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Wunderwaffe Aufmerksamkeit – Wie die Brennstoffzelle davon profitiert

Woher kommen Hypes? Nützen sie oder schaden sie mehr? Was heißt das für Wasserstoff und Brennstoffzelle?

02.10.2013 Autorevue Magazin

War das ein Tamtam: Da kommt ein amerikanischer Unternehmer, schnallt seinem Auto die Batteriepacks von ein paarhundert Laptops um, baut einen Elektromotor ein und pfeift damit über die kalifornischen Highways, dass es nur so rauscht. Das Ding bekam auch gleich einen hübschen Namen, wurde nach dem großen Gegenspieler von Thomas Alva Edison benannt, nämlich Tesla, Nikola Tesla, einem der innovativsten beinahe irren Köpfe der Technikgeschichte und Begründer der modernen Wechselstrom-Elektrotechnik.

Schnell entwickelte sich ein Hype. Die Zeitungen schrieben offenbar ohne viel nachzudenken Dinge, die sie selbst auch noch glaubten. Sonst wäre es nicht möglich gewesen, dass das Elektroauto in kürzester Zeit so extrem viel Aufmerksamkeit erregt, dass nicht wenige glaubten, schon über Nacht würde es überhaupt nix anderes mehr geben.

Zurück zur Vernunftsebene

Jetzt ist das Thema wieder etwas abgekühlt und wird doch über weite Bereiche auf der Vernunftebene diskutiert. Die Mühen der Ebenen in Herstellung und Vertrieb von Elektroautos sind erreicht.

Die Frage, die sich hier stellt, ist , wie es denn überhaupt zu so einer Überhitzung einer Thematik kommen kann und ob man etwas daraus lernen kann und ob das auch einen nützlichen Effekt haben kann. Sicher ist auf jeden Fall: Solche Hypes ziehen Verlierer nach sich, Menschen und ganze Unternehmen, die nach dem raschen Aufstieg eines Themas mit demselben wirtschaftlich in die Tiefe stürzen.

Matthias Weber und Björn Budde vom Austrian Institute of Technology (AIT) haben zum Thema Technologie-Hype eine Studie veröffentlicht, die einige Fragen beantwortet. So hat das Elektroauto schon in mehreren Wellen Anläufe genommen, um unsere Aufmerksamkeit zu erregen, beginnend mit dem EV1, einem batteriebetriebenen Elektroauto von General Motors in den 90er Jahren. Damals hat das Thema kurz Wellen geschlagen, ist aber schnell wieder in der Versenkung verschwunden. Auf vorübergehend sehr hohe Resonanz ist auch das Thema Biokraftstoffe gestoßen, aber die Tank-Teller-Diskussion hat dem Biosprit gleich den Garaus gemacht und mit ihm dem Biodiesel.

Neuer Fokus Wasserstoff-Brennstoffzelle

So hat man in der Studie auf eine Thematik fokussiert, die nach wie vor schwelt, nämlich die Wasserstoff-Brennstoffzelle. Man wollte primär wissen, ob, frei interpretiert, die Zeitungen am Auf und Ab der Thematik schuld sind und hat Boulevardzeitungen, Fachzeitungen und wissenschaftliche Journals verglichen.

Sicher ist, ob Zeitungen oder Wissenschaft, sie alle haben den Hype nicht erfunden. Als Startschuss zur kompletten Überschätzung der Technologie sind zwei Aussagen zu identifizieren: Daimler-Boss Jürgen Schrempp sagte in den späten neunziger Jahren: „Today the race to develop the fuel cell car is over. Now we begin the race to lower the costs to the level of today‘s internal combustion engine. We‘ll do it by 2004.“ Etwa zur gleichen Zeit sprach Larry Burns, Vizepräsident von GM, von einer Markteinführung des Brennstoffzellenautos 2004 und einer Million verkaufter Autos bis 2010.

Innovation als hohes Risiko

Matthias Weber erklärt diese völlig unrealistischen Sprüche so: „Innovationen sind mit Ungewissheiten verschiedenster Art behaftet, es gibt keine Vorerfahrung, auf die wir zurückgreifen können. Erwartungen müssen daher als Ersatz herhalten, um unsere Suchprozesse, um unsere Forschungsagenden anzuleiten und in Bahnen zu lenken.“ Das heißt, grundsätzlich kann man Hypes als wichtigen Anschubturbo für Entwicklungen sehen, auch wenn dann alles anders kommt, vor allem über die Zeitachse betrachtet.

Bestimmte Aussagen über technologische Entwicklungen treiben Erwartungen an. Dann kommt es zum Peak of expectations, dann kommt eine herbe Enttäuschung und wenn die Idee danach nicht völlig tot ist, kommt es zu eine Wiederbelebung der Entwicklung auf einem deutlich kontrollierterem Niveau.

