Leserblog
Auf der Rennstrecke muss Rutschbelag sein.
 

Wenn ihr seht…

… euch drehts. Ein Crash am Wachauring.

05.01.2011 User

Um diese Geschichte über mein Seelenleid richtig verstehen zu können müssen vorab zwei Dinge näher erklärt werden. Zum einen verstehe ich unter dem allgemeinen, sportlich ambitionierten und langjährigen Autofahrer, die natürlich mit allen Wassern des Lebens schon gewaschen wurden, nicht dich, lieber Leser und Autofreund, sondern alle anderen. Denn sich selbst auszunehmen ist wohl des Österreichers beliebteste Form auf Kritik zu reagieren.

Zum zweiten ist es wichtig zu wissen wo diese Geschichte passiert. Dieser Ort, ebenfalls mein Arbeitsplatz, ist das ÖAMTC Fahrtechnikzentrum am Wachauring. Ein langjähriger Ereignisplatz unzähliger Geschichten über Siege, Rennfahrerruhm, den benötigten „Big Balls“ sowie den gleich um die Ecke beheimateten Niederlagen und dazugehörigen Losern. Dies ist ein hartes, aber absichtlich gewähltes Wort, voller Unbarmherzigkeit gegenüber jenen, die vielleicht ebenfalls gut waren, sind oder sein werden, trotzdem aber nicht siegten, siegen oder siegen werden. Ergo reden wir also von Verlierern.

Nun lieber Leser, nach unserer gemeinsamen Definition zweier Themen, die jetzt schon ausreichen um eine abendliche Diskussion zwischen Freunden in einen Kleinkrieg zu verwandeln, möchte ich wieder auf mein Seelenleid eingehen. Regelmäßig zugefügt vom gemeinen Autofahrer. Folgendes Beispiel ist also eine immer wiederkehrende Geschichte mit verschiedenen Endergebnissen, fast wie im Film mit dem Murmeltier.

Es war einmal ein kleines aber feines Grüppchen von Liebhabern sportlicher Autos, die im oberen fünfstelligen Eurobereich (einige wenige hatten sogar schon 6er Autos) angesiedelt sind, die beschloss ihr Können, welches man sich schon seit Dekaden und zigtausenden gefahrenen Kilometern angeeignet hatte, auf der Rennstrecke endgültig zur Perfektion zu bringen.

Falls du jetzt mit zittrigen, schweißnassen Händen vor dem Bildschirm sitzt kannst du erleichtert sein. Ich werde dein peinlichstes Rennstreckenerlebnis nicht mit der Öffentlichkeit teilen. Dein Verlangen dich durch das nächste offene Fenster aus der gewaltigen und selbstmörderischen Höhe des Erdgeschosses zu stürzen ist somit unberechtigt. Keine Namen. Keine Kennzeichen. Keine Erkennungsmerkmale. Ich halte mich schon an den Feierabend-Rennfahrerkodex.

Nach Termin und Kostenvereinbarung traf dieses Grüppchen nun an einem lauen Sommerabend am Wachauring ein. In der Boxengasse wurden die Autos rennbereit gemacht (sofern man bei den unzähligen Porsche Boxster von rennbereit reden konnte) und mit den beinahe schon standardisierten großen Rennfahrerausdrücken und Kampfansagen wild um sich geschlagen. Nach kurzem Briefing und der für diese Gruppe schon fast beleidigende Frage ob man Tipps benötigt, macht man sich, gestraft von „Ich bin Pilot und fahre M3, warum also brauch ich Tipps zum Fahren auf Rennstrecken“-Blicken auf, zum Vorausauto. Die erste Runde als geführte Runde ist immer Bedingung, natürlich um die Strecke kennen zu lernen und nicht um sich und das Auto warm zu fahren, denn das braucht man in Österreich nicht. Hier wird sich der Anzug wie von Clark Cent alias Superman vom Leib gerissen und zum Vorschein kommt der Rennoveral samt Handschuhen und Helm. Ein Instant-Loeb sozusagen.

Zügig verlässt das Safety-Car, also der 90 PS Benziner, die Boxengasse, gehetzt von mehr als 2000 PS im Wert von fast einer halben Million Euro. Schaut man in den Rückspiegel werden die Reifen im Zick-Zack warm gefahren. Das muss man machen. Natürlich. Es handelt sich ja um den Reifen der Marke Chinaimport „Sport“. Feinste Forstinger-Performance um 90 Euro das Stück 17 Zöller.

Nach der vierten von acht Kurven merkt man beim Blick in den Rückspiegel, dass plötzlich nur mehr fünf statt sechs Fahrzeugen folgen. Und dann ist noch dieses nicht hörbare, aber deutlich erkennbare, schallende Lachen der anderen Fahrer. Es wird doch nicht…

Nach einer halben Stunde Bergung mit dem Frontlader, hat der Porsche nun seine yogaähnliche Übung in den Leitplanken beendet und steht vollkommen zerstört in der Boxengasse. Der dafür verantwortliche Fahrer verlässt, mit Tränen in den Augen die Kabine des Bergefahrzeugs. Man hört das Knacken des männlichen Egos wie ein lodernder Haufen harten Buchenholzes.

Mit dem Satz „Ich glaube auf der Strecke ist ein Rutschbelag!“ gräbt man sein Loch nur noch tiefer, wenn man vorher in der Einführungsrunde bei einer sich öffnenden Kurve, den Porsche seiner Freundin (ein Geschenk vom Schwiegerpapa in Spe zum Geburtstag seiner Lieblingstocher) mit einem wirklich atemberaubenden Haken über den 45° steilen Lärmschutzwall in die gegenüberliegende Leitplanke befördert. Spock würde es wohl faszinierend finden.

Neben einem guten Schlussplädoyer brauche ich noch eine Lehre, die man angeblich aus guten Geschichten ziehen kann. Somit werde ich mit den Worten des Instruktors und Drift-Altmeister Leo Geyer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: „Männer! Wenn’s ihr sehts, ihr drehts euch ein, seids Manns genug und gebts den Fuß vom Gas!“ Dann wird auch das peinlichste Erlebnis zum richtigen „Burner“ am Rennstammtisch.

Mit freundlichen Grüßen vom Wachauring
Matthias Kreutzer
Assistent des Zentrumsleiters

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  • Bulversteher

    Na das relativiert die 5 Hunderter, die ich für den Tausch des smarten Kotflügels und die Spureinstellung berappen musste nachdem ich zuletzt einen Reifenstapel geküsst hab. Und es wird endlich wieder Zeit, dass ich die Westkurve "völlig schmerzbefreit" durchbretter. Rutschbelag, ja genau.

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