1955 Das Jahr Goggomobil T250
Das Wirtschaftswunder hat Europa erfasst.
 

1955 – Das Jahr: Wir sind wieder wer

Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann.

18.07.2011 Autorevue Magazin

1955 Das Jahr Goggomobil T250

Als Leopold Figl am 15. Mai 1955 seine berühmten Worte vom Balkon des Belvedere ruft, umreißt er in drei Worten das neue Grundgefühl einer Nation: „Österreich ist frei!“, nach 17 Jahren. Österreichs Besatzungszeit war mit Unterzeichnung des Staatsvertrages vorüber, eine Erfolgsgeschichte, die als die Zweite ­Republik in die Annalen eingehen sollte, konnte zehn Jahre nach ihrer Gründung vollends anheben. Die Erste Republik, von 1918 bis 1934 nur 16 Jahre am ­Leben, war also schnell überflügelt, in den Polster immerwährender Neutralität nach Schweizer Vorbild kuscheln wir unser Nationalbewusstsein noch heute gerne. Vorangegangen waren dem Staatsvertrag gröbere Verhandlungen mit allen Sturheiten, die der Kalte Krieg mit sich brachte, erst der Tod Stalins 1953 brachte ein wenig Erwärmung ins ­Klima. Den letzten Rest an Überzeugungsarbeit soll die österreichische Staatsführung mit den in Russland unterschätzten ­Waffen Wein und Heurigengesang errungen haben, auch an ­dieser Legende wagt heute niemand mehr zu rütteln.

Der letzte Besatzungssoldat verließ gemäß einer anderen ­Legende am 25. Oktober 1955 das Land, seither hat dieses ­wieder einen Tag mehr zum Feiern.

Weiter in Richtung Normalität bewegt sich auch die Bundes­republik Deutschland, die am 2. Jänner wieder eine eigene ­Bundeswehr aufstellen darf und formell in die NATO aufgenommen wird. Konrad Adenauer soll während seiner Verhandlungen mit Russland weniger Heurigenlieder eingesetzt haben als Österreich, dennoch vermag er die Freilassung der letzten rund 10.000 deutschen Kriegsgefangenen zu erwirken. Am 20. September wird auch die DDR von der Sowjetunion zum souveränen Staat erklärt, weit weg wird sie sich ideologisch während der ­nächsten 34 Jahre allerdings nicht bewegen. So nützt sie noch im selben Jahr erstmals die Röntgentechnik, um aus der BRD eintreffende Pakete nach staatsgefährdendem Inhalt (also nach fast allem) zu kontrollieren.

In der BRD nimmt die Lufthansa ihren Betrieb wieder auf, der erste Flug führt am 1. April von Hamburg nach München.

In Großbritannien tritt einer der bedeutendsten Politiker ab: Winston Churchill setzt sich nach zwei Schlaganfällen aus gesundheitlichen Gründen zur Ruhe, betreibt weiterhin keinen Sport und lebt noch weitere zehn Jahre.

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Die USA sind im Kalten Krieg höchst aktiv, intern wird die Protestbewegung gegen Rassendiskriminierung heftiger. Ein winziges Mosaiksteinchen auf dem Weg zu gleichen Rechten: Die Afroamerikanerin Rosa Parks wird am 1. Dezember in Montgomery, Alabama, verhaftet, weil sie sich weigert, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen zu räumen. Der folgende, von Martin Luther King organisierte Montgomery Bus Boykott gilt als einer der wesentlichen Initialzünder der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.

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Beschaulicher, weil lediglich die Abendgestaltung revolu­tionierend, sind technische Neuerungen in Österreich: Seit 1. August 1955 kann in Österreich Fernsehprogramm empfangen werden, das auch in Österreich ausgestrahlt wird. Empfangen wurde bisweilen auch schon davor was, und zwar in den Grenzregionen zu Deutschland und der Schweiz, die mit dem Fernsehprogramm früher dran waren. Wer aus Österreich ­Programm über die Grenze empfing, musste dennoch seine Rundfunkgebühr in Österreich entrichten, Schwarzseher waren durch die Antenne am Haus punziert, die Strafen (beispielsweise Beschlagnahme des Fernsehgerätes) waren heftig – immerhin kostete ein Fernseher mehrere Monatsgehälter. Am häufigsten zu sehen war das Testbild, reguläres Programm lief nur abends, FS2 kam erst Anfang der 60er Jahre.

Deutschland war ein wenig voraus, dort lief 1955 bereits die erste Folge von „Was bin ich?“ Als Moderator kam nur Robert Lembke in Frage. 

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