Was ist da passiert?

Ein Wahnsinniger stellt Thomas Glavinic unaufgefordert einen Rolls-Royce Phantom vor die Tür. Vier Tage später gibt er ihn zurück. Protokoll einer Persönlichkeitsbildung.

01.12.2009 Autorevue Magazin

Freitag
Erwache mit Kopfschmerzen. Kam gegen 4 Uhr früh ins Bett. Meine Freundin und ich hatten Streit, es ging um die Erziehung unserer Tochter und die Frage, ob eine Zweijährige bereits einen eigenen CD-Player braucht. Danach Versöhnung mit einer ­halben Flasche Jameson, meine Streits mit Becks sind nie von Dauer. Eigentlich heißt sie Rebecca, sie ist Engländerin. Wenn sie sich im Café vorstellt, setzt es verhaltenes Gelächter, und auch ich habe mich an diese spekulative Kurzform ihres Namens nur langsam gewöhnen können.

Im Halbkoma schleppe ich mich durch den Vormittag. Ich versuche, an meinem Roman zu arbeiten, aber es gibt eine Grenze der Beeinträchtigung, die der Arbeit an einem Text noch gut tut, und die habe ich heute erreicht. Zwischendurch kommen Anrufe von meinem Verlag, von Freunden. Eine Zeitung fragt, ob ich etwas zum Thema Vaterschaft zu sagen habe. Ich lache mit Grabesstimme und sage nein. Der nächste Anruf. Ein Mann.

„Herr Glavinic, wann dürfen wir den Rolls vorbeibringen?“

Wenn man verkatert ist und ohnedies schon das Gefühl hat, das eigene Leben entgleitet einem so halb und halb, erscheinen einem auch geringere Seltsamkeiten bereits bizarr, und ich bin eine Sekunde versucht zu fragen, ob er sich nicht verwählt hat. Aber da er meinen Namen genannt hat, wird er schon wissen, mit wem er reden will, bloß ist er offenbar neben der Spur, und deshalb fällt mir nicht mehr ein als:

„Soso!“
„Heute um vier wäre möglich.“

Thomas Glavinic Rolls Royce Phantom Exterieur

In dem Ausmaß, in dem mir zunehmend klarer wird, dass der Mann es eventuell wirklich ernst meint, erwacht auch mein Interesse. Ich bin zwar kein Autoliebhaber, für mich sind Autos Fortbewegungsmittel, und dass andere mit ihnen Spaß haben, kann ich nur schwer nachvollziehen. Einschränkend muss ich hinzufügen, ich verstehe, dass andere beim Schnellfahren Spaß haben, Geschwindigkeit macht mir überall Spaß, auf dem ­Motorrad, im Auto oder auch auf der Skipiste. Aber viel Geld auszugeben, um so ein Gerät in der Garage herumstehen zu ­haben? Wozu? Ich reise gern, ich lebe gern in anderen Ländern, ich brauche dafür mein Geld, ich möchte es nicht auf der Straße herumstehen lassen.

Allerdings: Wenn mir ein Wahnsinniger einen Rolls bringen will, warum soll ich es ihm ausreden? Warum soll ich ihm nicht seinen Willen lassen und warten, was geschieht? Ich kenne so viele Narren, alles ist möglich. Mir hat jemand spontan eine ­Videokamera geschenkt, ein Besucher einer Lesung hat mir das angeboten, was angeblich die Eskimos einem Gast anbieten, und eines Abends fand ich mich in einem Club in Istanbul wieder, nachdem ich am Morgen in Wien im festen Glauben gefrühstückt hatte, den Tag ganz normal im Bett zu verbringen. Also: Vielleicht ist es mir beschieden, heute Rolls zu fahren. Und ­deshalb sage ich:

„Um vier passt es mir ausgezeichnet.“

Er nennt meine Adresse und fragt, ob sie noch stimmt. Sie stimmt. Ich wundere mich immer mehr.
Zehn Minuten nachdem ich aufgelegt habe, sitze ich blass und verschwitzt und mit erhöhtem Puls am Computer. Ich habe den Fehler begangen, mir im Internet die technischen Daten des Autos anzusehen, das mir um vier angeblich geliefert wird ­(warum nur, warum?). Ich starre auf den Bildschirm. 5,83 Meter Länge? 2,5 Tonnen Gewicht? Wie soll dieses Gefährt denn durch meine enge Straße im vierten Wiener Bezirk passen? Sechs ­Meter, geht es mir durch den Kopf, sechs Meter, zweieinhalb Tonnen, Automatikgetriebe (noch nie mit so was gefahren), ich muss jetzt also bis vier Uhr auf Airbus umlernen? Und was heißt 400.000 Euro aufwärts, es ist doch nicht möglich, dass man mir in zwei Stunden ein Auto vor die Tür stellt, das mehr gekostet hat als meine Wohnung? Ich soll ein Auto fahren, das an die sechs Millionen Schilling kostet?

