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Was beim neuen Volvo XC90 auffällt und was überrascht

Der neue Volvo XC90, ist er der Apple unter den Autoherstellern SUV? Was der Neue kann und welches Modell uns besonders gefällt.

12.02.2015 radical mag

Verfluchen, auf ewig, werden sie in Göteborg den Tag, als sie die «soccer mum» in Pension geschickt haben. Jene Mütter, die ein halbes Dutzend Kinderchen im kantigen Kombi irgendeiner Volvo-Baureihe zum Fußball und wieder nach Hause gefahren haben, sich dabei sicher fühlten, auch noch gut aussahen. Es war dies eine biedere Kundschaft, mag ja sein, aber eine loyale, ehrliche, vernünftige. Doch sie war irgendwann nicht mehr schick genug, diese Klientel – auch weil sie ihre Autos viel zu lange behielt, hegte, pflegte. Der damalige Besitzer Ford (1999-2010) beerdigte also die Fußball-Mütter und verordnete Volvo Lifestyle sowie Premium, was tiefrote Zahlen und eine große Ratlosigkeit innerhalb der Marke zur Folge hatte. Es folgte 2010 dann das chinesische Konglomerat Geely, zu Beginn auch ruhelos und konzeptfrei.

Der neue Volvo XC90, Apple unter den Automobil-Herstellern?

Doch jetzt kommt der neue XC90 – und Volvo will damit Apple werden unter den Automobil-Herstellern. Benchmark wollen die chinesischen Schweden sein, in Sachen Sicherheit, Umweltbewusstsein, Design außen und innen – das bisher einzige Argument dafür misst gut fünf Meter und wiegt deutlich über zwei Tonnen.

8 statt 55

Die schwedische Marke, die heuer übrigens 100 Jahre alt wird, hat sich dafür in den Geely-Jahren komplett neu erfunden. Es geht dabei nicht nur um neue Technik und die ausgewechselte Führungsriege, der Relaunch von Volvo geht hinunter bis zu den Händlern, die sich ebenfalls einen neuen Auftritt zulegen müssen. CEO Hakan Samuelson sucht nicht den Vergleich mit den deutschen Premium-Herstellern, er spricht dafür gern davon, dass Volvo «anders» sei, ganz neue Werte auf den Auto-Markt bringe – und als Beispiel wird dann angeführt, dass es im neuen XC90 nur noch acht Knöpfchen gibt für die Bedienung, während ein gerade frisch aufgelegter Konkurrent 55 habe.

Touchpad jetzt auch im XC90

Tatsächlich findet der größte Teil der Bedienung über einen Touchscreen von der Größe eines iPad statt. Ein solches Konzept haben andere Hersteller, allen voran natürlich Tesla, aber auch der französische PSA-Konzern, schon länger im Programm, doch die Schweden ziehen das mit einer Konsequenz durch, die nicht bloß erstaunt, sondern von den Kunden sicher eine gewisse Gewöhnungszeit verlangt. Es ist schon gut durchdacht, das System, die Bedienung von Navi oder Klimatisierung erfolgt so intuitiv wie bei einem iPhone, selbstverständlich lassen sich die einzelnen Unter-Menus zur Seite oder wegwischen (oder über die Sprachsteuerung aktivieren). Der große Vorteil: das Cockpit kann sehr sauber gestaltet werden, alles ist ruhig und elegant. Leider sieht die Ablage in der Mittelkonsole mit den Becherhaltern aus wie in einem Billigprodukt, das wurde im Gegensatz zu den restlichen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine irgendwie nicht zu Ende gedacht. Aber es braucht ja auch da noch Raum für Verbesserungen.

Der wichtigste Markt für Volvo

Verantwortlich für die neue Design-Sprache innen wie außen ist der Deutsche Thomas Ingenlath, der von 2000 bis 2005 die Optik von Skoda aufmischte, seit 2012 für Volvo arbeitet. In den vergangenen zwei Jahren hat er bemerkenswerte Studien auf die Räder gestellt, welche die neue Richtung anzeigen sollen. Davon ist beim XC90 außen nicht viel übrig geblieben, ein Lämpchen hier, ein Schwung da. Doch so ein «Full-Size»-SUV mit bis zu sieben Sitzplätzen folgt selbstverständlich gewissen Bedingungen, es muss ein Klotz sein, das verlangt insbesondere der amerikanische Markt, der für Volvo schon seit Jahrzehnten der wichtigste ist. Immerhin: der Radstand darf lang sein, weil die Überhänge bleiben.

Das Zauberwort

«SPA» heißt dabei das Zauberwort, und dabei geht es nicht um wohlige Wellness, sondern um die «Scalable Product Architecture». Das ist die geistige, technische Schwester des modularen Quer-Baukastens (MQB) des Volkswagen-Konzerns, eine Plattform, auf der sich ein ganzer Konzern aufbauen lässt. Der neue XC90 von Volvo wird noch mindestens drei Brüderchen erhalten, Limousine, Coupé und Kombi – S90, C90, V90 – dazu wohl noch zwei Handvoll kleinere Derivate, das spart Kosten in der Entwicklung und noch mehr in der Produktion. Der Kunde merkt das ja eh nicht (siehe: Volkswagen-Konzern), da kann man bestens nach oben und nach unten und auch noch in die Breite skalieren. Und weil Volvo in Zukunft als Antrieb sowieso nur noch Vierzylinder-Motoren mit Automatik-Getriebe anbieten will, passt «SPA» auch bestens für das gesamte Modell-Programm. Und die kompakteren Motoren eröffnen außerdem mehr Möglichkeiten bei der Gestaltung des Fahrzeugs.

