Weil alles geht

Im Verlauf dieser Geschichte könnten Sie Graphiker und Hobby-Autodesigner Michael Gschwantner für einen Geek halten. Aber vielleicht besteht ja der Rest der Welt aus Nerds…

12.11.2011 Online Redaktion

Ein Dutzend Sportwagenmodelle.
Unzählige Hot-Rod-Miniaturen.
Ein Route-66-Schild.

Dass hier einer wohnt, der ein Hobby hat, ist klar. Diese Sammlung an Devo­tionalien vermittelt Besuchern den ­groben Umriss einer Leidenschaft. Der erste Blick darauf zeichnet ein Bild wie aus einem ­Malen-nach-Zahlen-Buch. Man verbindet Nummern in der richtigen Reihenfolge und bekommt ein grobschlächtiges Motiv. Erst wenn Michael Gschwantner in seinem Wohnzimmer von den einzelnen Stücken erzählt, sieht man die Ernsthaftigkeit. Die Details.

Das erste (!) Tamiya-Modell von 1976.
Die originale (!) Fernbedienung dazu.

Modellbaukästen, die er selbst (!) neu eingeschweißt hat und die er nicht der ­Autos ­wegen, sondern wegen der grafischen Gestaltung ausgesucht hat und zu nachtschlafender Zeit japanischen eBay-Händlern abluchsen musste.

Michael Leonhard Gschwantner Endora SC-1

Jetzt, wo man das Bild koloriert hat, kann man hoffen, Michael zu verstehen. Er ist Designer in Wien und entwirft Koffer, Schultaschen und Rucksäcke. Ein Job, der ihm Miete, Essen und sein Hobby bezahlt: Autodesign. Er hat den Endora SC-1 entworfen. Einen Sportwagen auf Basis der Corvette. Gleiche Technik, neue Hülle. Weil das aber quasi jeder talentierte ­De­signer könnte, wenn er wollte, will er sich abheben, indem er sein Auto in Kleinserie bauen lässt. Schritt eins wäre ein Prototyp. Der kostet rund 200.000 Euro, haben er und sein Partner Björn Marek aus Deutschland kalkuliert und sich auch gleich auf Sponsorsuche begeben. Das klingt, mit Verlaub, naiv. Warum sollte das Ding fahren? Warum sollte General ­Motors die ­Erlaubnis geben? Warum sollte jemand investieren, wenn er Gefahr läuft, sein Geld nie wieder zu sehen? Das sind die falschen Fragen. Die zu Michael passende wäre: „Warum nicht?“

Michael Gschwantner wurde 1977 in Yspertal bei Melk geboren. Im Alter von 20 hat er angefangen Autos zu zeichnen. Mit Stift und Airbrush. Darin war er so gut, dass schon Ende 1998 ein Artikel über ihn in der Autorevue erschien. Es folgte ein Design-Wettbewerb von Peugeot, bei dem er unter den ersten zehn landete, 2001 stellte er seine Arbeiten auf der Interna­tionalen Airbrush Show in Mailand aus.

Viel wichtiger aber ist, dass er die amerikanische Hot-Rod-Szene für sich entdeckte und durch seine Entwürfe internationale Nischenmagazine, die sich auf diesem Terrain bewegen, auf ihn aufmerksam wurden. Ab sofort nennt er sich deswegen ­Michael Leonhard. Er funktioniert seinen zweiten Vornamen einfach zum Nach­namen um. Die Amerikaner tun sich schwer, Gschwantner auszusprechen, zu schreiben und deswegen zu beachten.

Als Dodge 2005 seinen neuen Charger vorstellte, platzte dem neuen Mr. Leonhard der Kragen. Das Ding ist ein Krapfen. Bitte, man muss ja nicht gleich das Original wiederbeleben. Alte Autos sterben ohnehin länger, als sie leben, und wer einen ­alten will, soll sich einen alten kaufen. Aber dieses Ding? Vier Türen. Eine 08/15-Heckpartie … Michael entwarf ein eigenes ­Modell. In Amerika schaffte es seine Zeichnung auf das Cover des „Mopar Enthusiast Magazine“. Eine der Szene-Bibeln in den USA. Und auch wenn weder Michael noch Dodge es zugeben würden: Das Modelljahr 2011 des Charger sieht an vielen Stellen wie eine Umsetzung seines Entwurfes aus. Die Heckpartie und die seitliche Sicke, zwei Reminiszenzen an das Original, wurden praktisch eins zu eins übernommen. Vielleicht ist es auch nur ein Zufall. Der Aufschrei unter den Fans war damals entsprechend laut, und die Designbögen, die Michael in die Vergangenheit spannte, recht nahe liegend.

