Renault Grand Espace Interieur
 

Was für ein Jahr

Der Wetterwahnsinn von Wolfgang Paris. Mit einer Brise Nostalgie.

16.09.2011 User

Von Frühlingsgefühlen einmal abgesehen, die haben wir Offenverliebten doch ständig, erschien der Himmel heuer die meiste Zeit wie auf einem alten Schwarz/Weiß-Fernseher betrachtet, nämlich grau in grau. Ich möchte hier keineswegs schwarz malen, doch können drei Wochen verirrte Subtropen im Juli nicht darüber hinwegtäuschen, dass es den Sommer wie damals nicht mehr gibt. Laue Frühlingslüfterl die in warme Vorsommermonate übergehen und schließlich in DEM Sommermonat August münden sind passé. Heute musst du die Eier nach dem Osternestsuchen vernichten, aufgrund der bereits (kurz) heißen Temperaturen, der Mai macht auf Juli anno 1985 und der August hat sich längst den braunen Lodenmantel übergezogen. Wer meint, ich reagiere jetzt überzogen ist noch zu jung oder vergesslich – quod erat demonstrandum!

Rückblick:

Homebase St.Pölten, Juli 1984, Golf I Cabrio, weiß, die schicke Don Johnson Fönmatte, gemescht, ein naturfarbenes Leinensakko zu ausgewaschenen Jeans mit breiter weißer Seitennaht und Adidas Jogging High II und die unentbehrliche Porschedesign-Sonnenbrillen, und das zwei Jahre bevor wir je von Miami Vice gehört und den Ferrari 365 GTS/4 Daytona Spider gesehen haben.

Cool wie Fedrizzieis (Nino und sein Delta Integrale II leben hoch), standen wir alle auf die Stimme der süßen Blonden aus der Graniniwerbung, war sie doch niemand geringerer als Popsternchen Simone – so ändern sich die Zeiten und die Idole. Udo Huber kam zweimal jährlich in die Fabrik nach Unterradlberg und mit ihm halb Europa, schließlich war dies eine der modernsten und größten Discotheken seinerzeit.

Anschließend um halb zwei in der Früh mit der beketteten Braut (tja, damals trug man die Piercings noch außen am Gewand) nach Wien, U4, anschließend Höhenstraße, Kobenzlparkplatz Sonnenaufgangsschmusen (Eis am Stiel war damals mehr verpönt als heute Clara Morgane) und anschließend über Klo´burg und Judenau (Baby´O!!) durchs Tullnerfeld heim, immer der Nase nach (war zu Glanzstoffaktivzeiten auch nicht schwierig – ab Michelhausen hattest du bei Inversionswetterlage den Schwefel omnipräsent in der Nase; in Zeiten der Inquisition wäre jeder St.Pöltner nur aus olfaktorischen Verdachtsmomenten schon am Scheiterhaufen gelandet), Braut am elterlichen Bauernhof (wie peinlich unpeinlich damals) abgeliefert und heimgefahren, weil Frühstücken am Sonntagmorgen sollte in St. Pölten noch 15 weitere Jahre unmöglich bleiben, außer man wollte den Sonntagsmessengehern beim Fröstl in der Wienerstraße begegnen – die unbedeutenden, aber wichtigen Geschäftsleute waren damals noch katholisch! Mittags ins Freibad, davor ganz wichtig dreimal bei Feh´ auf- und abgefahren, um anschließend nach einem Azzuro/Pistanzienbecher mit den Freunden in einen neuen Loop zu fallen (siehe Fabrik etc.)

Aber jetzt kommt die Conclusio: Von Anfang Juni bis Anfang September war wettertechnisch Sommer, nicht nur in der Erinnerung. Dämmert es Ihnen auch schön langsam, dass sich das Wetter schön langsam verändert hat.

Heute ist die scheußliche Jahreszeit omnipräsent und treibt die Entwickler der Autokonzerne zu aberwitzigen Erfindungen, wie etwa den Airscarf im SLK und SL, seines Zeichen Mercedes´ Antwort auf die globale Erwärmung, die perverser Weise eher der neuen Eiszeit anmutet.

Alljahrescabrios haben immer Saison, vom eben erst überarbeiteten Smart fortwo Cabrio (böse Zungen behaupten, dies sei der Graf Carello für Yuppies) für knapp € 15.000,– bis hin zum Maybach 62 Landaulet, der mit über € 900.000,– den Gegenwert von 60 Smarts darstellt. Nun gut, ich gebe zu, die beiden stellen die krassesten Enden der Angebotspalette dar, interessanter Weise beide aus demselben Konzern, doch gibt es in unserer bequemen Alltagswelt kaum mehr Cabrios, die den Roadstergedanken so konsequent durchziehen, wie es uns die Engländer in den 60ern des vergangenen Jahrhunderts vorgemacht haben. Das ist einerseits schade, da es viel Ursprüngliches verwässert, andererseits trägt es den Gedanken des Offenfahrens auch an eine breitere Schicht weiter. Wie dem auch sei, die weisesten Worte in der heutigen Zeit sollen die meiner Urgroßmutter sein, die damals schon meinte: Das Wetter macht man sich im Herzen.

Ich begebe mich nun auf Ausfahrt mit meinem Renault Grand Espace! Das riesige Glasschiebedach eröffnet mir mehr Himmel als so manches Cabrio und wenn ich die hinteren Sitze mit einfachsten Handgriffen ausgebaut und die Bestuhlung nur mehr auf die erste Reihe reduziert habe, so fahre ich den am meisten unterschätzten Roadster (offener 2-Sitzer), denn meiner hat sogar noch eine Liegefläche mit Sternderlgucker-garantie serienmäßig!

Buenos Dias, Buenos Aires!

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    So einen Panorama-Espace hab ich mir auch einmal zugelegt, um mir das offene Zweitauto zu ersparen.
    Leider Fehlanzeige: Der Espace ist in vielerlei Hinsicht ein ganz tolles Auto, nur eines ist er sicher nicht: Ein brauchbarer Cabrioersatz.

    Jetzt bin ich bei einem Allwettercabrio (Saab) gelandet und eigentlich ganz zufrieden, wenn da nicht das unnötig sportliche Fahrwerk wäre.
    Witzig aber, daß man offensichtlich auch am anderen Ende der Bedürfnisskala wahre Werte vermisst.
    Für wen produziert die Autoindustrie eigentlich???

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