VW-Skandal weitet sich aus

Falsche CO2-Werte: 800.000 Autos sind betroffen, ein Schaden von knapp 2 Milliarden Euro wird erwartet – der VW-Skandal nimmt neue Dimensionen an. Erstmals auch Benzinmotoren betroffen.

04.11.2015 APA

Der Abgasskandal bei Volkswagen erreicht eine neue Dimension: Nicht nur gefährliche Stickoxide (NOx), auch klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) dürfte laut internen Untersuchungen von vielen Modellen in größeren Mengen ausgestoßen worden sein als angegeben. Damit könnte der tatsächliche Spritverbrauch von hunderttausenden Fahrzeugen höher liegen, als deren Besitzer bisher annahmen.

04.11.2015 10:50 ++ Nach Abgasmanipulation auch CO2-Werte falsch

Erste Reaktion von VW

Am Dienstagabend hatte VW nach Manipulationen bei Stickoxid-Werten auch „Unregelmäßigkeiten“ bei CO2-Werten einräumen müssen. Es gehe dabei hauptsächlich um Dieselautos, aber auch um eine geringe Anzahl von Benzinern. Wie hoch der gemessene Ausstoß über den offiziellen Werten liegt, sagte ein Sprecher zunächst nicht.

VW-Aktie stürzt ab

Die neuen Hiobsbotschaften schickten die Vorzugsaktie der Wolfsburger am Mittwoch abermals auf eine Talfahrt. Das Papier sackte nach dem Handelsbeginn in Frankfurt zeitweise um mehr als 10 Prozent ab.

Tagesschau-Beitrag über die Ausweitung des Abgas-Skandals von VW

800.000 Fahrzeuge betroffen, Kosten von knapp 2 Milliarden Euro

„Nach derzeitigem Erkenntnisstand können davon rund 800.000 Fahrzeuge des Volkswagen-Konzerns betroffen sein“, hieß es in Wolfsburg. Europas größter Autobauer taxierte die wirtschaftlichen Risiken in einer ersten Schätzung auf rund 2 Mrd. Euro.

VW-Chef verspricht „schonungslose“ Aufklärung

Der neue Vorstandschef Matthias Müller versprach erneut eine „schonungslose“ Aufklärung: „Dabei machen wir vor nichts und niemandem Halt. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber er ist für uns ohne Alternative.“ Der Aufsichtsrat reagierte „mit Betroffenheit und Sorge“ auf die neuen Erkenntnisse. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) wird sich die Aufsichtsratsspitze spätestens an diesem Sonntag treffen, der komplette Aufsichtsrat dann am Montag.

Softwaremanipulation von VW

Bisher ging es in dem Skandal ausschließlich um Stickoxide. Im September hatte VW eingestanden, bei Abgastests auf dem Prüfstand mit Softwarehilfe die Ergebnisse für Dieselmotoren manipuliert zu haben. Das Programm schaltet in Testsituationen in einen Sparmodus. In dem Zusammenhang musste VW bereits 6,7 Mrd. Euro zurückstellen.

Schwere Vorwürfe von US-Umweltbehörde

In den USA, wo der Abgasskandal seinen Ausgang nahm, wandte sich nach einem Bericht des Deutschlandfunks das Energie- und Handelskomitee des US-Repräsentantenhauses mit der Bitte um weitere Informationen an VW-Landeschef Michael Horn. Bis zum 16. November solle dieser weitere Dokumente vorlegen. Die Umweltbehörde EPA wirft VW, Audi und Porsche vor, auch bei größeren Dieselmotoren getäuscht zu haben. Die Unternehmen wiesen die Anschuldigungen zurück.

Porsche Cayenne mit Dieselmotor wird in den USA nicht mehr verkauft

Porsche stoppte den Verkauf des Geländewagens Cayenne mit Dieselmotor in den USA. Man habe die Auslieferung der entsprechenden Modelle dort vorerst eingestellt, sagte ein Sprecher am Mittwoch. Dies sei eine reine Vorsichtsmaßnahme. Man prüfe die Vorwürfe der EPA noch.

Porsche rechnet mit Einbußen

Mit Blick auf die CO2-Werte hatte die Holding der Stuttgarter VW-Luxustochter schon am Dienstagabend angedeutet, dass auch im Ergebnis der Porsche SE ein „belastender Effekt“ eintreten könnte. Derzeit gehe man aber für 2015 weiter von einem Gewinn nach Steuern zwischen 0,8 und 1,8 Mrd. Euro aus – auch „unter dem Vorbehalt weiterer Erkenntnisse im Zusammenhang mit der Dieselthematik“.

