Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz
Wie David Staretz das Auto lernte.
 

Wie ich das Auto lernte VIII

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz Teil 8.

03.06.2013 Autorevue Magazin

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz Teil VIII

Schmerzen im Knie, die ich dem Hochwuchten von Harnstoff­säcken anlastete, trieben mich zum Arzt. Nach vierzehn Tagen Krankenstand überdachte ich meine Perspektive. In zehn Jahren, so hatte man mir bei der HIAG bedeutet, könne ich es vom „Chemie­facharbeiter“ zum Angestellten bringen: weißer Mantel mit bunten Stiften in der Brusttasche, Klemmbrett, Stoppuhr – nein danke, ich kannte sie.

Drei weitere Optionen hatte meine Karriere:
1. Lastwagenfahrer ohne Anhänger (Klasse C),
2. Traktorfahrer auf einem Gutshof oder
3. irgendwas mit Film. Oje.

Lieber besann ich mich meiner Kfz-technischen Ausbildung und besah mir österreichische Autozeitschriften am achteckigen Kiosk des Generali Centers auf der Mariahilfer Straße. Es gab: ­Austro Motor, Autorevue und den Kurier-Motorteil. Austro Motor war mir suspekt, seine trockentechnischen Abhandlungen erinnerten mich zu sehr an die Schule in Steyr.

Vom linken Knie zur Autorevue.

Aber die Kurier-Redaktion war ganz in der Nähe und ich stellte mich dort gleich vor. Günther Effenberger vom Dienst war sehr freundlich, er nahm sich Zeit für mich und erzählte in schillernden Farben, wie selten es vorkam, dass hier jemand eingestellt würde. (Ich schielte derweil ums Eck und sah Helmut Zwickl im Nebenzimmer!) Nein, man brauche gewiss niemanden, aber es mochte sein, man wisse nie, also vielleicht, man könne ja sehen – „schreim S’ amal was, vielleicht können Sie hin und wieder einen Artikel bei uns unterbringen“. Mir ging die Sonne auf. Mein bisheriger journalistischer Output betrug exakt 52 Zeilen, die ich als Schüler für die Steyrer Zeitung verfasst hatte. Was als Brandrede gegen die Zustände in Schule und Internat angelegt war, geriet mir zur knieweichen Lobhudelei. Aber ein mürrischer Lektor zählte mir fünfzig Schilling auf die Hand. Und jetzt der Kurier. Man hatte mich nicht mit dem nassen Fetzen verjagt. Ein Mann, der aussah wie der junge Handke, hatte zu mir in geradezu kollegialen Worten gesprochen.

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz

Diesen fragilen Idealzustand wollte ich nicht durch plumpe Agitation belasten. Also ging ich am nächsten Tag in den Ersten Bezirk, wo die Autorevue ihre Adresse hatte: Wien I., Graben 17. Man ließ mich sofort zu Herbert Völker vor, der einzige Name, den ich mir im Zusammenhang mit Motorberichterstattung je gemerkt hatte (außer Hans Christmann von der Kronen Zeitung, an dem ohnehin kein Vorbeikommen war). Ich sagte mein Sprüchlein vom Testassistenten auf, also gerne jemand, der mit Maßband und Stoppuhr hantieren und die Pylonen in der Reihe aufstellen würde. Herbert Völker sah mich nachdenklich an und fragte: „Können Sie schreiben?“ „Naja, in Deutsch hab ich immer einen Einser ­gehabt.“ „Darauf geben wir wenig. Aber machen Sie doch eine Probearbeit. Worüber wollen Sie schreiben?“ „Ich weiß nicht …“ „Welches Auto fahren Sie denn?“ „Einen Alfa 2000 GTV.“ „Na wunderbar, dann schreiben Sie uns doch bis nächsten Mittwoch zwei Seiten über Ihr Auto!“

Ich besorgte mir eine Reiseschreibmaschine und setzte mich in dem Zimmerchen, das wir zu dritt, manchmal auch zu fünft rund um die Uhr bewohnten, an den Tisch. Ich tippte mit engstem Zeilenabstand, drückte nach Punkt und Beistrich keine Leertaste – kurz, ich füllte das Papier mit hartnäckiger Schwärze. Als ich nicht mehr weiter wusste, setzte ich mich in das Auto und schrieb dort weiter. Das machte mir einige Freude.

Als ich zum vereinbarten Termin in der ersten Augustwoche wieder in die Redaktion kam, herrschte Hektik. Niki Lauda hatte gerade einen schweren Unfall gehabt und alles war durcheinander. „Herr Völker hat jetzt leider keine Zeit für Sie. Können Sie das ­Manuskript dalassen?“ fragte Fräulein Zeinler. „Wir rufen Sie dann an.“ Leichte Panik begann aufzusteigen. Ich hatte doch gar kein Telefon. Eigentlich nicht einmal eine Adresse in Wien. „Ich kann ja in ein paar Tagen wieder vorbeischauen“, sagte ich mutlos und ging betroppezt auf den Graben hinunter, Richtung Stephansplatz.