Hilfreiche Hypes

Hypes sind also grundsätzlich sehr hilfreich, um Entwicklungen anzustoßen, etwa auch, um das Henne-Ei-Problem zu durchbrechen. Warum Entwicklungen nach dem ersten Hype oft so unberechenbar verlaufen, liegt offenbar daran, dass man zuerst einmal nur die technologischen ja technokratischen Aspekte überblickt. Die vielfältigen Zusammenhänge in der Gesellschaft kann man nicht sofort erkennen, sie sind aber wesentlich mitentscheidend für das Gelingen einer Idee.

Ein Beispiel: Toyota konnte seine Hybridentwicklung bis zur Serienreife im Geheimen abwickeln, da Hybridantrieb autark funktioniert, man benötigte keine Mitspieler, konnte auch jedes Risiko der Blamage durch null Kommunikation bis zum Tag des Gelingens ausschalten. Die Brennstoffzelle benötigt einen eigenen Treibstoff und damit eine eigene Infrastruktur, die sich der Autohersteller nur wünschen kann. Das heißt, er muss kommunizieren. Dabei kommt es zu mehreren Aktionen, die parallel laufen: Innovation, Kommunikation, Markteinführung. Da kann sehr viel aus dem Ruder laufen und tut dies auch, vor allem in der Interaktion mit der Gesellschaft.

Erdgas als Wasserstoffbremse

Aus dieser Dynamik können wir nun folgenden Schluss ziehen: Die Wasserstoff-Brennstoffzelle hat heute wesentlich größere Chancen auf Verwirklichung in absehbarer Zeit als zur Jahrtausendwende. Damals ist im Wesentlichen der Wunsch nach emissionsfreiem Fahren im Mittelpunkt gestanden. Heute zeigen mehrere zusätzliche gesellschaftliche Herausforderungen in die gleiche Richtung, nämlich die Forderung weg vom Erdöl und der hohe Bedarf an Speichermöglichkeiten für Strom aus Wind und Sonnenkraft. Hier stellt der Wasserstoff eine attraktive Perspektive dar. Es gibt allerdings auch einen Bremsfallschirm in der Entwicklung, das sind die enormen Erdgasvorkommen als so genannte Brückentechnologie, in der wir noch für Jahrzehnte steckenbleiben können.

Und die Zeitungen, welche Rolle haben die nun gespielt? Abgekürzt gesagt: Je breiter das Zielpublikum, ums spitzer der Hype, aber selbst die nüchternsten Wissenschaftsmedien sind vor der Begeisterung für ein Thema nicht gefeit.

  • PeterF

    Donnerwetter, eine Auto-Webseite, die einen Hype um Autos öffentlich einen Hype nennt? Das an sich verdient schon Respekt!

    Vielleicht könnten Sie bei dem gegenwärtigen Hype um Brennstoffzellen und Wasserstoff noch etwas weiter recherchieren?

    Nämlich, abgesehen von Kosten und Infrastruktur für eine Wasserstoff Brennstoffzelle ist auch die Speicherung des Wasserstoffs an Bord eines Fahrzeugs zu betrachten. Und weiter abgesehen von dem etwas mulmigen Gefühl, was bei dem Wissen um einen mit 700bar geladenen Drucktank unter dem Sitz aufkommt, besteht doch die Frage, wieviel Wasserstoff – als chemisches Molekül – ich denn pro Tankvolumen speichern kann. Hier findet man erstaunt heraus, dass in einem Liter Autogas (=LPG) mehr Wasserstoff gespeichert ist, als in dem 700 bar Drucktank. Um den Wasserstoff herauszubekommen, benötigt man sogenannte Reformer. Diese gibt es – wenn auch nicht in der Qualität und den Kosten, um im Routinebetrieb eingesetzt zu werden. Aber schließlich trifft die einschränkung auch für die Brennstoffzellen selber zu.

    Man bräuchte dann keine neue Infrastruktur, denn das Autogas Netz ist schon ziemlich dicht. Das wird aber bestimmt nicht verfolgt werden, denn dann würde man zwar elektrisch fahren, aber wieder eines der „schlimmen“ Petro-Produkte einsetzen, und nicht den „guten“ aus (Wind-)Strom gewonnenen Wasserstoff.

    Übrigens, auch Methanol enthält mehr Wasserstoff pro liter – wenn auch etwas weniger als Autogas – als 700bar Wasserstoff, aber bräuchte nicht einmal einen Drucktank. Aber eine Infrasturktur.

    • Marcus

      Soweit ich gehört habe, hat beispielsweise der Mercedes B-Klasse F-Cell einen 4 kg Wasserstoff-Tank (so wie Sie sagen mit bis zu 700 bar). Mit diesen 4 kg Wasserstoff fährt man 300 bis 400 km. Mit Erdgas-Autos fährt man auch etwa 400 km, je nach System, oder?
      Die 700 bar klingen zwar viel, jeder Sporttaucher hat in seiner Pressluftflasche aber auch bis zu 300 bar. Offenbar ist das Ablassen des Wasserstoffs im Falle eines Unfalls mit weniger Risiko verbunden, als das Leckschlagen eines Benzintanks – soweit also an der Front kein Grund zur Sorge.

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