Testbericht: VW Golf 2,0 TDI Highline DSG

Das Urmeter seiner eigenen Klasse taugt durchaus als Urmeter des Alltags, man muss nur ein bisserl investieren, am Anfang. Bilanz eines gemeinsamen Jahres ohne Tadel.

01.02.2010 Autorevue Magazin

Der Kaufpreis eines ­Autos ist nach einem Jahr schon ein wenig trüb geworden in der Erinnerung, könnte man meinen. Stimmt meistens, außer, man verkauft sein Auto wieder – oder kiefelt noch immer an den Ratenzahlungen, weil man sich ein bisserl verschätzt hat beim Ankreuzeln von Motorisierung, Ausstattungslinie oder Extras.
Im Fall unseres Dauertest-Golf könnte man auf grobes Verschätzen tippen, dabei ­haben wir einfach offensiv ­gewählt, bis 38.631 Euro ­beisammen waren auf der Rechnung und beispielsweise DSG, adaptive Dämpfung, CD-Wechsler, Parkpilot und Touchscreen-Naviga­tion drin im Dauertest-Golf. ­Kosten
der Extras alleine: 9.064 Euro. So waren wir zwar in einem Durchschnittsgolf unterwegs, der fühlte sich aber eher nach Premium als nach Durchschnitt an, was auch an der Farbwahl lag: Blau rangiert ­bei Golffahrern beinahe schon unter extravagant und kostet den gleichen Aufpreis (475 Euro) wie all die beliebten Silber- und Anthrazit-Töne.
Kurzfassung des Geschehenen: Es war kein aufregendes, sondern ein angenehmes Jahr; ein Jahr der Gelassenheit, auch wenn wir manchmal flinker unterwegs waren; ein Jahr des Daheimseins, auch wenn das Ziel weit weg lag. Was wir (also die meisten von uns) dem Golf nämlich mittlerweile hoch anrechnen, ist seine Beharrlichkeit, Modeströmungen durch Aussitzen rechts zu überholen. Derzeit wird die Kompaktklasse durch Designer, die lieber Coupés entwerfen würden, flachgedrückt, ­womit das Dach Frisuren ­devastiert und die Scheiben zu Schießscharten schrumpfen. Der Golf hingegen empfängt seine Passagiere aufrecht und luftig, da drückt nix, es zwickt nix. Er biegt allerdings auch nicht
so sportlich ums Eck wie ­beispielsweise der Renault ­Mégane oder der neue Opel Astra, was dem Golffahrer an sich eher wurscht sein wird.
Ist ihm dann auch noch egal, was sich Nachbarn denken, wird der Verkaufserfolg des Golf, der von weitem ein bissl nach Pragmatisierung in der Statistik ausschaut, klar und schlüssig.
Weitere Klarheit verschafft das Zusammenleben mit dem Bestseller, und nach einem Jahr können wir festhalten: Nie hat etwas gefehlt, selbst zu dritt mit drei Rennrädern am Dach und Gepäck für zwei Wochen waren wir unproblematisch und ohne Enge bis Südfrankreich unterwegs (beim Heimreisen war’s ein wenig anders, was weniger am Golf als an den Reisemitbringseln lag). Gesamt ist der Golf ein Auto, das sich allen Bedürfnissen in Echtzeit anzupassen scheint – wer einsteigt, hat schon gewonnen, findet sich sofort zurecht und badet im Gefühl, schon immer hier gesessen zu sein, auch wenn’s nicht stimmt. Mittlerweile scheint es ein bisserl, als würde nicht der Golf nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner aller Bedürfnisse gebaut, sondern umgekehrt.
Da spielt natürlich auch die Wahl des Motors eine tragende Rolle. Die 140 PS des Common-Rail-TDI haben sich als feines Maß bewährt, selbst voll besetzt bleibt der Golf damit agil, an den 320 Nm gibt’s nichts zu zweifeln, die Geräuschkulisse ist mit dem Ende des Pumpe-Düse-Zeitalters deutlich dezenter geworden, aber noch immer eindeutig