Ich erlebe zwei harte Stunden. Sie sind geprägt von Sorgen und Telefonaten. Die Hauptsorge: Kann man, wenn man ver­katert ist, gute Erfahrungen mit unbekannten Fortbewegungsmitteln machen? Wie verkatert darf man sein, um wirklich nur verkatert zu sein und nicht etwa noch immer betrunken, was sich bei einer Verkehrskontrolle ja nachteilig auswirken könnte? Und: Selbst wenn dieser Wagen, den ich (angeblich) in zwei Stunden bekomme, vollkaskoversichert ist, zahlt eine Versicherung den aus einem Unfall resultierenden Schaden, für den ein überforderter Betrunkener verantwortlich ist? Oder werde ich die Wohnung verkaufen müssen?

Der Tenor aller Telefonate ist niederschmetternd. Erstens weiß niemand etwas über Automatikschaltungen. Zweitens ­sagen alle, das sei ein unglaubliches Auto, das sie einem Trottel wie mir nicht in die Hand geben würden. Drittens sagen alle, dass sie sich selber nicht damit zu fahren trauen würden. Und viertens glaubt mir kein Mensch. 

Um vier Uhr rollt ein blitzendes Ungeheuer durch meine Gasse. Die Menschen auf dem Gehsteig bleiben stehen und schauen. Ich muss schlucken. Ich schiebe mir einen Kaugummi in den Mund, um den Geruch des Beruhigungsbiers, das ich mir trotz gewisser Bedenken noch gegönnt habe, zu verschleiern. Eine Frau sitzt am Steuer, sie laviert das Schiff gekonnt in eine Parklücke, in die ich nie hineingekommen wäre und aus der ich nie hinauskäme. In dem Moment, in dem mir klar wird, dass es vielleicht doch ich bin, der den Wagen aus der Lücke fahren soll, steigt die Frau aus, und um die Sache abzurunden ist sie auch noch auf eine indifferente Art attraktiv, sie trägt einen dunklen Rock und eine Lederjacke. Ich kann sie nur schwer einordnen, so jemanden habe ich noch nie gesehen.

Wir geben uns die Hand. Sie lächelt mich an, sie spürt meine Unsicherheit. Aber sie ist nett und gibt sich Mühe, mir darüber hinwegzuhelfen. Vom Beifahrersitz aus erklärt sie mir die Armaturen, die Extras, die Schaltung, einfach alles, was ich nicht weiß (und das ist buchstäblich alles, was dieses Auto betrifft), bis hin zum Anlasser, während rings um uns eine kleine Menschen­traube anwächst und mir das Gefühl gibt, vor einer Prüfung zu stehen.

Thomas Glavinic Rolls Royce Phantom Exterieur

Gerade das stachelt meinen Ehrgeiz wieder an. Freundchen, sage ich mir, das ist nur ein Auto. Immerhin war ich einmal ­Taxifahrer, und wer das aushält, wird ja wohl auch an diesem Koloss nicht scheitern.

„Am Montag hätten wir den Wagen gern wieder“, sagt Frau Claudia. „Ich hole ihn hier ab.“
„Aber sicher.“ (Wer ist wir?) Ich stelle dazu keine Fragen, denn wenn sie cool ist, bin ichs auch. (Wer um alles in der Welt ist wir?) „Darf ich Sie noch irgendwo absetzen?“
„An der Wienzeile, wenns recht ist.“

Ich zittere mich aus der Parklücke. Die Automatikschaltung ist kein Problem. Im Gegenteil, das macht Spaß, ich bin ja von Natur aus faulenzerisch. Ich merke schon auf dem ersten Kilometer, wie leicht sich der Wagen trotz seiner sechs Meter fährt. Und ebenso merke ich etwas an mir, was ich zuvor nicht wusste: dass es mir Spaß macht, wenn die Leute das angaffen, was sie für mein Auto halten. Im Übrigen halte ich es selbst schon nach einem Kilometer für mein Auto. Das ist sofort mein Auto. Das ist meines. Es ist unglaublich. Dieses Schlachtschiff, dessen Motor man weder draußen noch drinnen hört, ist wie für mich gemacht.

