Volvo S60 dyn VoRe
300 PS in aller Entspanntheit, trotzdem ohne Unschärfen.
 

Testbericht: Volvo S60 T6 Summum

Im besten Fall ist Zufriedenheit eine Frage der Formulierung auf Zeit.

08.12.2010 Autorevue Magazin

Festlegung hat immer etwas Einengendes. Weil wer weiß denn schon genau, wie alles werden wird. Da war Volvo immer ein feiner Ausweg. ­Superior, aber offen gegenüber dem Wesen seiner Halter, ­diverse Schrullen inklusive. Da geht sich viel aus, wenn auch tendenziell immer eher nach links als sonst wohin. Ob dann aber Basteln nach Montessori, Kitesurfen oder Briefmarkensammeln dazukommt, spielt keine Rolle.
Die Haltung ist scheinbar noch ausbaubar. An den Linien des neuen S60 lässt sich eine Tendenz zu weiterer Freiheit ablesen. Die Design-Schärfe der letzten Generation wich einer Weichzeichnung, es ist, also würde man beim ­Anschauen jetzt ein, zwei ­Dioptrien haben. Unschärfe für ein freundlicheres Weltbild irgendwie. Nett gemeint, braucht aber ein bisschen, bis man sich daran gewöhnt hat.

Die Büge am Kühler sind jetzt runder, die Heckleuchten dreidimensionaler und sehen nicht mehr aus wie mit dem Laser geschnittene Innenansichten einer Kristallwelt. Hier zeigt sich die Mittelklasse-­Limousine entgegenkommend, dagegen ist nichts zu sagen. Von Minderheiten wird eben Anpassung erwartet, und in unserer Kofferraum-orientierten Gesellschaft ist das Stufenheck (hier mit nur 380 Liter Kofferraum) eine unterlegene Größe.

Um der Exotik eines draufzusetzen, haben wir gleich zum T6 gegriffen, der die stärkste Benzinmotorisierung im Portfolio darstellt. Der ­distinguiert in Schwarz gehaltene S60 ist mit 304 PS ziemlich ernsthaft motorisiert, entsprechend wird von Allrad und Sechsgang-­Automatik als Grundbedürfnis ausgegangen. Geht hier gar nicht anders. Was man dem Sechszylinder-Reihenmotor mit den zwei Turboladern nicht nachsagen kann: Brustschwäche, schlechte Manieren und auffallende Maßlosigkeit (10,3 l/100 km). Trotzdem ist das eine andere Welt als wir sie in einem Audi S4 (333 PS) oder einem BMW 335i (306 PS) antreffen würden. Kultiviertheit vor Schärfe, Komfort statt angespannter Muskeln. Dabei lässt es der T6 aber ­keineswegs an Straffheit und Präzision ­fehlen.

Dass man sich in einem so fürstlich motorisierten S60 bei der Ausstattung nicht ­kasteit, ist irgendwie nach­vollziehbar. Die Top-Linie heißt bei Volvo Summum, und als solche bringt es der T6 auf knapp ­unter 55.000 Euro. ­Neben in der gehobenen ­Mittelklasse weitgehenden Selbstverständlichkeiten wie Einparkhilfe (hinten), ­elektrisch einklap­pen­den ­Seitenspiegeln und auto­matisch abblendendem Rückspiegel gibt es dann
auch ­wirklich fette Luxus-­Attribute wie Voll-Leder, ­elektrische Sitzverstellung und Xenon.

Das macht den Weg frei, dort noch zuzugreifen, wo auch die neuen Sicherheits-­Errungenschaften zu finden sind, etwa das gepriesene ­Assistenzsystem zur aktiven Geschwindigkeits- und Abstands-Regelung, das in der Liste der ­Extras mit 2.367 Euro angeschrieben steht. Per ­Radar-Sensoren vorne ­erkennt die Elektronik mehr oder ­weniger bewegliche ­Objekte wie stauende Autos oder ­Fußgänger, worauf der S60 erst per Rotlicht im Head­up-Display eine Warnung ­äußert und dann auf Eigen­initiative durch Bremsen ­langsamer wird, und zwar bis zum völligen Stillstand, vorausgesetzt man fährt eine ­Automatik, wie es beim T6 der Fall ist.
Was sich als prima Helferlein anbietet, steht allerdings nicht immer verlässlich zur Verfügung, weil da halt Banalitäten auftreten wie Dreck­wasser auf der Straße, das die Sensoren verpickt. Das Auto meldet dann am zentralen ­Info-Display artig einen System­ausfall, auf den sich der Fahrer einstellt. Weiters angeboten wird auch der ­Tote-Winkel-Warner BLIS, ein Fahrer-fährt-heute-aber-wieder-schlecht-Alarm (es zeigt sich eine Pause-empfehlende Kaffeetasse am Display) in Kombination mit der ­akustischen Spurverlass-­Schelte, die sich in Summe mit weiteren 1.800 Euro auf der Rechnung bemerkbar ­machen.

Zwei echte Komfort-Extras seien aus der Menge des Angebots noch herausgehoben: Das schlüssellose Zugangssystem, das bei Volvo so angenehm auch durch das Handauflegen an den hinteren Türen funk­tioniert. Und die Rückfahr­kamera mit eingebauter Einpark-Hilfslinien-Matrix, die ­einen freundlicherweise sehen lässt, ob es sich beim Dauerpiepsen um einen Beton-Stipfel oder einen ungünstig gewachsenen Grashalm handelt.

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