Wie ich das Auto lernte Grafik Thomas Kussin frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz
 

Wie ich das Auto lernte III

Frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz – Teil drei.

21.12.2012 Autorevue Magazin

In den Dorfgasthäusern hingen holzgerahmt und nach Jahrgängen gereiht die agfachromeglänzenden Stellungsfotos: In der Mitte das feiste Gesicht des Bürgermeisters, flankiert von – je nach Größe der Ortschaft – zwei bis sieben „Tauglichen“ des Jahrgangs. Ihre Einberufung zum Bundesheer bewiesen die freudig erröteten, teilweise bartflaumverschatteten Burschen durch große Strohhüte mit cowboymäßig hochgebundener Krempe. Keine Victory-Zeichen damals. Dafür hielten sie rot-weiß-rote Fähnchen ins Bild und präsentierten stolz den ersten Rausch. Dafür trank man LSD, was der modernere Ausdruck für Rotwein-Cola war.

Den Führerschein zu machen diente in der Provinz ebenso maßgeblich zur Erwachsenwerdung, allerdings betraf es auch die Mädchen – manche so hart wie die Tochter des Fleischgroßhackers von Unterstinkenbrunn, die „für die Firma“ den Lastwagen­führerschein erwerben musste, um ans rosa Papier zu kommen. In der Regel genügte es, wenn die Mädchen lediglich den Traktorschein schafften für die Wirtschaft daheim. Dafür durften sie B als Zugabe. Damals waren Inserate in Umlauf: „Autorevue. Das wichtigste Autopapier nach dem Führerschein“.

Ich war angemeldet für A und C, womit von Motorrad bis Lastwagen samt Sonderfahrzeugen alles abgedeckt sein würde. Ich freute mich auf Kran und Mähdrescher, aber die Praxis brachte lediglich einen Steyr LKW 480. Der war allerdings ein viertüriger, lichtdurchfluteter Doppelkabiner, weiß, sehr edel, mit lasierten Ladebordwänden. Drinnen residierte Fahrlehrer Jimmy, vorzugsweise auf der Rücksitzbank. Dort hinter der Zeitung versteckt, musste er nicht ständig grüßen, denn er war sehr beliebt, und die halbe Ortschaft hatte bei ihm gelernt. Zum Personal zählten noch: Die Witwe. Sie war die Eigentümerin und Grande Dame der Fahrschule, wurde erkannt und respektiert, trat aber nie direkt in ­Erscheinung.

Wie ich das Auto lernte Grafik Thomas Kussin frühmotorisierte Geschichten aus der Provinz

Der Ingenieur. Operativer Chef, Sportsakko, große Karos. Elias Canetti trifft Bürgermeister Häupl. Er war hauptsächlich für die Theorieausbildung zuständig, fuhr aber auch den Kleinbus als Vorstufe für den Lastwagen. Hatte auf leicht chaotische Weise alles unter Kontrolle, war geschätzt und beliebt. „Vergessen Sie nicht: Der Lastwagenführerschein ist gleichzeitig eine Berufsausbildung!“ Er konnte plakativ zusammenbrechen, verzweifelnd an den Fahrschüler-Interpretationen von „Halbe Sicht“.

War Jimmy für die LKW-Praxis zuständig, so hatte Fahrlehrer Siegl das Kommando über Traktor und Beiwagenmotorrad. ­Legionen verheulter Bauerntöchter zogen unter seinem von der Tweed-Schirmkappe verschatteten Blick vorbei. Beim Anhänger-Ankuppeln verstand er keinen Spaß. Das wurde stundenlang geübt. Von der zunehmenden Zahl motorradbegeisterter Mädchen hielt er wenig: Sie konnten den Starterhebel der Beiwagen-BMW nicht runterdrücken. Standen mit beiden Turnschuhen oben, nichts tat sich, sie waren einfach zu leicht.

