VW BEETLE
Im Schnittmuster finden sich alle modernen VW-Design-Elemente.
 

Testbericht: VW Beetle 1,2 TSI

Aus dem Zeichentrick-Revival des Vorgänger-Nachfolgers ist nun ein echt lebendiges Auto geworden.

26.12.2011 Autorevue Magazin

Da grüßt er jetzt, der Alte, klar aus der tatsächlichen Erinnerung herüber, nicht mehr so einfältig wie in der vorangegangenen kindlich vereinfachten Darstellung, als Cartoon-Wesen, das dann tatsächlich ja nicht so ganz der Erfolg wurde, den sich Volkswagen ausgerechnet hatte. Die reduzierte Sicht ist eben nicht immer unbedingt die eingängigere, oder anders: eingängiger vielleicht, aber sie schlägt keine Wurzeln im Gefühlsgeflecht und verwelkt deshalb schnell, ohne etwas von sich hinterlassen zu haben.

VW BEETLE

Den zweiten Beetle-Anlauf hat VW besser hingekriegt.

Der stilistische Ton ist nicht leiser geworden, aber differenzierter. Er zielt auf die Geschichte hinter der ikonografischen Form und erzählt den eigentlichen Plot, jedenfalls in den Grundzügen. Der neu-neue Käfer, der im sorgfältig ausgefeilten Marketing-Sprech nun „The Beetle“ heißt, gerade so, als müsste er sich per Artikel-Bestimmung aus den Niederungen diffuser Epigonen-Gefahr herausretten, dieses One-and-Only-Remake also macht mit seiner Linienführung jene familiären Verknüpfungen sichtbar, die heute mehr denn je im wirtschaftlichen Machtgeschiebe des Konzerns spürbar sind: Volkswagen und Porsche sind zwei Früchte von ein und demselben Baum. (Und jetzt ist die Familie wieder geeint und ­beide Marken unter einem Dach.)

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Die ursprüngliche Porsche-Nähe sieht man dem Neuen schön an.

Die Scheinwerfer, die sich im Flug der Geschichte zu fliehenden Licht-Ellipsen verzogen haben, rufen: 911!, und die spannungsgeladen nach hinten auslaufende Dachlinie hat auf vertraute Art das gefühlte Kraftzentrum Richtung Heck verschoben. Dabei ist er natürlich längst ein Fronttriebler. Mehr noch: Der Beetle ist eigentlich ein Golf unter seiner schmucken Schale. Er fährt sich dementsprechend auch ganz wie ein Golf, lenkt wie ein Golf, bremst wie ein Golf. Technisch ausgefeilt, evolutionsperfek­tioniert, mil­lionenfach erprobt, massentauglich. Da kann man nichts falsch machen.

VW BEETLE

VW Beetle: Neue Größe

Er ist entsprechend seiner technischen Basis auch ziemlich groß geworden, misst in der Länge deutlich über vier Meter, mit günstigen Platzverhältnissen drinnen. Anders als beim unmittelbaren Vorgänger können auf der Rückbank nun durchaus zwei Erwachsene menschenwürdig sitzen, und der Kofferraum trägt seinen Namen jetzt zu Recht. 310 Liter Volumen bei aufrechten und über 900 bei umgelegten Rücksitzlehnen. Und es gibt eine echte Heckklappe, weit aufschwingend, mit entsprechender Stückgut-Rangier-Breite.

Die neuen Maße (4,28 Meter Länge!) werfen aber auch enorme Wände und Flächen auf, die einem ein bisschen Angst ein­jagen können, wenn die ­naive Niedlichkeit der Beetle-Gestalt sich so aufbläst. Kindlicher Riesenwuchs. Ein feistes Heck ist es geworden, das Höhe und Breite zu einem Abschluss führen musste und eine riesige Fläche geschaffen hat.

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Natürlich gibt es auch drinnen Vergangenheitsversatz­stücke.

Wenige glücklicherweise. Die Blumenvase in ihrer verhauchten Gimmickhaftigkeit bleibt uns erspart. Geblieben sind nette Halteschlaufen an der B-Säule, und auch das doppelte Handschuhfach ist ein harmloser Spaß. Die obere Abteilung ist, wie anno dazumal, nach oben zu öffnen, mit einem versenkten Spriegel-Griff, dessen drolliger Biskotten-Form aber das elegante Selbstverständnis der früher dünnen Spar-Vorrichtungen fehlt. Auch das Gummiband an den Türfächern ist ein ­feiner Einfall. Hätte man es nach unten mit einem dünnen Netz abgesichert, würde auch nichts herausfallen beim ­Nesteln in den verborgenen Winkeln. Die Ablagen sind sonst aber VW-mäßig tadel­los und allesamt mit rutsch­resistenter Einlage gesichert.

Knapp über 20.000 Euro kostet das einfache Leben un­seres Testauto.

Design ist die zweithöchste Ausstattungslinie (rund 2.000 Euro Differenz zur Basis) und zeigt solches an den Interieur-Oberflächen, von ­denen einige in Karosserie­farbe lackiert sind. Auch das Lederlenkrad gehört dazu.

Die Basis-Motorisierung mit 105 PS kommt als 1,2-l-Turbo-Benziner mit Direkteinspritzung (TSI), was Sparsamkeit suggeriert, tatsächlich aber auf durchschnittlich 7,8 Liter hinausläuft. Auf den Blue­Motion-Zauber von Start-Stopp-Automatik & Co. muss man beim Beetle verzichten, derzeit jedenfalls noch.

Schon klar: Der Auftrag des Beetle ist es nicht, eine neue Benchmark in Ökonomie zu setzen. Hier kocht VW Geschichte zu einem Lifestyle-Statement auf. Mit durchaus guten Geschmacksakzenten. Man legt dann aber eher Wert auf einen Satz größerer Räder, in 17-Zoll-Dimension eventuell (18 Zoll wären auch möglich; 19 sogar als Sport), ein kluges, weil einfach per Touchscreen bedienbares Navi oder eine spezielle Lackierung, in unserem Fall etwa ein ernstes Platingrau-Metallic, das definitiv die letzten hartnäckigen Blumenkind-Bilder verbellt. Auch die Anbringung eines Käfer-Schriftzuges für 50 Euro kann man sich überlegen.

Gestern war gestern.

Und natürlich: Kommt der neue Beetle einmal neben seinem Urahn zu stehen, was durchaus noch passieren kann in unseren Breiten, erschrickt man ein bisschen. Allein ob der Größe, die man zähneknirschend beim Parkplatzsuchen spürt, aber eben auch zufrieden auf der Langstrecke und beim Transportieren von Kindern und Einkaufsdingen. Der ­Beetle ist ein gutes, freundliches Auto. Er stimmt die Menschen heiter. Das tut gut in einer Zeit, in der so viel Böses über Autos und ihr Weiterbestehen gesagt wird. Ein kleines Friedenszeichen. Ach, Ferdinand!

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