VW Golf VII Volkswagen Golf 7 Kommentar
Auch der neue Golf steht da wie die gute, alte D-Mark.
 

Was kann, darf, muss Golf?

Es gibt im Automobilbau leichtere Aufgaben, als einen neuen Golf entwickeln zu müssen. VW gelang es wieder einmal mit guten und weniger guten Überraschungen.

18.02.2013 Autorevue Magazin

Gleich vorweg: Dies ist der mutigste Golf seit gefühlt 25 Jahren. Aha, werden Sie jetzt vielleicht sagen, der Golf sieht doch aus wie ein Golf. Mut ist natürlich zuerst einmal relativ gemeint, denn absolut gesehen gelingt ihm die Aufregung nur auf den zweiten Blick. Alles andere wäre auch ein fataler Fehler gewesen für das erfolgreichste Kompaktmodell weltweit und die noch immer wichtigste Stütze des VW-Konzerns.

Erst wenn man direkt davorsteht, erlangt Generation Sieben eine Schärfe und Präsenz, die weder auf den Fotos und schon gar nicht auf den vorangegangenen Computermodellen zu erahnen ist. Der VW Golf leistet sich nun im wortwörtlichen Sinn Ecken und Kanten, und so klein und fein die Unterschiede in der Gesamtschau auch sein mögen, bricht das Design hier doch mit einem jahrzehntelangen VW-Dogma. Denn scharfe Kanten auf der Motorhaube (Ford Fiesta, Hyundai i30) und an den Flanken (Audis Tornadolinie) sind weißgott eine schon länger existierende Modebewegung, und Modebewegungen hat der Golf bisher ja kaum mitgemacht. Golf war immer auch ein Monument seiner selbst.

Fühlte sich Wolfsburg also unter Zugzwang? Sollte man jedenfalls. Die Verkaufszahlen des Immer-noch-Bestsellers können schon lange nicht mehr mit den Steigerungsraten des Konzerns mithalten – was aber auch wieder kein Wunder ist. Den derzeitigen Hey-Märkten China und Amerika gibt ein Golf
genau gar nichts, und selbst in Europa steckt er in ­einer selbstkonstruierten Zange aus Polo, Beetle, ­Scirocco, Jetta, Touran, Caddy, Tiguan und Cabrio – im Prinzip alles Golfs mit einem speziellen Mehrwert. Nicht zu vergessen natürlich diverse Skodas und Seats und Audis und der ehrenwerte Mitbewerb vom östlichen Horizont.

Was Generation Sieben abseits der zarten modischen Attitüde besser als jemals zuvor gelingt, ist die Zurschaustellung grunddeutscher Tugenden. Haptik und Detailqualität reichen weit über das Klassenmaß hinaus. Der Rest wird sich bei den ersten Ausfahrten zeigen, aber die Konkurrenz sollte sich mal nicht zu viele Hoffnungen machen. Auch der neue Golf steht also da wie die gute, alte D-Mark. Keine Kompromisse, keine Zugeständnisse. Hartwährungspolitik pur. Solider Maschinenbau nach den Kriterien des deutschen Vergleichstests.

Das komplette Pflichtenheft wurde brav erfüllt. Wachstum scheint in der deutschen Autoindustrie so eine Art physikalisches Gesetz zu sein, deshalb wuchs auch Generation Sieben in Länge und Breite, wurde allerdings der schlanken Linie wegen flacher und vor allem leichter (um bis zu 100 kg) – die harten technischen Fakten finden Sie auf den Folgeseiten. Hier die Zusammenfassung: Alle Hausaufgaben mit viel Fleiß erledigt (mehr Raum, mehr Komfort, weniger Verbrauch), technische Sensationen wird man aber lange suchen. So macht der Golf das derzeit aktuelle Zylinder-Downsizing nicht mit (bietet dafür aber eine Zylinderabschaltung, soll uns recht sein).

Dass VW-Chef Martin Winterkorn die Präsentation mit den Worten „Auf diesen Moment habe ich mich seit Monaten gefreut“ eröffnet hat, dürfte vor allem daran liegen, dass der Modulare Querbaukasten nun endlich richtig Stückzahlen machen wird. Durch eine Maximierung der Gleichteile von Konzernprodukten sollen erhebliche Produktionseinsparungen möglich sein – Analysten raunen von bis zu 3000 Euro pro Auto. Beim Kunden kommt dies allerdings nicht in Bargeld an, sondern bloß als – immerhin deutlich – verbesserte Ausstattung, was wohl reichen wird, um den Golf im Konkurrenzumfeld attraktiv zu halten.

Ein sicherer Gewinner also? Wahrscheinlich. Das ernsthafteste Problem könnte dem neuen Golf bloß aus meiner 24-jährigen Tochter erwachsen. Die fand nämlich den Hyundai i30 nach einer Proberunde einfach nur „super-chilly“. Und zum Golf VII werden uns noch viele Lobesworte einfallen, aber „super-chilly “ wird wohl nicht dabei sein. Ob der nun bei allen Modellen serienmäßige Touchscreen reicht, ist fraglich. In dieser neuen, furchtbar komplizierten iWelt zählen nicht nur die Hardfacts des deutschen Maschinenbaus, sondern auch Chic, Leichtigkeit und Coolness – und all das war noch nie ein Heimspiel für Wolfsburg.

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