich oder hat gar, noch viel schlimmer, mein Popometer versagt? Bange 15 Sekunden. Aber nein. Nicht ganz einen Kilometer später hat sich der Wagen, der mich eben noch überholt hatte, gedreht und einen Schneehaufen torpediert. Ich bin erleichtert.

Halt, nein! Natürlich nicht!

Ich steige aus. Niemandem ist etwas passiert. Am Ende des Fulda-Konvois fährt ein Pickup mit, der den versenkten Sorento rausziehen wird. Jetzt bin ich erleichtert.

Wenn der Weg das Ziel ist, dann ist der verschneite Pass zwischen Whitehorse und Dawson ein sehr langes Ziel. Mit tausend Föhns in den Ohren. Der Sorento hat ein Satellitenradio, das 184 Sender bietet, die ich gegen die Lüftung antönen lassen kann. Rechnet man religiöse Prediger und politische Hetzer weg, bleiben immer noch gut hundert Sender übrig. Salsa. Country. Metal. Country. Klassik. Country. Stand-up Comedy. Sogar ein Playboy-Radio gibt es, in dem sich angebliche Pornodarstellerinnen über ihr noch angeblicheres Sexleben unterhalten und zwischendrin recht coole Lounge-Musik spielen. Und Country.

Yukon Kanada Fulda Challenge 2012 Sourtoe Cocktail Club Dawson City

Außerhalb der Windschutzscheibe zeigen sich Berge und Wälder in strahlendem Weiß. Selbst der Yukon River gönnt sich eine Pause und liegt vereist ist seinem Bett.

Fotografieren ist trotz aller Bewegungs­losig­keit ein Geduldsspiel. Es sind nur fünf Fotos am Stück möglich, danach schmerzen die Hände vor Kälte. Außerdem muss man drei Lagen Kleidung tragen. Die oberste Schicht – also Thermo-Stiefel, -Hose und -Jacke – eignet sich aber nicht zum ­Autofahren und muss vor dem Fotogra­fieren erst an-, hinterher wieder ausgezogen ­werden.

Nach etwa acht Stunden komme ich in ­Dawson an. Beeindruckende Stadt. Die ver­gan­genen hundert Jahre sind an ihr weitest­gehend spurlos vorübergegangen. Die Häuser wurden aus Brettern gezimmert. Auch das Downtown-Hotel mit seiner Bar, in der man sich einen Zeh in seinen Drink legen lassen kann. Die ­Heizungen pusten raus, was die Steckdosen hergeben.

Noch am selben Abend werden die Athleten auf die Straße geschickt. „Gold Rush Run“ nennt Fulda die Prüfung romantisch, meint damit aber, dass die Sportler bei minus fünfzig Grad etwa sieben Kilometer laufen müssen. Sieben Kilo­meter sind nicht viel. Aber minus fünfzig Grad sind erbarmungslos. Eine Temperatur, die Gestalt anzunehmen scheint. Der Atem kondensiert
und gefriert an den Wimpern zu weißen Kügelchen. Man kann mit bloßen Händen keine Türklinken anfassen. Es gewinnt Alexander Lang. Ein ­Triathlet mit zwanzig erfolgreichen Ironman-Teilnahmen. Bei den Ausdauer-Prüfungen hat man bei ihm immer das Gefühl, er hätte sich ­gerade erst warmgelaufen, wenn er ins Ziel kommt.

Derweil brummeln die Autos vor sich hin. Unter den Auspuffrohren bilden sich Eiszapfen, die bis auf den Boden wachsen. Im Schnitt wollen die Sorentos zwischen 16 und 17 Liter pro hundert Kilometer haben.

Gutes Stichwort. Essen. Als Minimum geben die Mediziner 4000 Kalorien pro Tag vor. Die ­Kanadier am Yukon sind diesem Ratschlag weit voraus. Zum Frühstück gibt es Steak mit Brat­kartoffeln, zu Mittag pizzagroße Burger, am Abend Elch-Gulasch. Vegetarier scheinen dem Tod geweiht.

Bei Start und Ziel immer dabei: Hobby-Schlagersänger und Referee Hans-Joachim Stuck. Er ließ es sich dann auch nicht verbieten, seinen Après-Ski-Hit „Pony Toni“ bei der Siegesfeier vorzutragen (siehe www.autorevue.at) – obwohl es bestimmt entsprechende Gesetze dagegen gibt.

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Die Sportler messen sich noch im Ski-Jöring (der Sportler steht auf Schi und wird vom Auto gezogen), auf einem Offroad-Parcours, im Schneeschuhlauf, Holzsägen und Seilhangeln (über einen Fluss). Am Ende gewinnt Kanada (Chantal MacKenzie und Ryan Smith). Team ­Österreich (Angie Hohenwarter und Martin Zach) landet auf Platz vier.

Der Abschiedsgruß am letzten Abend gilt Louie dem Schmuggler. Kaum ein Drink geht ohne Zeh über den Tresen. „Drink it fast, drink it slow, but your lips have to touch the toe.“

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