Wenn ein Hobby aber derart hürdenfrei zu einer Karriere wird, gerät man leicht ins Träumen. Weswegen es seinen neuesten Entwurf gibt, den Endora SC-1. Ein Auto, das von vorne bis hinten eine einzige ­Liebeserklärung an die amerikanischen ­Muscle-Cars der 1960er und 70er ist. Kräftige, lang gestreckte Front, wuchtiges, breites Heck, halb verdeckte hintere Räder.

Michael Leonhard Gschwantner Endora SC-1

Ob es in der Realität funktioniert, sei dahingestellt. Beim Entwurf könnte man daran zweifeln, ob hinter den verdeckten Radhäusern überhaupt Platz ist für die ­Räder. Und auch von dem Designschmäh, dass ein Auto nur aus einer rundum durchgezogenen Linie besteht, haben sich die großen Autofirmen inklusive den Träumern von Hot-Wheels ja nicht zu Unrecht verabschiedet. Solche Fahrzeuge sehen immer aus wie aus zwei Teilen zusammen­geklebt. Aber bisher blieb der harte Check gegen die Bande der Wirklichkeit aus. Deswegen sagt Michael auch: „Wir machen das, weil alles geht.“

Ein Ansatz, der in den Heydays des ­Automobils funktionierte. Erich Bitter ist mit dieser Handshake-Philosophie groß geworden. Günther Ledl hat es auch mit Pioniergeist versucht. Wer? Eben.

Genau genommen haben Leute wie ­Michael Leonhard Gschwantner recht. Eigentlich sollte es so funktionieren. Dem Straßenbild täte es gut, hätten nicht die Buchhalter, sondern die Enthusiasten das Sagen. Blauäugig formuliert. Für das Duo Leonhard/Marek spricht auch, dass sie In­sider der angepeilten Szene sind. Und die besteht aus einem Publikum, bei dem das Geld mitunter locker sitzt. Für ein Auto, das kaum unter 150.000 Euro zu haben sein dürfte, vielleicht der wichtigste Aspekt.

Außerdem könnten die Fans, so alles nach Plan läuft, auf bewährte Technik setzen. Die der Corvette, der nur ein neues Kleid übergestülpt wird. Der amerikanische Renner ist tausendfach bewährt, bietet ein weit gespreiztes Motorenprogramm, jedes einzelne Bauteil ist leicht beschaff­bare Massenware, Reparaturen könnten GM-Werkstätten übernehmen … und und und. Alles Punkte, die ein Erich Bitter beispielsweise erst sehr spät beachtete.

Diesem Servicegedanken fiel dann auch der erste Entwurf des Endora SC-1 zum Opfer. Er sah ein weit nach hinten gezogenes Panoramaglasdach vor. Ein fesches Optik-Gadget, das bei der Genehmigung und den Sicherheitsabnahmen große Schwierigkeiten gemacht hätte. Erste ­Zugeständnisse an die Wirklichkeit des Automobilbaus.

Eine Welt, die zumindest im Moment noch zu groß für sein Wohnzimmer ist und deswegen nur partiell Einzug hält.

Ein Evel-Knievel-Helm.
Eine Cruising-Songs-CD-Sammlung.
To be continued.

Zur Person:

Michael Leonhard Gschwantner ­wurde 1977 in Yspertal bei Melk ­geboren. Dem Studium der Handelswissenschaften in Wien folgte ein Besuch der Wiener Kunstschule und des New ­Design Center in St. Pölten, ­beides im Bereich ­„Graphic ­Design“. Nachdem das ­Tuningmagazin „Chrom & Flammen“ auf ihn aufmerksam wurde, ­folgten auch einige Arbeiten für Magazine in halb Europa und in den USA.

Nähere Infos:
www.michael-leonhard.com
www.endora-cars.com
Youtube: leonharddesign

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