Siegl war ein verwegener Motorradrennfahrer gewesen. Jetzt stand der gedrungene Mann mit hochgeschlagenem Anorak­kragen im Schlechtwetter (ich sehe ihn ständig von Kälte, Regen oder Schnee umgeben) auf dem Hauptplatz, die Fäuste tief in die ­Taschen gestoßen und zwischen Schimpf und Tadel auch brauchbare Sprüche absondernd: „Nur Fußballer, Polizisten und Dachdecker ham lange Haar.“ Wie kam er auf Dachdecker? Oder: „Am besten nie den Vertrauensgrundsatz anwenden. Immer davon ausgehen, dass der andere Verkehrsteilnehmer entweder besoffen, deppert, tramhappert oder sonstwie gestört ist.“ In der ersten ­Motorradstunde setzte er die Mädchen in den Beiwagen und fuhr mit ihnen im Rennstil durch die Stadt, indem er den Beiwagen in Rechtskurven über die Gehsteigkanten und Blumentröge drüberhob. Kreisch! Ab in Richtung Rübenplatz beim Bahnhof – dort konnten sie am wenigsten anrichten. Am Ende der Stunde blieb er, verdrossen wie er war, im Beiwagen sitzen, griff mit der Linken nach dem Lenker und fuhr so als sein eigener Passagier nach Hause zu seinem zerlegten 356er Porsche, den er einmal im Jahr zusammenbaute und ausführte.

Eines Novembernachmittags verschlug es mich in ein Flur­gebiet an der Grenze, das mir bisher unbekannt gewesen war. Auch der Teich war mir fremd. Eine Insel, nicht größer als fünf Meter im Durchmesser, war über einen schmalen Holzladen mit dem Festland verbunden. Im Nebel zeichnete sich Siegls Statur ab. ­Spatenweise stach er Erdreich vom Rand der Insel ab. So wird er mir in Erinnerung bleiben.

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Hauptübungsgebiet der Fahrschule und somit ein angewandt gesellschaftlicher Mittelpunkt war der Hauptplatz. Aus meinem Fenster im zweiten Stock konnte ich über den alten Flipper hinweg das Geschehen betrachten. Ich hatte den Ferialfahrkurs belegt, der nur drei Wochen dauerte. Man kannte sich. Auch drei Klosterschwestern waren in der Gruppe. Vom Erste-Hilfe-Kurs wurden sie befreit. Dafür mussten sie sich VW Käfer und Opel Kadett teilen wie alle, die lediglich den B-Schein machten. Der Käfer war unbeliebt beim Einparken.

Die Beiwagen-BMW war störrisch und kaum zu derlenken. Was Siegl nicht leiden konnte, war, wenn man das Beiwagenrad ständig in Kanaldeckel plumpsen ließ. Einmal – ich glaube, er mochte mich und ich gehörte zu den Privilegierten, die manchmal in den dritten Gang schalten durften –, einmal ließ er mich eine Strecke frei wählen. Zu spät kam ich drauf, dass ich die Route um den Burgteich gewählt hatte, die ein Sprengteppich aus Schlag­löchern war. Ich höre ihn jetzt noch fluchen.

Jimmy brachte mir Zwischengas und Zwischenkuppeln bei, wie das bei einem völlig unsynchronisierten Lastwagengetriebe angebracht ist. Manchmal, wenn ein Gang nicht reinwollte, angelte er, ohne von der Zeitung aufzublicken, mit dem Fuß vor und schob den passenden Gang per Rist ein. (Dieses geschundene Getriebe sollte ich später als Ferialpraktikant in der Autowerkstätte noch ganz genau kennenlernen.)

Für das Einparken hatten wir einen von Jimmys Tricks einstudiert: Während ich von einem festgelegten Punkt aus im Standgas nach hinten schob und dreimal rechts einschlug, würde er sich zum Fahrprüfer umwenden. „Sobald ich das tu, fängst du wie verrückt an gegenzulenken.“ Wir schafften das jedesmal präzis auf fünf Zentimeter Gehsteigabstand.

Als die Fleischhauer-Gitti bei der offiziellen Prüfungsfahrt dran war, muss sie rechts etwas übersehen haben, denn Jimmy zuckte kaum merklich zusammen. Da wusste ich: Das war sehr, sehr knapp gewesen. Hinterdrein fuhr der Motorradprüfling mit Siegl im Beiwagen. („Gas, Gas, nur net abwürgen die Maschin. Alles andere kriagt er eh net mit!“) Hin und wieder drehte sich der Prüfer um, um zu sehen, ob das Motorrad noch dran war. Als meine Fahretappe vorbei war, hieß mich der Prüfer in der Friedhofsgegend absteigen: „Wenn Sie früher beim Stadtrestaurant sind als wir mit dem Lastwagen, können Sie dort gleich Ihren Schein abholen.“ So erlief ich meinen Führerschein Klassen A, C in der Provinz des Nördlichen Weinviertels. Im Laufe dieser Wochen wurde mir klar: Jeder, der einen Führerschein machen will, bekommt ihn auch. Das hatte die Lenkerberechtigung der Tauglichkeitsprüfung voraus.

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  • franz

    lese staretz sehr gerne aber wo ist sein burgenländerwitz mit der motorsäge?

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