Welche Modelle betroffen sind

VW hatte erklärt, im Rahmen der laufenden Überprüfungen aller Prozesse und Abläufe bei Dieselmotoren sei aufgefallen, dass bei der CO2-Zertifizierung einiger Fahrzeugmodelle zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt wurden. Betroffen seien überwiegend Fahrzeuge mit Dieselmotoren. Es gehe um den Polo, Golf und Passat, sagte ein Sprecher. Bei Audi seien A1- und A3-Modelle betroffen. Bei Skoda gehe es um den Octavia, bei Seat um den Leon und Ibiza. Auch bei einem Benzinmotor mit Zylinderabschaltung gebe es Auffälligkeiten. Es handle sich aber um eine geringe Stückzahl. Bei den Dieselmotoren seien 1,4-, 1,6- und 2,0-Liter-Varianten betroffen.

Zu niedrige Kfz-Steuern?

Die neue Dimension könnte auch finanziell gravierende Folgen haben. So hängt in Deutschland die Höhe der Kfz-Steuer für jüngere Pkw mit Erstzulassungsdatum ab 1. Juli 2009 auch am CO2-Ausstoß. Damit steht das Risiko im Raum, dass durch die Abgasmanipulationen Kfz-Steuern für Autos aus dem VW-Konzern zu niedrig festgesetzt worden sind.

Reaktion aus der Politik

Die Grünen sehen nun auch der deutsche Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) am Zug. „Angesichts der Dimension des Skandals und dem damit verbundenen Schaden für die gesamte deutsche Automobilbranche reicht es nicht mehr aus, Aufklärung als Show zu simulieren“, sagte der Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer der Deutschen Presse-Agentur. Dobrindt müsse klare politische Regeln und Kontrollen durchsetzen.

Vorwurf aus dem Umweltausschuss

Die Chefin des Umweltausschusses im Deutschen Bundestag, Bärbel Höhn, erklärte: „Offenbar hat VW bei der Ermittlung des Spritverbrauches illegale Techniken angewendet, um ihn nach unten zu korrigieren.“ Strittig ist auch die Rolle des Kraftfahrt-Bundesamts. Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) sagte der „Rheinischen Post“: „Es ist jetzt die Stunde des Kraftfahrt-Bundesamtes, das dringend für Aufklärung bezüglich der Abgaswerte im Realverkehr und bei Tests sorgen muss.“

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  • Merian69

    Mit dem Thema Dieselmotoren wird im Prinzip ein Wirtschaftskrieg USA gegen EU geführt, erinnert mich irgendwie an die 80er Jahre des kalten Krieges wo man den Sowjets damals angeblich manipulierte Computerchips mit Fehlfunktionen untergejubelt hat, um die Wirtschaft zu schwächen.

    • Marcus

      Ich dachte das auch am ersten Tag (es war ein Montag), als die Meldungen rausgekommen sind. Ich hätte das den Amis auch sofort zugetraut. Warum ich es aber ziemlich bald anders gesehen habe:
      *Im Endeffekt hat VW 11 Mio Kunden betrogen, nur 0,5Mio davon in den USA.
      *Die EPA-Behörde hat schon 1 Jahr vor der Verlautbarung mit VW Kontakt aufgenommen, weil man das Thema besprechen bzw. klären wollte – VW hat immer nur abgewimmelt.
      *Eine europäische NGO hat den Stein ins Rollen gebracht – die wollten wissen warum der US-Jetta angeblich weniger NOx ausstößt als die EU-VWs. (Lösung: heute wissen wir, dass beide gleich schmutzig waren)
      *In den europäischen Städten hat man gehofft, dass durch die schrittweise Aufrüstung auf Euro6-Diesel endlich die NOx-Werte deutlich sinken werden – tatsächlich sank fast nur der Norm-NOx-Wert, nicht aber die Real-NOx-Werte, die in den Städten gemessen wurden. Die Kinder, deren Lungen besonders empfindlich auf NOx und das daraus gebildete Ozon reagieren (und weitere Schadstoffe) reagieren, müssen weitere 10 Jahre leiden.
      Die paar Diesel, die jetzt in den USA weniger verkauft werden, sind das kleinste Problem. Wir hier in Europa können froh sein, dass der NOx-Wahnsinn jetzt wohl endlich ein bisschen Nachlassen wird. Über die gelogenen Verbrauchswerte der besonders teuren „Bluemotion“ Modelle sage ich besser gar nichts….

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