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© Bild: Werk

Keine Stärke von Volvo

Ingenlath und die Marketing-Maschinerie sprechen dann natürlich von «skandinavischem Design», wobei es da in erster Linie um die Teilbereiche der schlichten Formalität und der großen Funktionalität geht; der Minimalismus und die preisgünstige Massenproduktion, in den 50er Jahren ebenfalls Forderung der Bewegung, gehören eher nicht zu den Stärken von Volvo.

Das sicherste Auto der Welt, sagt Volvo

Mit seinen sieben vollwertigen Plätzen oder dem wahlweise großzügigen Kofferraum ist der mächtige Schwede sicher funktionell, er will auch noch das SUV sein mit der besten Aerodynamik überhaupt – und das sicherste Auto der Welt. Die Auflistung aller Systeme würde den Rahmen dieser Berichterstattung sprengen, doch die Schweden kommen mit dem XC90 ihrem Ziel, dass im Jahr 2020 keine Menschen mehr sterben sollen in einem Volvo, wieder ein Stückchen näher.

Der Konkurrenz voraus

Prunkstück der Baureihe ist der T8, ein Plug-in-Hybrid, dessen 2-Liter-Vierzylinder-Benziner 320 PS leistet, die noch von einem 80 PS starken Elektromotor begleitet werden. 40 Kilometer will der XC90 rein elektrisch fahren können, und wird das in den Norm-Verbrauchszyklus eingerechnet, so liegt der Verbrauch noch bei 2,5 Liter/100 km, die CO2-Emissionen bei 59 Gramm/km. Ein solches Fahrzeug kann die deutsche Premium-Konkurrenz mit Ausnahme von Porsche nicht bieten, da zeigt der im Vergleich sehr kleine Hersteller eine erstaunlich hohe technische Kompetenz. Das hat dann natürlich auch seinen Preis.

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© Bild: Werk

Der Preis des Volvo XC90

Ab 77.800 Euro gibt es den Volvo XC90 T8 Twin Engine. Zu diesem Modell ist noch zu sagen, dass die Batterien im Mitteltunnel verbaut sind, was den Raum für Passagiere und Gepäck dann nicht einschränkt. Und das er schwer ist, was sich im Fahrbetrieb bemerkbar macht. Einstiegsmodell wird aber der D5 AWD sein, ein Diesel mit 225 PS, der kommt dann mit Ende Mai für 58.450 Euro zu den Händlern. Das ist nicht gerade eine Kampfansage. Volvo braucht diesen Erfolg: zwar war 2014 das beste Jahr in der Geschichte, doch mit etwas mehr als 450.000 weltweit verkauften Fahrzeugen ist man noch weit vom Ziel von mindestens 800.000 Stück entfernt.

Die Preise für Österreich des neuen Volvo XC90

Sound, schöne Details und eine erste Kaufempfehlung

Aber weil ja immer auch der Weg das Ziel ist, hat Volvo mit dem XC90 jetzt einmal eine Marke gesetzt. Die sich auf einer ersten Ausfahrt als außergewöhnlich komfortables Fahrzeug erwiesen hat, als wunderbarer Gleiter, als feiner Langstreckenbegleiter; die Kurvenhatz ist eh nicht das Ding dieser mächtigen SUV, zu groß, zu schwer sind sie. Angenehm ruhig ist es in diesem Wagen, und wer Sound braucht, dem offeriert Volvo eine der besten HiFi-Anlagen auf Rädern überhaupt, konzipiert von Bowers & Wilkins. Und was man unbedingt haben muss: den handgefertigten Kristallglas-Schalthebel von Orrefors. Sehr schön auch: der Schlüssel, der so gar nicht wie ein Schlüssel aussieht, sondern vom gleichen Leder ummantelt ist wie es auch im Innenraum verwendet wird. Das würde die «soccer mum» wohl kaum faszinieren, doch die soll ja auch keinen Volvo mehr fahren. Wir empfehlen neben dem feinen, teuren T8 den T6 (320 PS), der macht Laune. Was man vom D5 (225 PS) nicht behaupten kann, der wirkt schwerfällig, trotz 470 Nm maximalem Drehmoment. Und, ach ja: definitiv Premium. Wunderbar verarbeitet, tolle Materialien.

Vielen Dank an die Kollegen von radical-mag.com

  • Klaus

    Die schwedische Marke, die heuer übrigens 88 Jahre alt wird, feiert 2027 ihren 100. Geburtstag ;-)

  • Christian

    Zwar ein schönes Auto, aber wenn du vorne 4 Ringe draufmachst, geht er (nur von vorne) auch als Q7 durch

  • Markus

    Liebes autorevue Team. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee ein Gewinnspiel zu machen wo man diesen schönen Volvo gewinnen kann. Mir würde er in weiß gefallen und als 7 Sitzer. Schwarz geht auch, aber dann mit abgedunkelten Scheiben. Denkt drüber nach. Ich verspreche dafür, dass ich mit spielen würde. Jeden Tag…

    Schöne Grüße
    Markus

    • Mikkel Crunch

      Da mach ich auch mit! Jeden Tag mehrmals…

  • Alfonso

    gratuliere Volvo! Ein Vierzylinder zum Preis eines Achtzylinders! Schon mal was von der Langlebigkeit eines Achtzylinders gehört?

    • Lüc

      Die Zeiten von Langzeithaltbarkeit sind vorbei! Der Leasing“käufer“ fährt damit, dann ist´s Zeit für die Entsorgung. Gebrauchtwagenkunden sind nicht vorgesehen.

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