Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz über erste Dreher, Dorfdisko und Leimkochen.
Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz über erste Dreher, Dorfdisko und Leimkochen.
 

Wie ich das Auto lernte VII

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz Teil 7.

06.05.2013 Autorevue Magazin

 Autoliebe Teil VII – Erster Dreher, Dorfdisko und Leimkochen.

Es war eine übliche Abmeldung zu Hause: „Ich geh Auto fahren.“ Damit war alles klar und keine Fragen. Die Straßen im Grenzland waren appetitlich und verheißungsvoll, mit Kuppen und Senken, mit Kurven, auf die man sich schon Kilometer vorher freuen konnte, mit reichlich Schotterwegen zwischen den Gutshöfen. Aus ­Instinkt und Laune konnte man spontan einschwenken in einen Feldweg, der in die Weite führte; je schlammiger, desto besser. Das Steckenbleiben war eine angesagte Disziplin, im Niederwasser des Grenzflusses Thaya oder im Tiefschnee zwischen Blaustauden und Wulzeshofen – die Leistung bestand darin, das mit Wucht versenkte Gerät aus eigener Kraft wieder herauszubekommen, was oft Stunden beanspruchte.

Mein erstes Auto nach dem Führerschein war ein grüner Fiat 126 Motor Steyr Puch. Was also bedeutet, dass der luftgekühlte 650-ccm-Puch-Motor eingebaut war, der (im Unterschied zur schwächeren italienischen Variante mit Fiat-Zweizylinder) 25 PS leistete. Der Motor stammte aus Graz und wurde in Graz eingebaut. Äußerlich erkannte man die Ö-Version am Aufkleber „Motor Steyr Puch“ und am markanten Doppelendrohr. Dies rührte aber bloß daher, dass dem Auspuff die Ableitung der Benzin-Stand­heizung zugesellt war, die man dem Wagen aufgrund seiner system­bedingt geringen Heizleistung gegönnt hatte. Sie verbrauchte einen halben Liter Sprit pro Stunde und röchelte ganz heimelig vor sich hin.

Entdeckung der Autoliebe in zehn Teilen.

Entdeckung der Autoliebe in zehn Teilen.

Gestartet wurde via Seilzughebel zwischen den Vordersitzen, wo auch der Chokehebel stak. Unkompliziertes Auto mit erstaunlich guter Straßenlage. An Sommerabenden, wenn die Luft abkühlte, lief er besonders gut; man konnte richtig spüren, wie er tief durchatmete. Dann: Das erste Mal Schneefahrbahn! Ich war glücklich – erstmals würde ich durchdrehende Räder fühlen, ohne dabei die Kupplung mit Vollgas zu strapazieren. Ich stieg also entschieden zu Gase, doch es tat sich nichts. Erst als ich schon den gegenüberliegenden Randstein touchierte, bekam ich mit, dass ich mich in Zeitlupe quer über die abendlich leere Staatsbahnstraße gedreht hatte. Im Schein der Laterne erkannte ich das verbogene rechte Hinterrad. Eine Schule fürs Leben, könnte man sagen.

Einmal verfolgte mich der glatzerte Rudi in seinem schwarzen BMW 2002 ti, Eifersuchtsgeschichte, er wollte mich überholen und abdrängen und wegen Inge zur Rede stellen, aber im Ernstbrunner Wald war ich einfach unschlagbar, und als wir uns dann in der Disko sahen, lächelte er mir schmal zu. Später im Jahr wurden wir fast Freunde und er sagte, dass es damals seinen Ärger abgekühlt habe, mich nicht zu kriegen. Noch später wurde er richtig grün und sozialalternativ, aber das hatte eigentlich nichts mehr mit der Geschichte um Inge zu tun.

Ich hatte inzwischen einen alfaroten Alfa 2000 GT Veloce, Baujahr 1973, mit gelben Scheinwerfern und Minilite-Felgen, eines der schönsten Autos der Welt, was zugegebenermaßen richtig unfair war gegenüber, naja, gegenüber allen anderen. Aber für mich war das Auto eminent, denn genau damit bestand ich die Aufnahms­prüfung bei der Autorevue. Davon später.

Michael bekam eine Abendanstellung in einer Kuhdorf-Disko. Dorthin benötigte er ein Auto, und weil er den schönen TR4 IRS verschrottet hatte (damals half es noch, wenn man aus dem ­kippenden Auto stürzte und glimpflich abrollte), nahm er als ­Ersatz einen VW Käfer, wie er heute als „Ovali“ den Liebhabern Tränen in die Augen treibt. Dieses Auto hatte keine nennenswerte Leistung, aber eine Rolle als Gaspedal – verführerischer Gedanke. Die gefürchtete Pendelachse nahm Ralph Naders Proklamation „unsafe at any speed“ voraus. Man brauchte praktisch nur einzulenken und vom Gas zu gehen, der Rest war von hektischen ­Hantierungen bestimmt, um das Auto wieder einzukriegen.