Claudia wünscht mir viel Spaß. Als sie aussteigt, will ich doch noch fragen, was es mit diesem Wagen (und ihr) auf sich hat, aber sie winkt nur kurz und ist weg, ehe ich den Mund aufgebracht habe. Vielleicht besser so. Ich schwebe zurück nach Hause, nehme Becks auf, dann holen wir Freunde ab und machen eine Runde über die Ringstraße. Die Leute schauen. Gabi hinter mir winkt aus dem Fenster. Manche winken zurück. Es staut sich, aber zum ersten Mal stört mich das nicht, ich habe Zeit. Ob ich mit diesem Wagen stehe oder fahre, kümmert mich nahezu nicht, denn schon darin zu sitzen ist ein subtil entspannendes Gefühl.

Am Schottenring kommt ein Kleinwagen mit drei jungen Frauen neben uns zu stehen. Die Beifahrerin und ich haben kurz Blickkontakt. Sie sagt etwas zu den anderen Frauen. Becks macht einen Scherz, wir lachen, es wird grün, ich biege in den Franz-Josefs-Kai ein. Eigentlich ist klar, wie die Spuren verlaufen, aber die Damen neben mir kapieren es nicht, sie schneiden mich so brutal, dass es beinahe kracht, ich muss voll auf die Bremse ­steigen. Ich habe das Gefühl, sie hätten die Verkehrssituation besser verstanden, hätte ich in einem Fiat Uno gesessen. Sonderbar. Offenbar wird man als Rolls-Besitzer oft mit den Sozial­komplexen seiner Mitmenschen konfrontiert.

Wir machen die Runde um den Ring fertig. Ich stelle den ­Wagen vor der Tür ab. Beim rückwärts Einparken hilft mir eine Kamera, die mir das, was sich hinter mir abspielt, auf einem ­Monitor zeigt. Ich fahre K.I.T.T. Kann das Schiff auch sprechen? Ich will es gar nicht herausfinden, diese Entdeckung könnte mich überfordern.

Samstag
Um sechs Uhr früh läutet der Wecker. Ich gehe ins Bad, mache mich fertig, schnappe meinen gepackten Handkoffer und ziehe die Tür leise zu, ohne Becks und die Kleine zu wecken. Ich muss zum Flughafen, ich habe eine Lesung in Zürich.

Ich fahre mit einem Rolls-Royce Phantom, der auf rätselhafte Weise vorübergehend in meinen Besitz geraten ist, nach Schwechat. Auf der Autobahn habe ich leider einen Anfall und muss das Gaspedal durchdrücken. Ich bekomme Gelegenheit festzustellen, dass sich 200 km/h in diesem Wagen so anfühlen wie 140 in meinem Scénic. Die Freude währt nur kurz, ich muss ­runter von der Autobahn, um mich der interessanten Heraus­forderung zu stellen, ein 6-Meter-Auto in den sechsten Stock einer Parkgarage hinaufzuwinden. Ich habe den Eindruck, ich mache meine ­Sache ausgezeichnet, und staune sehr darüber, dass sich hinter mir eine von Stockwerk zu Stockwerk anwachsende, hupende Kolonne gebildet hat.

In ein Flugzeug steige ich mit gemischten Gefühlen. Normalerweise nehme ich deswegen eine Tablette. An diesem Tag nicht, weil ich mit meinem Freund Andreas fliege, der Pilot bei ­Austrian ist und den Ehrgeiz entwickelt hat, meine Flugangst zu bekämpfen, indem er mich vorne mitfliegen lässt. Mit ihm habe ich wirklich keine Angst vor Abstürzen, Hijackern, Explosionen oder auch nur unerklärlichen Geräuschen. Es wird ein gemütlicher Flug im A320-Cockpit. Die meiste Zeit über das Thema: der Rolls. Andreas und sein deutscher Co Randolf wollen alles über ihn wissen. Erst während des Landeanflugs habe ich Gelegenheit, mich ein wenig darüber zu wundern, was hier vorgeht: Da sitzen vor mir zwei Linienmaschinenpiloten und reden über mein Auto.

Am Nachmittag starre ich auf mein Handy und frage mich, wo die SMS bleibt, die mich über den Haftbefehl gegen mich ­informiert, weil ich mit Hehlerware umherfahre.

Die Lesung läuft nicht anders ab als sonst, ich erlebe nur hinterher einige irritierte Blicke, als ich den Rolls-Schlüssel neben mein Buch lege. Natürlich glaubt mir zunächst wieder keiner, dass das keine Attrappe ist. Nach einer Weile sind die meisten Skeptiker überzeugt, allerdings nur so lange, bis ich arglos er­wähne, im Cockpit eines A320 nach Zürich geflogen zu sein.