auf Diesel gestimmt – auf ­hintergründigem, freundlichem ­Niveau und alleine beim Beschleunigen. Sechs aus dem Handgelenk gewedelte Gänge wären da eine stimmige Wahl, DSG ist aber noch stimmiger – es markiert einen echten Fortschritt zum Wandlerautomatik-Zeitalter, sechs Gänge sind Stand der Technik, nur ein leichter Sprung in der Zugkraft ist fühlbar. Angenehm niedrig ist der Testverbrauch: 6,6 Liter/100 km, oft mit eiligen Fahrern, ließen sich von Sparefrohs noch klar unterbieten.
Und wie haben sich die ­Extras übers Jahr bewährt? Die Navigation ist souverän geblieben, wiewohl man überhaupt langsam aufhören kann, Navis der Fehlinformation überführen zu wollen. Hier passte jede Anweisung, alles war klar, auch der Touchscreen. Wer nicht mit Schokolade- oder Ketchup-Fingern hintapst, wird seinen Putzmittelverbrauch nicht steigern müssen.
Kaum im Einsatz war hingegen der Parklenk-Assistent. Hie und da probierten wir ihn aus, um Beifahrer zum Schweigen zu bringen, aber gesamt reifte die Erkenntnis, dass man in Parklücken, die er bezwingt, auch locker alleine hineintrifft. Und wird die Lücke knifflig kurz, dann versagt er offensiv, während man selbst noch Chancen hat.
Besonders gerne genommen wird bei ständig wechselnden Fahrern die elektronische Fahrwerksabstimmung. Der Unterschied zwischen Sport und Komfort ist jedenfalls enorm, und jede Neigungsgruppe findet die Abstimmung der anderen indiskutabel. Man kann also von gelungener Spreizung reden, und ob man sich die 943 Euro leisten mag, lässt sich am ehesten bei vergleichenden Probefahrten eruieren.
Eine echte Überraschung ist der Golf in der Abschluss­bilanz, so fehlerfrei wurde ­selten ein Auto durch die ÖAMTC-Abschlussprüfung applaudiert: Nicht ein einziges Fleckerl, das von Ermüdung künden würde, und was sich auf den Wert schlägt, ist selbst eingebrockt – ein paar winzige Dellen oder Schürfwunden im Lack, die aber nie bis zur ­Substanz des Autos vordringen konnten. Etwas nachdenklich stimmt nur, dass der bei VW gekaufte Radträger ganz ­dezente Dellen an den Dachholmen hinterließ, aber auch die entdeckte erst das geschulte Auge des ÖAMTC-Schätzmeisters. Darüber hinaus ist absolut nichts zu bemängeln, keine Altlast, keine drohenden Reparaturen, auch subjektiv ist kein Knarzen oder sonstiges garstiges Geräusch zu hören, nix sieht abgewetzt aus (besonders nicht die Alcantara-Mittelbahnen der Sitze) oder fühlt sich locker an. Die subjektiv gefühlte lückenlose Solidität des Golf wird den kommenden Besitzer also noch lange nicht verlassen, VWs Qualitäts­versprechen geht voll auf.
Dennoch, und jetzt kratzen wir wieder die Kurve zum Neupreis, sind von den 38.631 Euro 15.161 auf der Strecke geblieben, also mehr als ein Drittel, woran freilich auch die für einen Einjährigen unüblich hohe Kilometer­leistung schuld ist. Der Kilometerpreis ohne Wertverlust liegt jedenfalls bei 0,102 Euro, mit Wertverlust steigt die ­Summe auf 0,429 Euro.
Ein angemessener Preis und gleichzeitig ein Fingerzeig, dass ein Golf sowieso deutlich länger als ein Jahr der beste Freund des Menschen sein kann.

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