Vorstellung: Volvo S60

Der neue S60 kann als Mitgift verstanden werden. Volvo weiß, wie man sich für neue Geldgeber rausputzt.

22.07.2010 Online Redaktion

So funktioniert Kapitalismus. Als Volvo 1999 von Ford übernommen wurde, konnte sich der neue Besitzer über eine frische Modellpalette freuen. Der XC90 war fertig (und der SUV-Boom voll am Rennen), der V70 bog in die zweite Generation, und der damals neue S60 lief an … es war eine g’mahte Wiesn. Nur fair, dass mit amerikanischem Geld der neue S60 entwickelt wurde, der pünktlich zur Übernahme von Volvo durch den chinesischen Hersteller Geely kommt. Ein ­neues Flaggschiff als Mitgift.

Das ist für die Chinesen ­einerseits fein, weil der S60 im Volvo-Konzern als Technik­träger-Rakete verstanden wird (dazu später mehr), andererseits leidet die klassische Mittelklasse seit Jahren an einer Erosion. Die Krisengewinner leisten sich ein Upgrade, die größere Zahl der Verlierer rutscht nach unten. Und Limousinen sind eh out. Bei Volvo ist der XC60 der neue Topseller.

Das Ziel ist, die Verkaufszahlen des Vorgängers zu ­erreichen – 825 Stück in Österreich im erfolgreichsten Jahr. Weil kaum ein Kunde so treu ist wie ein Volvo-Käufer, müssen die Schweden nicht einmal bei den Mitbewerbern fischen. So die Hoffnung. Mit dem V60, also der Kombiversion, die ­bereits im November auf den Markt kommt, ist der größte Konkurrent hausgemacht. So eine weitere Hoffnung.
Alles Theorie. Die Wahrheit steht im Showroom, und für die ist in erster Linie Steve Mattin verantwortlich. Der durfte als Chefdesigner schon den XC60 kreieren und ließ jetzt den S60 in Volvos Zukunft fließen – Ecken und Kanten sucht man vergeblich. Das Erscheinungsbild erinnert eher an ein Coupé denn an eine klassische Limousine. Der typischen Volvo-Front und den kräftigen Schultern am Heck – von Enthusiasten geliebte Details, die manch anderer Designer mangels Courage sicherlich unverändert mit­geschleppt hätte – hauchte Mattin Eleganz ein. Mittlerweile hat er den schwedischen Autobauer unfreiwillig ver­lassen.

Der S60, ein optisches Statement, das sich zum Marktstart auch unter der Haube per ambitionierter Sportware fortsetzt. Zwei Benziner (ein Sechszylinder mit 304 PS und ein Vierzylinder mit 203 PS) sowie zwei Diesel (Fünfzylinder mit 163 und 205 PS) stehen zur Wahl. Der voraussichtliche Topseller, das DRIVe-Modell mit 115 PS, kommt Anfang 2011 und soll unter 30.000 Euro bleiben. ­Zusätzlich folgen noch drei Benziner mit 150, 180 und 240 PS (alles Vierzylinder).
Mit den neuen Motoren ­änderte Volvo auch die Namensgebung seiner Modelle. Ein T6 muss nicht zwangs­läufig ein Sechszylinder sein, ein D3 hat selbstverständlich mehr als drei Zylinder. Die Nummer ­bezeichnet lediglich die Platzierung im PS-Ranking der Baureihe. Je höher die Zahl, desto kräftiger der Motor.

Einen Sportwagen macht allerdings nicht einmal der T6 aus dem S60. Klar reißen einen die 304 PS mächtig nach vorne, und der in diesem Modell ­serienmäßige Allrad garantiert tolles Handling. Zusätzlich ­bekommt der Europäer in jedem Modell, was der amerikanische Händler als optionales „Sportfahrwerk“ listet: härtere Dämpfer und Federn, andere Lenkübersetzung.

Trotzdem: Es regiert Volvo-typische Gemütlichkeit. Der Radstand wuchs um sechs Zentimeter, die Gesamtlänge um drei. Beides kommt den Fondpassagieren zugute. Die vordere und hintere Spur wuchs um eine Handbreit. In Summe kommt der S60 eine Klasse satter daher als sein Vorgänger. Gas geben ist keine Grundeinstellung, sondern eine unter vielen Satisfaktions-Möglichkeiten. Zumal auch die Sitze Wohnzimmer-Flair versprühen. Man sinkt tief in knautschig-kuscheliges Leder.

Der Innenraum ist ein Best-Of der aktuellen Designlinie. Die Mittelkonsole schwingt sich behände durchs Cockpit, da verzeiht man auch die weiterhin unpraktische Ablage hinter der Schalttafel. Wichtiger ist ohnehin die Technik ­dahinter. Volvo hat kräftig aufgerüstet, vor allem in der Sicherheitstechnik. Da hat man einen Ruf zu verteidigen. Das bekannte City-Safety-System, ein radargestütztes Notbremssystem, das vor allem Auffahrunfälle vermeiden soll, wurde um eine Fußgänger-Erkennung erweitert. Das System erkennt per weiterentwickelter Radareinheit und einer Kamera auf Höhe des Rückspiegels Passanten und verfolgt ihre Laufwege. Rennt ein Kind hinter einem Ball her oder kommt hinter einem parkenden Auto plötzlich ein Fußgänger auf die Straße, bremst der S60 automatisch. Mit voller Kraft und bis zum völligen Stillstand. Bis 35 km/h wird so ein Unfall vermieden. Fast schon banal wirken da Spezereien wie eine Warnung bei Übermüdung, eine Voraktivierung der Bremsen bei einer bevorstehenden Notsituation (mit Warnleuchte im Head-up-Display) sowie die Überwachung des Toten Winkels (Warnleuchte in den Außenspiegeln).
Geely freut’s. Die wollen an Volvo ohnehin wenig ändern, vielmehr das Tor zum neuen Heimatmarkt aufstoßen. Könnte klappen, wird klappen.

Mehr zum Thema
pixel