Sonntag
Andreas ist so lieb, mich in Zürich abzuholen. In der Zwischenzeit hat er allerhand Erkundigungen über den Phantom eingeholt und weiß zu berichten, dass die Queen dieses Auto fährt. In mir tauchen Phantasiebilder einer kleinen alten Frau auf, die am Steuer dieses Monstrums sitzt. Der Flug ist so ruhig wie der am Vortag, zu Mittag bin ich in Wien, Becks holt mich mit der ­Kleinen ab, den Kindersitz hat sie mitgebracht.

Ich ringle mich wieder aus der Parkgarage. Wir nehmen die A4 und fahren Richtung Neusiedler See. Wenn vor mir Klein­wagen wie 7er-BMW auftauchen, machen sie gleich Platz, sie scheinen zu wissen, was sich gehört (als ich das denke, merke ich schamvoll, wie schnell der Wagen, in dem man sitzt, das ­Bewusstsein verändern kann).

Wir stellen den Wagen auf dem Parkplatz ab und gehen zur Mole West. Kaffee an der Bar, kurzer Spaziergang. Wir finden das Auto umringt von Menschen, die es anstarren, manche fotografieren es mit dem Handy. Als sie merken, dass es uns gehört (korrekt: dass ich den Schlüssel dazu habe), machen sie Platz und werfen uns scheue Blicke zu. Ich fühle mich von mir selbst spontan angeekelt, weil mir diese Blicke solchen Spaß machen. Das ist ein Test, geht mir durch den Kopf, dieses Auto ist irgendeine Versuchung.

Mir fällt ein, dass ich eine Lesung im Taubenkobel halten soll und mit den Eselböcks noch nicht im Detail darüber geredet habe. Zwanzig Minuten später sind wir in Schützen am Gebirge. Walter Eselböck macht uns Schnitzel und geht sich den Rolls ­anschauen, während wir essen. Die Einzelheiten zur Veranstaltung werden geklärt, dann fahren wir in meinem Rolls wieder Richtung Autobahn.

Auf der A4 fällt mir der Ärger ein, den ich empfinde, wenn ich wieder einmal in der Zeitung von einem Raser lese, der mit 211 km/h auf der Westautobahn erwischt worden ist. Der asoziale Mistkerl, so denke ich stets, soll seinen Führerschein ­abgeben und Unsummen an Bußgeld zahlen. Und nun betrachtet der Mann, der gewöhnlich solche Wünsche hegt, versonnen seinen Tachometer, der irgendwo jenseits der 220 steht, und empfindet nicht das leiseste Gefühl von Schuld.

Vor meinem Haus finde ich eine Parklücke, die groß genug ist, um einen Lkw abzustellen. Es geht sich irgendwie aus. Ich setze mich auf den Balkon und beobachte den verhaltensauffälligen Nachbarn, der üblicherweise das dickste Auto in der Gasse fährt und jetzt im Stechschritt auf der Straße auf und ab marschiert, wobei er in sein Telefon schreit: „So eine Frechheit! Ein Auto, das zwei Parkplätze braucht! Ein Witz! Wem gehört der Wagen? Das musst du dir ansehen!“ usw.

In der Nacht stehe ich auf und schaue nach, ob der Rolls noch da ist.

Montag
Der Rolls ist noch da. Und eine SMS: „Bin um elf bei Ihnen. CT“
Es ist halb elf. Es regnet. Ich setze mich in den Wagen. Zehn vor elf wird die Beifahrertür geöffnet, Claudia setzt sich neben mich.

„Und, Spaß gehabt?“
„Tja.“
„Wollen Sie ihn kaufen?“
„Wollen Sie ihn verkaufen?“
„War nur so eine Frage.“

Und ich, ich frage gar nichts. Steige aus, sehe zu, wie sie sich ans Steuer setzt, mir zunickt und losfährt. Ich gehe nach oben, mache mir Kaffee, lese am PC die Nachrichten, stelle mich auf den Balkon und betrachte die Parklücke, in der das Monster stand. Wieso? Was war das? Was ist da passiert?

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  • Jo eh. Leider haben wir nicht die (Wo)Man-Power, um die Autorevue fürs Web nochmal neu zu schreiben. Deswegen gehen wir einfach in die Breite. Meist sind einem die älteren Geschichten ja auch schon wieder aus dem Gedächtnis gerutscht.

  • stq66

    Hab die schon in der AR damals gelesen. Trotzdem immer wieder ein feines Stück Literatur.

  • GENIALE Story!!!!! *_*

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