Vor dem Spielwaren Kober hörte ich plötzlich eine atemlose Stimme hinter mir und das charakteristische Klappern von Scholl­sandalen: „Herr Staretz! Herr Staretz! Gut, dass ich Sie noch erwischt habe. Herr Völker hat mich runtergeschickt, er will gleich mit Ihnen reden. Er hat einen kurzen Blick auf den Text gemacht und …“ Herbert Völker begrüßte mich freundlich und sagte sehr nette Dinge über meinen Text. Dann fragte er: „Haben Sie das selber geschrieben?“ Ich dachte, das müsse man dem Manuskript doch ansehen. „Warum haben Sie gewusst, dass wir jemanden ­suchen?“ Aha. Öltanker versenkt. „Allerdings, ich wüsste doch ganz gern, wie es um Ihre technischen Kenntnisse steht. Zufällig ist ­gerade unser Dr. Indra in Wien; es wäre mir recht, wenn er Sie auf Ihr Wissen abklopfte. Können Sie nächste Woche zu mir nach Mauer kommen?“ Ab jetzt waren das Befehle für mich.

Im Souterrain des Einfamilienhauses war eine Sauna eingebaut. Der Raum davor wirkte hell und gastlich; eine Schale mit Obst stand auf dem Tischchen. Die beiden Männer ruhten auf den ­Ottomanen; in ihren weißen Hotelbademänteln wirkten sie wie römische Konsuln in der Arena. In meiner Vorstellung ließen sie die Weintrauben von oben in die Münder tröpfeln.

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz

Vom linken Knie zur Autorevue

Dr. Indra hatte das scharfe Profil und wellige Haargefieder ­eines tropischen Vogels. Sein Ausdruck war stets ein leicht belustigter, doch die Fragen kamen knallhart und schneidend: „Was versteht man unter Anti-Dive?“ hackte er los. „Naja, gegen das Eintauchen beim Anfahren.“ Ich dachte unwillkürlich an unseren Honda 600 selig, der beim Lospreschen hinten hochstieg wegen des Kettenantriebs. „Naja, wenigstens Englisch versteht er. Wie funktioniert die DAF-Variomatic?“

Ich erspare uns allen die Antwort. Sie beinhaltete unter anderem den Namen Gunther Philipp, was mich fast um alle Chancen gebracht hätte. Herbert Völker wollte versöhnlich wirken und fragte: „Wie weit ist es von Wien nach München?“ Dazu muss man wissen, ich war noch nie im Ausland gewesen, außer einmal in Freilassing, was mir wie eine Weltreise vorgekommen war: „600 Kilometer …?“ „Ja, wenn Sie zurück auch wollen.“ Doc Indra war nicht ganz überzeugt: „Sie schreiben bis Montag, da können Sie nirgends nachfragen, eine Abhandlung über die Bosch-K-Jetronic. Dann sehen wir weiter.“

Jetzt zahlte sich aus, dass wir zu Hause überall deutsche Automagazine herum­liegen hatten. Schnell hatte ich das Nötige beisammen. Doch als ich montags in die Redaktion kam, wollte niemand mehr was davon lesen. Ich wurde gleich zu Norbert Orac hinaufgebeten, dem gütigen Patriarchen. (Er sah mit 39 schon aus wie später immer.) Er hatte eine jugendliche Ausstrahlung und eine Art Stimme, wie sie damals modern war – Timbre, aber frech. „Ich finde es immer gut, wenn jemand die Initiative ergreift und von selber kommt, statt sich erst suchen zu lassen.“ Bis heute denke ich so, wenn ich höre, wie in AMS-Kursen das richtige Verfassen eines Bewerbungsschreibens unterrichtet wird und man stundenlang den Bildaufbau eines einnehmenden Fotos erörtert. Warum gehen die Leute nicht einfach dorthin, wo sie hinwollen? Anklopfen genügt, meistens gibt es sogar eine Klingel.

Wir gingen gleich zur Sache. Honorarvorstellungen? Was verdienen Sie jetzt? Ich erzählte von meinem Drei-Schichten-HIAG-Gehalt, es kam mir jetzt peinlich hoch vor. „Das können wir Ihnen anfangs nicht bieten.“ Kein Problem.
„Wann können Sie anfangen?“
„Jederzeit, wann soll ich kommen?“

Mir gefiel ungemein, wie Herbert Völker das Fräulein Zeinler fragte, wann es hier denn eigentlich losginge. Sie zuckte die Schultern. Um neun? Offensichtlich war noch nie jemand so früh hier gewesen. „Wunderbar. Kommen Sie nächsten Montag nach neun Uhr!“

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  • Jens Molder

    Sehr geehrter Hr. Staretz,

    ich hoffe inständig, dass es von dieser Serie mehr Folgen geben wird als von den Simpsons.

    Beste Grüße

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