Einmal näherten wir uns einer langgezogenen Rechtskurve unterhalb des Galgenbergs (mundartlich „Golingbier“), und als Beifahrer versuchte ich Michael gesprächsweise in eine philosophische ­Konstruktion zu verwickeln, um Tempo rauszunehmen, und er antwortete ganz ernsthaft, zog dabei aber eine Driftparabel von vollendeter Schönheit, so dass daraus tatsächlich ein erhabener Moment entstand, den ich fix eingebucht habe.

Nächstes Bild, ein paar Tage später: Ich wende meinen Lancia Fulvia (per Handbremse, anders ging das ja nicht), um zu sehen, wo Michael und Maria im Käfer hinter uns geblieben waren. Das Mädchen Anni Handschuh und ich blickten eine sanfte Grasböschung hinab, an deren Senke der Käfer auf dem Rücken lag. Maria und Michael krabbelten am ­Boden herum, um die Weihnachtsgeschenke (auch unsere) einzusammeln, die aus dem Wagen gefallen waren.

Hier: Teil sieben.

Hier: Teil sieben.

Michaels Berufsauffassung war mustergültig; als der Käfer jetzt auch unfahrbar war, schnappte er die alte Puch 250 TF, an der wir als Fingerübung herumbastelten, ohne je an ihren Einsatz zu ­glauben. Als sie wirklich einmal ansprang, waren wir zu Tode erschrocken. Er schaffte damit tatsächlich die halbe Strecke nach Guttenbrunn, aber bei Föllim versagte die Technik, und er ließ sich den Rest der nächtlichen Strecke per Abschleppseil ans Mischpult ziehen. Wahrscheinlich steht die Puch noch immer dort im ­Schuppen.

Nach dem Bundesheer, wo meine Lastwagen-plus-schwerer-Hänger-Karriere in der Kleiderkammer versandete, wusste ich mit meiner wunderbaren Kfz-Techniker-Ausbildung nichts anderes zu tun, als einem Inserat zu glauben, das mein Vater in der Zeitung fand: „Operateur gesucht. Ausbildung zum Chemiefacharbeiter. Schichtarbeit, 10.000 öS monatlich.“ Damals galt alles, was mehr als zehntausend Schilling (gefühlte 1.500 Euro) pro Monat brachte, als gut bezahlt. Das war die Schwelle zwischen Arm und Reich. Es handelte sich um eine Leimfabrikation, alles selbstverständlich hochgiftig, und bis heute (nachdem der Betrieb längst eingestellt ist) gilt dieses Gelände bis sieben Meter hinab zum Grundwasserspiegel als hoch kontaminiert. Naja, wir hatten immerhin einen Kühlschrank voller Milchpackerln zur Verfügung, als Allheilmittel gegen Umweltgifte.

Der Firmenparkplatz war bezeichnend: Loser mit Anspruch. Neben meinem roten Alfa Romeo 2000 stand der Porsche 911 T des Friseursöhnchens neben dem 72er-Buick ­Toronado (6,6-l-V8, Frontantrieb!) des Zuhälters, der sich so gern in der Guttenbrunner Dorfdisko als Märchenprinz aufspielte. (Ihm habe ich übrigens den besterzählten Burgenländerwitz zu verdanken, den mit der Motorsäge – nichts Besonderes, aber durch ­Erzählwitz und Timing ein richtiger Kracher. Ich versuche ihn in meinem Blog auf www.autorevue.at.) Hier war es ihm sichtlich peinlich, bei einer redlichen Arbeit ertappt zu werden, also erkannten wir einander stillschweigend nicht.

Meine fahrtechnische Fortbildung beschränkte sich auf ­Geschicklichkeitsübungen mit dem Gabelstapler; hatte ich gepatzt, galt es, zwanzig aus der Kurve gestürzte 40-Kilo-Säcke Harnstoff wieder aufzuschichten.

Nach zwei Monaten tat mir das linke Knie so weh, dass ich auf vierzehn Tage krankgeschrieben wurde.
Danach läutete der Wecker wieder um fünf Uhr morgens. Ich spüre jetzt noch das Gefühl im Arm, als ich ihm den finalen Schlag versetzte. Ich richtete mich im Bett auf und dachte: „Es reicht. Ich bin ein freier Mensch. Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich kann ja nur gewinnen. Und wenn alle Stricke reißen, werde ich Traktorfahrer auf dem Gutshof.“ Ich rief die HIAG an, um meine Kündigung auszusprechen.

Man war höflich (später haben sie mir sogar das Weihnachtsgeld anteilig nachgesendet, was ich sehr fair empfand). Gegen zehn Uhr vormittags fand ich mich beim Generali Center ein, das damals der place to go war auf der Mariahilfer Straße, weil es ja sonst noch keine geschlossenen öffentlichen Plätze gab. Außerdem hatten sie einen oktaederförmigen Zeitungsstand. Einmal nachschauen, was es in Österreich eigentlich für Motorjournale gibt. Vielleicht braucht jemand einen Testassistenten.

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